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Unruhen auf der Krim : Kollektive Einschüchterung

Der Wunsch nach Frieden ist groß in der von Unruhen gebeutelten Region. Sinnbildlich während einer Demonstration: Krim+ Ukraine = Herz. Bild: Picture-Alliance

Die Krimtataren kommen nach der Annektion der Krim-Halbinsel durch Russland nicht zur Ruhe. 18 Männer sind spurlos verschwunden. Extremisten wollen die Region ins Chaos stürzen.

          Der Krim und ihren Bewohnern stehen gefährliche Zeiten bevor - jedenfalls wenn man dem Bedrohungsszenario glaubt, das die Moskauer Tageszeitung „Nesawissimaja Gaseta“ am Mittwoch auf ihrer Titelseite unter Berufung auf ungenannte Quellen in den Sicherheitskräften breit ausgemalt hat: Demnach wollen ukrainische Rechtsextremisten aus dem „Rechten Sektor“ und krimtatarische Islamisten gemeinsam (und unterstützt vom ukrainischen Geheimdienst) die Halbinsel ins Chaos stürzen. Beide Gruppen hätten Kampferfahrung, heißt es in der Zeitung - die einen aus der Ostukraine, die anderen aus dem Krieg in Syrien.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Ein Teil der Krim-Bewohner lebt schon jetzt gefährlich. Seit der russischen Besetzung der Krim im März sind nach Angaben der Führer der Krimtataren 18 Männer aus ihrem Volk spurlos verschwunden, vier davon seit Ende September. Von diesen vier wurde einer diese Woche tot gefunden. Nicht in allen Fällen ist klar, ob es sich um Entführungen mit politischem Hintergrund handelt.

          Durchsuchungen häufen sich

          Doch unter den Krimtataren macht sich - nach den Aussagen ihrer Führer - immer mehr das Gefühl breit, dass sie durch solche Vorfälle kollektiv eingeschüchtert werden sollten. Die Krimtataren sind in ihrer großen Mehrheit eindeutig proukrainisch. Vor allem seit Anfang August hat es zahlreiche Durchsuchungen in Wohnhäusern, Schulen, Vereinsgebäuden und Moscheen der Krimtataren gegeben, bei denen die russischen Sicherheitskräfte nach eigenen Angaben nach verbotener Literatur, Waffen und Rauschgift gesucht haben.

          Begleitet wurden diese Aktionen von Drohungen der neuen Machthaber auf der Krim gegen den Medschlis, das Selbstverwaltungsorgan der Krimtataren, dem wegen einer ukrainischen Flagge auf seinem Gebäude „Extremismus“ vorgeworfen wurde. In einem Interview mit der russischen Zeitschrift „Kommersant-Wlast“ sagte Krim-Ministerpräsident Sergej Aksjonow Ende September, es gebe keinen Medschlis - die Organisation sei nicht ordentlich registriert worden. Auf die Frage, nach welchen Prinzipien er die Beziehungen zu den Krimtataren künftig aufbauen wolle, antwortete er, jede Nichtanerkennung des Anschlusses an Russland werde hart verfolgt: „Alle, die die Leute auf einer nationalen Grundlage aufwiegeln, werde ich auf die eine oder andere Art entweder von der Krim verbannen oder durch das Strafrecht beurteilen lassen.“

          Im Frühjahr 1944 hatte Stalin die Krimtataren aus ihrer Heimat nach Zentralasien deportieren lassen, Tausende waren dabei umgekommen. Erst seit Ende der achtziger Jahre konnten die Tataren nach und nach auf die Krim zurückkehren. Über ihr jährliches Gedenken an die Deportationen, das dieses Jahr - zum 70. Jahrestag - erstmals seit dem Ende der Sowjetunion verboten worden ist, äußerte sich Aksjonow in dem Gespräch so: Das seien keine Trauerveranstaltungen gewesen, sondern „Veranstaltungen zur Erpressung der jeweiligen Regierung“, mit denen die Russen „moralisch erniedrigt“ werden sollten.

          Verschleppung mit religiösem Hintergrund

          Eine Woche nach dem Erscheinen des Interviews sah sich Aksjonow gezwungen, in das Heimatdorf zweier junger Krimtataren zu fahren, die allem Anschein nach entführt worden sind. Hunderte Tataren aus allen Teilen der Krim reisten zu den Verwandten der verschwundenen jungen Männer, um ihnen ihre Unterstützung auszudrücken. Aksjonow versprach den Tataren eine genaue Untersuchung der Fälle aller Verschwundenen und versicherte ihnen, seine „Selbstverteidigungskräfte“ hätten nichts damit zu tun. Doch gerade diese stehen in einigen Fällen unter Verdacht.

          Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wurden die Verwandten von zwei Ende Mai verschwundenen Tataren, die in einer proukrainischen Organisation aktiv waren, von den Sicherheitskräften über deren religiöse Einstellungen und Verbindungen zu extremistischen Organisationen befragt. Die Beschwörung einer terroristischen Gefahr soll zwar vermutlich der Diskreditierung krimtatarischer Organisationen dienen, doch ganz aus der Luft gegriffen ist sie nicht.

          In den Jahren vor der russischen Besetzung der Krim haben Vertreter des säkularen Medschlis selbst immer wieder gewarnt, dass religiöse Extremisten in der jungen Generation der Krimtataren wachsenden Anklang fänden. Russische wie ukrainische Medien hatten schon Monate vor Beginn des russisch-ukrainischen Konflikts mit Nennung von Namen darüber berichtet, mehrere junge Männer von der Krim kämpften in Syrien in den Reihen islamistischer Organisationen.

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