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Eurovision Song Contest in Baku Zwischen die Gleise geraten

 ·  In den Armensiedlungen von Baku ist der Eurovision Song Contest weit weg. Die einen interessiert er nicht, andere stehen der Invasion des Show-Business feindlich gegenüber.

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© Anastasija Branovets Spielplatz: Wenn die Kinder von Keschla vor die Tür gehen, sind sie gleich auf den Gleisen. Ihre Familien wollen trotzdem nicht fort – sie wissen nicht, wohin

Über Jahrzehnte sind Häuser und Menschen in Keschla immer näher an die Bahngleise herangerückt. Begonnen hat es schon in sowjetischer Zeit, dann ließen sich Anfang der neunziger Jahre während des Kriegs mit Armenien um Nagornyj Karabach Flüchtlinge aus den umkämpften Gebieten rings um den Eisenbahnknotenpunkt in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku nieder. Als der Krieg zu Ende war, kamen weitere Flüchtlinge hinzu, die nicht in ihre von Armeniern beherrschte Heimat zurückkonnten und der Enge der schäbigen Flüchtlingsunterkünfte entkommen wollten. Der Zustrom in die wilde Siedlung an den Gleisen ist seither nicht mehr abgerissen.

An vielen Stellen ist zwischen den ärmlichen Behausungen und den Gleisen nur noch ein schmaler Pfad frei geblieben, der kaum breiter als anderthalb Meter ist. Die Kinder kümmert das nicht. Marif, ein stämmiger kleiner Bursche, gehört zu einer ausgelassenen Bande, die ausgerechnet an einem der Engpässe Ball spielt. „Kein Problem“, beruhigt der Junge.

Gleise, Unrat und Abwassertümpel

Auf die Kleinsten passen derweil arbeitslose Väter, ältere Geschwister oder Marifs Großmutter Chamala auf, die Patriarchin einer Großfamilie. Als ein schrilles Pfeifen einen Zug ankündigt, verschwinden die großen Kinder blitzartig von ihrer eigenartigen Spielwiese, während die Kleineren von den Eltern hastig eingesammelt und in die Häuser gebracht werden, von denen viele eigentlich nur Bruchbuden sind. Dann schiebt sich das stählerne Ungetüm auf Rädern zwischen den eng am Gleis stehenden Behausungen hindurch und verschwindet schnaubend wieder in Richtung einer Ölraffinerie nicht weit von hier. Das gehört zum Alltag zwischen Häusern, Gleisen, Unrat und Abwassertümpeln. In Baku nennen die Menschen diese wilde Siedlung „Schanghai“. Über die Geschichte dieses Ortsnamens schweigt der Volksmund.

In der Nacht sei es besonders schlimm, sagt eine der Frauen: Wenn die Kesselwagen zwischen den Häusern durchrauschen und die Wände wackeln, sei an Schlaf nicht zu denken. Aber weg will sie trotzdem nicht - sie weiß nicht, wohin. Auch die Brüder Polad und Mirsa wollen bleiben: Sie renovieren gerade mit geliehenem Geld das gemeinsame Zuhause ihrer Familien. „Wir gehen auf keinen Fall“, sagen sie mit grimmiger Miene. Aber wie sie sich wehren sollen, wenn sie vertrieben werden sollten - das wissen sie nicht.

„Schandflecke“ sollen verschwinden

Die Staatsbahn behaupte, das Terrain zwischen den Geleisen sei ihr Eigentum und die Häuser dort würden bald abgerissen, sagen die Leute in „Schanghai“. Nur wisse keiner genau, wann das sein werde. In Baku sind in den vergangenen Jahren ganze Straßenzüge im Zuge der Stadterneuerung abgerissen worden, und die Vorbereitung auf den Eurovision Song Contest hat diesen Prozess beschleunigt - „Schandflecke“ sollten verschwinden, bevor die Welt auf Aserbaidschan blickt. Auch „Schanghai“ passt nicht zu dem modernen Baku mit prächtigen Neubauten, breiter Promenade am Ufer des Kaspischen Meeres und vielen Straßencafés voller glücklicher Menschen, das Präsident Ilham Alijew den Besuchern präsentieren will.

Die Menschen in „Schanghai“ haben gehört, dass die Auszahlung von Entschädigungen für die Bewohner von Abbruchhäusern verschleppt oder unter fadenscheinigen Vorwänden verweigert worden sei. Ein Mann schimpft über „die Sauerei der Alijew-Behörden „, doch von seinem Fluch ist nur der Anfang zu verstehen. Der Rest geht im kräftigen Rauschen eines Strahls von Fäkalien unter, der plötzlich gefährlich nahe aus einem Rohr schießt, das in Kopfhöhe waagerecht aus einer Hauswand ragt. Noch geht auch in „Schanghai“ das Leben seinen normalen Gang. Nicht alle fluchen und haben Angst vor der Zukunft: Einige Dutzend Meter weiter am Gleis weisen rote Schleifen am Rahmen einer fest verschlossenen Eingangstür darauf hin, dass dort ein frisch verheiratetes Paar gerade an anderes denkt als an Abrissbagger.

Von den Demokratiedefiziten ablenken

Die gegensätzlichen politischen Hoffnungen und Erwartungen an den Eurovision Song Contest lassen die Bewohner von „Schanghai“ ziemlich unberührt: Präsident Alijew will den Wettbewerb nutzen, Aserbaidschan als modernes und erfolgreiches Land zu präsentieren und von Demokratiedefiziten abzulenken; Regimegegner und Bürgerrechtler dagegen hoffen, die größere Aufmerksamkeit insbesondere Westeuropas für das Geschehen in Aserbaidschan werde Alijew dazu bringen, politische Gefangene freizulassen und die Zivilgesellschaft weniger unter Druck zu setzen. Zwischen den Gleisen regt sich auch kaum jemand über die Frage auf, ob es während des Song Contest in Baku eine Gay-Parade geben darf. Das Nachbarland Iran hat einen möglichen Umzug von Homosexuellen als Schande für den Islam und das muslimische Volk Aserbaidschans kritisiert und kaum verhüllt zu Protesten aufrechter Muslime aufgerufen.

In Nardaran, einer zu Baku gehörenden Schiiten-Siedlung, in der iranische Sitten herrschen, stoßen solche Aufrufe auf Widerhall. „Wenn die Gay-Parade erlaubt wird, werden wir in der Hauptstadt auf der Straße dagegen protestieren, ohne die Behörden vorher um Erlaubnis zu bitten. Zehntausend Menschen zu mobilisieren ist für uns eine Kleinigkeit“, sagt Natig Kerimov, der schwergewichtige Vorsitzende des Ältestenrats von Nardaran. Um die Kampfkraft der frommen Schiiten zu belegen, erzählt er über die Ereignisse des Jahres 2000. Damals sei es in Nardaran zu einer sozialen Explosion gekommen, weil etwa 9000 Einwohner, von denen die meisten von Gemüse- und Blumenzucht leben, Not litten. Billiges Gemüse aus der Türkei habe die lokalen Märkte überflutet, und der Verkauf der eigenen Produkte nach Russland sei wegen der Zollschranken kaum noch lohnend gewesen. Zudem sei kein Gas mehr an die Nardaraner Gemüse- und Blumenzüchter geliefert worden.

Nardaran sei ein Nest von Fundamentalisten

Deswegen, mischt sich Hayara Nuri, ein muslimischer Politiker, in das Gespräch ein, hätten die Menschen schließlich sogar ihre Gewächshäuser eingerissen, um mit dem Holz ihre Wohnungen zu heizen. Neun Monate lang habe es immer wieder Protestkundgebungen und willkürliche Verhaftungen gegeben, da zu allem Übel auch noch versucht worden sei, den Menschen wertvolles Nutzland zu nehmen. Der Staat habe zur Rechtfertigung seines Vorgehens behauptet, Nardaran sei ein Nest von islamischen Fundamentalisten. Am Ende hätten Polizei und Truppen des Innenministeriums die Siedlung umzingelt, während die Menschen von Nardaran - Männer, Frauen und Kinder - die Zugänge blockierten.

Entspannt wurde die Situation, so die beiden Männer, dank der Vermittlung eines hohen muslimischen Geistlichen: Dadurch sei ein Blutvergießen verhindert worden - und die Staatsmacht habe sich verpflichtet, 35 Gefangene freizulassen und die 30 größten Probleme der Menschen von Nardaran zu lösen. Inzwischen fließt das Erdgas wieder nach Nardaran. Aber sonst habe sich nicht viel zum Besseren verändert, sagt Natig Kerimov, der wie Hayara Nuri zu einer halblegalen islamischen Partei gehört. Aber der Stolz der Nardaraner sei unangetastet, weil er sich aus tiefer Frömmigkeit nähre.

Die hohen Steinmauern, die die Häuser umgeben, sind mit Koranversen beschrieben, die wenigen Frauen auf den Straßen sind vollständig verhüllt. Ob es an der Anwesenheit Fremder im Ort liegt, dass es im Laden für religiöse Literatur am Hauptplatz der Siedlung, dem Imam Ali Meydani, keine Käuferinnen gibt? Natig Kerimov ist indes Politiker und will offenbar auf die ausländischen Besucher einen guten Eindruck machen: Um die Offenheit im angeblichen „Islamistennest Nardaran“ unter Beweis zu stellen, fordert er eine der scheuen Frauen auf, sich fotografieren zu lassen.

Die Skepsis des Westeuropäers, der nicht recht glauben will, dass ausgerechnet in Iran, wo bis zu 30 Millionen Aseris leben - mehr als in Aserbaidschan -, die einzig wahre, nämlich islamische Demokratie verwirklicht sei, nimmt Natig gelassen hin: „Wir werden schließlich jeden Tag als islamistische Umstürzler im Sold Irans verteufelt“, sagt er lächelnd.

Iran als Vorbild und Freund

Die politische Opposition gegen das Regime ist weltlich orientiert, aber Natig Kerimov sieht sich doch als deren Bundesgenossen im Widerstand gegen die Herrschaft von Präsident Alijew. Die Gemeinsamkeit liege im Kampf gegen Alijew und gegen Armenien. „Kein Kompromiss, bevor Nagornyj Karabach und die umliegenden Gebiete, die Armenien seit dem Kriegsende besetzt hält, an Aserbaidschan zurückgegeben sind“, heißt die Losung. In Nardaran hat man dieser Unversöhnlichkeit in einem Wandgemälde am Laden für religiöse Literatur Ausdruck gegeben. Nur wenige Meter von der Ehrenwand für Imam Ali, den von den Schiiten besonders verehrten Schwiegersohn des Propheten Mohammed, prangt dort fast in Lebensgröße der aserbaidschanische Rambo Seyyd Mübariz als nachahmenswertes Vorbild an der Hauswand - mit geschultertem Maschinengewehr und mit Patronengurten behängt. Mübariz hatte vor zwei Jahren die Grenze überschritten und soll Dutzende Armenier getötet haben, bevor er selbst fiel.

Ganz schlüssig ist das Weltbild der Menschen in Nardaran an dieser Stelle nicht: Iran, von ihnen als Vorbild und Freund verehrt, zeigt im Konflikt mit Armenien keine „islamisch-schiitische Solidarität“. Ein großer Teil der Versorgung Armeniens, das wegen des Konflikts mit Aserbaidschan und der Türkei fast von der Welt abgeschnitten ist, mit Energie und Waren läuft über Iran. Darüber reden die Männer in Nardaran beim Tee nicht gern.

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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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