http://www.faz.net/-gpf-94km8

Jerusalem-Beschluss : Ein Schritt zum Tausendjährigen Reich Gottes

Unterstützung für Trumps Vorhaben: Evangelikale glauben, dass In Jerusalem Jesus Christus wiederkehrt. Bild: SULTAN/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Evangelikale wollten, dass Trump Jerusalem als Hauptstadt anerkennt. Sie glauben, dass dort Jesus Christus wiederkehrt. Und viele haben Angst vor dem Islam.

          Pastor John Hagee geizte nicht mit Lob, nachdem Donald Trump am Mittwoch mit Jahrzehnten amerikanischer Nahost-Politik gebrochen und Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hatte. Es galt dem Präsidenten, aber auch seiner eigenen Arbeit. Als Vorsitzender der „Vereinigten Christen für Israel“ (CUFI) habe er Trump und Vizepräsident Mike Pence persönlich „während mehrerer Audienzen im Weißen Haus“ zu dem Schritt gedrängt, teilte der Gründer einer evangelikalen Megakirche in der texanischen Stadt San Antonio mit. Außerdem erinnerte Hagee daran, dass 260 führende CUFI-Mitglieder aus 49 Bundesstaaten schon im Januar ein „Fly-in“ in Washington organisiert hätten, um im Kongress und bei der neuen Trump-Regierung für den Umzug der amerikanischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu werben.

          Andreas Ross

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          „Jerusalem war das Epizentrum des jüdischen Glaubens, seit König David vor mehr als dreitausend Jahren mit der Bundeslade in die Stadt tanzte“, erklärte der 77 Jahre alte Pastor. 137.000 von insgesamt 3,8 Millionen CUFI-Mitgliedern hätten dem Weißen Haus Mails geschickt, um eine Änderung der amerikanischen Jerusalem-Politik zu fordern. Die beinah einhellige Kritik aus dem Ausland, wonach Trump den Friedensprozess torpediere, wischte Geschäftsführer David Brog weg: „Das größte Hindernis für Frieden war immer der finstere palästinensische Traum, dass sie das jüdische Volk aus Jerusalem und Israel verjagen können. Präsident Trump hilft, diesen finsteren Traum zu zerschmettern.“

          Das Weiße Haus hat keine Antwort

          Das Weiße Haus hat keine Antwort auf die Frage, warum Trump gerade jetzt „die Zeit gekommen“ sah, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, obwohl der Status und der Grenzverlauf in der Stadt so umstritten sind wie eh und je. Sicher ist, dass ihn der Casino-Unternehmer und wichtige Republikaner-Spender Sheldon Adelson sowie andere jüdische Israel-Unterstützer dazu gedrängt haben. Mindestens so bedeutsam waren die Lobbyisten aus dem evangelikalen Lager – konservative Aktivisten, ohne deren Treue durch alle Wahlkampf-Turbulenzen hindurch Trump heute nicht im Weißen Haus säße.

          „Ohne die Evangelikalen wäre es nicht zu dem Beschluss gekommen“, sagte der kalifornische Pastor Johnnie Moore in einem Interview. Er spricht für einen Rat evangelikaler Meinungsführer, die Trump beraten. Es vergehe kaum ein Tag, an dem nicht ein „prominenter christlicher Konservativer“ im Weißen Haus empfangen werde, so Moore. Besonderen Zugang dürfte die Gruppe „Mein Glaube wählt“ genießen, die Trump ebenfalls mit einer Mail-Kampagne an sein Versprechen im Hinblick auf Jerusalem erinnert hat. Denn sie wird vom republikanischen Pastor Mike Huckabee geleitet. Der Baptist war Gouverneur in Arkansas. Seine Tochter Sarah ist Trumps Sprecherin.

          Trumps Ernte : Ablehnung, Kritik und Schlimmeres

          Ungefähr jeder vierte Amerikaner rechnet sich einer evangelikalen Protestantenkirche zu. 82 Prozent dieser Bürger stimmten nach einer Erhebung des Pew Research Center im Jahr 2013 der Aussage zu, dass Israel den Juden von Gott gegeben sei. Unter jüdischen Amerikanern war der Anteil weniger als halb so groß. Die Aussicht, dass im Nahen Osten friedlich eine Zweistaatenlösung herbeigeführt werden könne, schätzten weiße Evangelikale wesentlich skeptischer ein als ihre jüdischen Mitbürger. Wie weit die Israel-Begeisterung im evangelikalen Lager reicht, zeigte auf dem Höhepunkt des Streits um das iranische Atomprogramm vor zwei Jahren eine Umfrage für Bloomberg: Fast sechzig Prozent stimmten zu, dass Amerika Israel selbst dann unterstützen solle, wenn das den eigenen nationalen Interessen zuwiderliefe.

          Das hat viel mit politischen Allianzen zu tun – nicht zuletzt mit der verbreiteten Ansicht, dass Israel ein wichtiger Verbündeter gegen einen befürchteten Vormarsch des Islams sei. Es hat aber auch theologische Wurzeln. Viele Puritaner, deren Flucht aus Europa die koloniale Besiedlung der Vereinigten Staaten einleitete, beteten schon vor Jahrhunderten dafür, dass sich das jüdische Volk wieder in Palästina niederlassen könne. In New Haven im heutigen Connecticut baute ein Pastor namens David Austin sogar auf eigene Kosten einen Hafen, damit die Juden dort ihre „Heimreise“ antreten könnten. Denn nach verbreitetem Glauben ist die Wiederentstehung eines jüdischen Reichs im alten Judäa eine Voraussetzung für die Wiederkunft Christi. Eine weitere lautet, dass die Juden den Tempel wiedererrichten – auf dem Jerusalemer Tempelberg, wo heute der islamische Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee stehen. Seit ungefähr zweihundert Jahren herrscht unter amerikanischen Evangelikalen dabei der sogenannte Prämillenarismus vor: der Glaube, dass Jesus nicht am Ende, sondern vor Beginn des Tausendjährigen Reichs auf Erden zurückkehrt.

          Weitere Themen

          Bye Bye freies Internet Video-Seite öffnen

          Netzneutralität in Amerika : Bye Bye freies Internet

          Die Entscheidung ist ein Rückschlag für Google & Co und könnte das Internet nachhaltig verändern. Donald Trump und seine Regierung schaffen damit die der Obama-Regierung eingeführte Gleichbehandlung aller Daten im Netz ab.

          Topmeldungen

          Die provisorische Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlages auf dem Breitscheidplatz in Berlin.

          Behördenversagen : Attentäter Amri stärker überwacht als bekannt

          Neue Hinweise zeigen, wie viel die Behörden dank umfassender Überwachung schon mehr als ein Jahr vor seinem Weihnachtsmarkt-Anschlag über Anis Amri wussten. Warum wurde er nicht festgenommen? Auch dazu gibt es Vermutungen.
          Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner Mitte Dezember in Berlin.

          Sonntagsfrage : FDP und Union verlieren an Zustimmung

          Der Jamaika-Abbruch tat offenbar weder den Liberalen noch der Union gut – zumindest in der jüngsten Umfrage. Von Zweistelligkeit wäre Christian Lindners Partei derzeit ein gutes Stück entfernt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.