Der polnische Ministerpräsident Tusk hat dem deutschen Literaturnobelpreisträger Günter Grass vorgeworfen, er habe in der Zeit des Diktatur den Kampf der Gewerkschaft „Solidarnosc“ gegen den Kommunismus nicht ernstgenommen. Durch sein langes Schweigen über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS habe er zudem seine Unterstützer in Polen zu „Opfern“ gemacht.
Tusk, der in den achtziger Jahren zur Redaktion einer liberalen Untergrundzeitschrift gehört hatte, berichtete im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Grass habe während eines Besuchs bei den liberalen Danziger Oppositionskreisen seinerzeit heftigen Widerspruch geerntet, als er die „Solidarnosc“ mit den Sandinisten in Nicaragua gleichgesetzt habe. Später habe er dann behauptet, er sei bei diesem Gespräch auf „extreme Nationalisten“ gestoßen.
„Von oben“ herab behandelt
Tusk sagte, er und seine Freunde hätten damals den Vergleich mit dem „para-kommunistischen Regime“ der Sandinisten „einfach beleidigend“ gefunden. Ebenso habe es sie empört, „zu hören, dass die Vereinigten Staaten genauso gefährlich seien, wie die Sowjetunion“. Grass habe die antisowjetische Haltung der polnischen Opposition damals „von oben“ herab als „provinziellen polnischen Antirussizismus“ gedeutet.
Dennoch hätten gerade die Danziger Liberalen Grass später zur Ehrenbürgerschaft ihrer Stadt verholfen und ihn gegen die Angriffe des nationalkonservativen Lagers verteidigt, als er im vergangenen Jahr seine frühe Mitgliedschaft bei der Waffen-SS gestand.
„Weltkriegsmuseum statt Vertriebenengedenkstätte“
Tusk schlägt kurz vor seinem Besuch in Berlin am Dienstag im F.A.Z.-Interview vor, statt eines „sichtbaren Zeichens“ zur Erinnerung an die Vertreibung von Millionen Deutschen aus den früheren deutschen Ostgebieten ein Museum des Zweiten Weltkriegs zu errichten, in dem die Vertreibungen im größeren Zusammenhang dargestellt werden könnten.
Tusk sagte, seine Regierung könne zwar noch nicht sagen, ob sie am Projekt eines „Sichtbaren Zeichens“ der Erinnerung an die Vertreibungen mitwirken könne, weil sie die „endgültigen Parameter“ dieses Projekts noch nicht kenne. „Ich kann deshalb noch nicht sagen, ob eine solche Zusammenarbeit möglich ist.“ Er frage sich jedoch, „ob es nicht besser wäre, ein weit umfassenderes Projekt zu realisieren, das an den Zweiten Weltkrieg erinnern würde“, und an dem alle interessierten Seiten, einschließlich Russlands und Israels mitarbeiten könnten.
„In einem solchen großen Museum des Zweiten Weltkriegs würde das Schicksal der Zwangsumsiedler seinen Platz in dem entscheidenden und umfassenden Kontext finden.“ Standort eines solchen Museums könne Danzig sein, wo mit dem Angriff auf die polnische Festung Westerplatte der Zweite Weltkrieg begonnen habe.
Weiter Differenzen zwischen Warschau und Berlin
Tusk wies darauf hin, dass trotz des Regierungswechsels in Polen viele Differenzen zwischen Warschau und Berlin nach wie vor nicht beigelegt seien. Viele polnische Erwartungen an Deutschland, die unter seinem Vorgänger Kaczynski zu Irritationen geführt hatten, seien Allgemeingut aller polnischen Parteien. Doch komme es auch auf den Ton an, in dem sie vorgetragen würden. Er wolle die bestehenden Differenzen nicht „aus den Schützengräben der Geschichte“ heraus betrachten.
Als Beispiel für die Kontinuität des polnischen Standpunktes nannte Tusk die Debatte über die Entschädigungsklagen der deutschen Vertriebenenorganisation „Preußische Treuhand“. Hier sei er nicht zufrieden mit der deutschen Versicherung, daß Berlin und Warschau den gleichen Rechtsstandpunkt hätten. Deutschland müsse hier „den notwendigen nächsten Schritt gehen“ und „für die eventuellen finanziellen Folgen der Entschädigungsklagen die Verantwortung übernehmen“.
Noch mehr Vorschläge
Maximilian Dyck (maxdyck)
- 09.12.2007, 19:56 Uhr
Tusk
Jens Herrmann (Namuchat)
- 09.12.2007, 20:35 Uhr
Blindheit und eingeschränkte Horizonten
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Jörg Beckmann (JLEBeckmann)
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Tusk gibt keine Position auf
franz Ujvar (ujvar)
- 09.12.2007, 23:02 Uhr
