Sie wurden gefeiert, fotografiert, herumgereicht - und dann allmählich vergessen. In diesem Monat ist schließlich für die kubanischen Dissidenten in Spanien, die der frühere Außenminister Miguel Ángel Moratinos aus den Gefängnissen der Castro-Brüder die Ausreise ermöglicht hat, die Frist für die vereinbarte Sozialhilfe abgelaufen. Die vormals regierenden Sozialisten, die die Kubaner nach Europa brachten, um in Brüssel die kritische gemeinsame Politik gegenüber dem kommunistischen Regime auf der Zuckerinsel aufzuweichen, sind nicht mehr an der Macht. Und den siegreichen konservativen Nachfolgern, die einige der Dissidenten während der Oppositionszeit noch benutzt hatten, um bei der EU für eine härtere Linie zu werben, sind sie eher lästig.
Spaniens Konservativen sind die Dissidenten eher lästig
Es war im Sommer 2010, als Moratinos nach Kontakten mit Kubas Präsident Raúl Castro und der katholischen Kirche in Kuba, eine „neue Etappe“ in den transatlantischen Beziehungen ausrief. Zuvor hatte man ihm in Havanna die Freilassung von 126 inhaftierten Regimegegnern zugesagt. 115 von diesen - zwölf beschlossen, in ihrem Heimatland zu bleiben - kamen, begleitet von 650 Familienangehörigen, in das vermeintliche spanische Paradies. Jetzt monieren sie, dass „uns niemand gesagt hat, dass es hier fünf Millionen Arbeitslose gibt“.
Die „Operation Ausreise“ stand von Anfang an nicht unter einem günstigen Stern. Zunächst blieb der Status der Exilanten unklar und später umstritten. Um die Castros nicht zu verärgern, wurden Anträge auf „politisches Asyl“ von den spanischen Behörden nicht beantwortet. Probleme gab es mit Arbeitsgenehmigungen und der Anerkennung der Berufsdiplome. Wer Verwandte in Miami hatte, setzte sich so schnell wie möglich in die Vereinigten Staaten ab.
500 Kubaner sind in Spanien, zumeist ohne Arbeit
Rund fünfhundert Kubaner sind gegenwärtig - von Madrid bis zu den Kanarischen Inseln verteilt - noch in Spanien, aber zumeist ohne Arbeit, mit trotz der gemeinsamen Sprache endlos anmutenden Anpassungsschwierigkeiten und wenig rosigen Zukunftsaussichten. Die meisten sind Arbeiter ohne besondere Qualifikation, einige Akademiker und ein paar Ärzte. Aber nicht einmal einem Zehntel ist es gelungen, eine feste Arbeit zu finden. Dann kommen die enttäuschten Erwartungen hinzu. So berichten Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen, die den Kubanern zu helfen versuchen, immer wieder deren Ausspruch: „Man hat uns hierher gebracht und nun muss man sich um uns kümmern.“ Doch nach eineinhalb Jahren hat sich zumindest die staatliche Gastfreundschaft erschöpft.
Die ursprüngliche Abmachung gestand jedem Kubaner eine Beihilfe von monatlich rund eintausend Euro für Wohnung und Verpflegung zu. Nach einem Jahr konnten noch sechs Monate Verlängerung beantragt werden. Auch diese sind nun abgelaufen. Die neue spanische Regierung unter Ministerpräsident Mariano Rajoy, die zusammen mit der vorangegangenen unter José Luis Rodriguez Zapatero für das politische Schachspiel schon mehrere Millionen Euro bezahlen musste, sieht ihre Verpflichtungen erfüllt. Die Betroffenen wiederum klagen, dass sie „mit nichts“ dastünden, auf Almosen angewiesen seien und auch lieber heute als morgen nach Florida aufbrechen würden.
Santiago de Buchet hat sich in der „alten Welt“ erhängt
Einer von ihnen, Santiago de Buchet, wird indes nirgendwohin mehr reisen. Er, der insgesamt vierundzwanzig Jahre in Castros Kerkern zugebracht hatte und sich dann in der neuen „alten Welt“ nicht mehr zurechtfinden konnte, hat sich am 1. April auf Las Palmas mit seinem Hosengurt erhängt. In seiner Heimat wurden in der Zwischenzeit wieder neue Andersdenkende eingesperrt, so dass Moratinos‘ Voraussage, wonach mit einem Kuba ohne politische Gefangenen doch gut zu paktieren sei, schon vor seinem Ausscheiden aus dem Amt zu Makulatur wurde. In Madrid verschwendet derweil sein Nachfolger José Manuel García-Margallo keinen Gedanken an die hartleibigen Greise in Havanna - und in Brüssel anscheinend auch niemand mehr.
