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F.A.Z.-Afrika-Korrespondent Scheen : „Ich hatte Angst um mein Leben“

  • Aktualisiert am

Kämpfer der Mai-Mai-Milizen in der Nähe von Goma Bild: Laif

Vier Tage war F.A.Z.-Korrespondent Thomas Scheen in Ostkongo in der Hand von unberechenbaren Mai-Mai-Milizen. Im Interview spricht er über den nervenaufreibenden Dauerstress, seine Todesangst und warum er während der Geiselnahme „Figaros Hochzeit“ hörte.

          Der langjährige Afrika-Korrespondent der F.A.Z., Thomas Scheen, wurde Anfang November bei seiner Berichterstattung aus der Krisenregion in Ostkongo von Mai-Mai-Milizen verschleppt. Drei Tage lang hielten die Soldaten ihn und seine kongolesischen Begleiter fest. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht Scheen über die nervenaufreibende Situation, die ihn keine Sekunde schlafen ließ, die Angst um sein Leben und warum „Figaros Hochzeit“ künftig eine ganz besondere Bedeutung für ihn haben wird.

          Thomas Scheen, Sie sind im Kriegsgebiet Ostkongos von den Maï-Maï-Milizen verschleppt worden, die als besonders brutal gelten und in deren Reihen es viele Kindersoldaten gibt. Drei Tage lang waren Sie in ihrer Gewalt. Hatten Sie Angst um Ihr Leben?

          Ja, das hatte ich.

          Thomas Scheen, Afrika-Korrespondent der F.A.Z., im Gespräch mit pakistanischen Soldaten der UN-Truppe Monuc im Jahr 2005
          Thomas Scheen, Afrika-Korrespondent der F.A.Z., im Gespräch mit pakistanischen Soldaten der UN-Truppe Monuc im Jahr 2005 : Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

          Was war besonders schlimm?

          Schlimm war vor allem, dass ich es nicht mit einer halbwegs organisierten Rebellengruppe und damit mit trainierten Soldaten zu tun hatte, sondern überwiegend mit Kindern unter Drogeneinfluss. Diese Kinder waren Argumenten nicht zugänglich. Die wussten nicht einmal, was ein Journalist ist. Erschwerend kam hinzu, dass nur ganz wenige der etwas älteren Kämpfer gebrochenes Französisch sprachen. Ich konnte nicht kommunizieren und konnte umgekehrt auch nicht verstehen, worüber gesprochen wurde und folglich auch Situationen nicht einschätzen. Das war ziemlich nervenaufreibend.

          Sie haben nicht alles getan, was Ihre Entführer verlangt haben, und sich etwa geweigert, in den Kofferraum des Entführungsautos zu steigen, obwohl sie mit der Waffe bedroht wurden. War dieser Widerstand nicht sehr riskant?

          Ich war ohnehin schon gefesselt und in diesem Moment der Überzeugung, dass ich lebend aus diesem Kofferraum nicht mehr herauskommen würde. Zudem wollte ich sehen, inwieweit ich trotz meiner misslichen Lage noch Einfluss auf das habe, was mit mir geschieht. Also habe ich mich gewehrt, und das hat sich ausgezahlt.

          Haben Sie jemals ein Training zur Bewältigung solcher Situationen mitgemacht?

          Ja, ich habe vor einigen Jahren ein sogenanntes Kriegsreportertraining in Großbritannien absolviert, bei dem auch eine Geiselnahme simuliert wurde. Der Ratschlag, den man mir dort gegeben hatte, habe ich befolgt: bei jeder Anweisung so lange passiven Widerstand leisten, solange keine physische Gewalt ausgeübt wird, um den eigenen Aktionsradius so groß zu halten, wie es die Umstände erlauben.

          Sie berichten seit acht Jahren aus Afrika - haben Sie vergleichbare Situationen schon früher erlebt?

          Es hat in der Zeit, in der ich für die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus dem Bürgerkriegsland Côte d'Ivoire - von 2000 bis 2005 - berichtet habe, die ein oder andere brenzlige Situation gegeben. Gleichwohl war das kein Vergleich mit meinen Erlebnissen in Kongo. In Côte d'Ivoire wurden Journalisten zwar schikaniert, ihre körperliche Unversehrtheit aber in den meisten Fällen nicht in Frage gestellt. Zudem spricht dort jeder Französisch. Ich konnte in Côte d'Ivoire immer mit meinem Gegenüber reden. In Kongo war weder eine gemeinsame Sprachbasis vorhanden noch der schwache Schutz durch die journalistische Neutralität. Viele der Kindersoldaten haben mich ständig als „Politicien“, als Politiker, bezeichnet. Und die haben einen denkbar schlechten Ruf.

          Wie haben Sie den Dauerstress der Bedrohung überstanden? Konnten Sie noch klar denken?

          Ich war manchmal vor Erschöpfung ein bisschen verwirrt, weil ich drei Tage und Nächte nicht geschlafen habe. Einmal hatte ich sogar eine Halluzination, als ich nach einer dampfenden Tasse Kaffee griff, die nicht da war. Im Großen und Ganzen glaube ich aber, meine Sinne zusammengehabt zu haben.

          Wie sind Sie schließlich freigekommen?

          Das habe ich wohl dem massiven Druck zu verdanken, der von der deutschen und der belgischen Regierung auf die kongolesische Armee ausgeübt wurde. Die Armee ist mit meinen Entführern, den Maï-Maï, verbündet und hatte nach dem ausländischen Druck Befehl erhalten, nach mir und meinen beiden kongolesischen Begleitern zu suchen. Am vierten Tag unserer Entführung sind wir von den Maï-Maï ohne weitere Forderungen und ohne die Zahlung von Lösegeld an die kongolesischen Streitkräfte übergeben worden.

          Außenstehende müssen den Eindruck gewinnen, dass Afrika immer noch der verlorene Kontinent ist, wo marodierende Banden den Ton angeben und die Bevölkerung keine Aussicht auf Besserung ihrer Lebensumstände hat. Stimmt das?

          Die Situation in Afrika hat sich generell stark verbessert. Die Bürgerkriege in Moçambique, Angola, Côte d'Ivoire, Sierra Leone und Liberia sind alle beigelegt. Das Wirtschaftswachstum auf dem Kontinent beträgt durchschnittlich sechs Prozent im Jahr. Überall werden Straßen gebaut. Kongo aber ist der kranke Mann Afrikas. Der dortigen Bevölkerung geht es heute schlechter als zu Zeiten der Kolonialherrschaft.

          Halten Sie den Kontinent für zukunftsfähig?

          Wenn ich das nicht tun würde, hätte ich auf diesem Kontinent nichts verloren.

          Was folgt für Sie aus Ihrer Erfahrung? Bereiten Sie schon ihre nächste Reise in ein Krisengebiet vor?

          Ich mache diesen Job seit mehr als acht Jahren, und er ist nach wie vor mein Traumjob. Ich fürchte, so etwas wie meine Entführung kann passieren, wenn man sich über viele Jahre in Krisenregionen herumtreibt. Ich hoffe allerdings, dass dies eine einmalige Erfahrung bleiben wird. Von weiteren Reisen in solche Gebiete hält mich das Missgeschick mit Sicherheit jedoch nicht ab.

          Inmitten der Gefahr sind Sie einmal auf einen Termitenhügel geklettert, genossen den Sonnenuntergang und haben mit dem letzten Strom in Ihrem iPod „Figaros Hochzeit“ gehört.

          Ich hatte meine Entführer durch Sturheit dazu gebracht, Konzessionen zu machen. Von diesem Moment an wusste ich, dass mir keine physische Gewalt mehr droht. Das wollte ich feiern. Ich habe mir deshalb einen hochgelegenen Platz gesucht, um den Sonnenuntergang besser sehen zu können, und dabei Mozart gehört.

          Quelle: F.A.S.

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