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Veröffentlicht: 10.02.2012, 14:10 Uhr

Eurovision Song Contest Ell & Nikki & Alijew

Im Mai werden in Baku wieder viele europäische Lieder über Liebe und Freiheit gesungen und abends dann Noten verteilt. Doch der Glanz des Eurovision Song Contests hat für viele Leute in Baku nichts mit Liebe und Freiheit zu tun.

von , Baku
© Peter-Philipp Schmitt Blick aus dem Haus Nummer fünf: Baku und die neuen Hochhaus-Wahrzeichen der aserbaidschanischen Hauptstadt

Natürlich haben wir uns mit dem Haus befasst“, sagt Adil Karimli, der für den aserbaidschanischen Sender Ictimai Televiziya in der Hauptstadt Baku einen Wettbewerb organisiert, der Europa im Namen führt und deshalb mehr ist als nur ein Wettbewerb: den Eurovision Song Contest. Und deshalb fügt Adil Karimli noch schnell hinzu: „Wir sind beunruhigt über diese Vorgänge.“ Seit Wochen muss er sich fragen lassen, warum für diesen Wettbewerb Menschen illegal aus ihren Häusern vertrieben werden, um Platz für die Show, die Arena und ihre Zufahrtstraße zu schaffen.

Peter-Philipp Schmitt Folgen:

Die „Baku Crystal Hall“ wird von der Schweizer Nüssli Gruppe, der Alpine Bau Deutschland als Generalunternehmer und den Hamburger Architekten Gerkan, Marg und Partner auf einer Halbinsel im Kaspischen Meer errichtet. Karimli sagt, das sei nicht erst seit gestern so. Die Halle sei als Tennis- und Volleyball-Halle schon lange vor Aserbaidschans Grand-Prix-Gewinn im vergangenen Mai geplant worden. Jetzt finde eben dort auch die Schlagersängershow statt. Außerdem: „Die Arena genauso wie die Wege zu ihr entstehen auf der Halbinsel auch an Stellen, an denen vorher nichts stand.“ Und die Straße nach Baku habe mit dem Wettbewerb nun überhaupt nichts zu tun.

„Niemand drängt sie auszuziehen“

Sieben Häuser, sagt Karimli, seien von der Stadt schon abgerissen worden. Die Eigentümer hätten nicht protestiert. Sie seien mit der Entschädigung sehr zufrieden gewesen. Mehr als 1500 Manat hätten sie pro Quadratmeter bekommen. Für Häuser im Vorort Bayil, wo die Arena gebaut wird, liege der übliche Preis bei 500 bis 900 Manat. Das hätten ihm unabhängige Experten versichert. Jetzt wollten die Bewohner im letzten Haus, das noch steht, im Haus Nummer fünf, noch mehr herausschlagen. Der „Song Contest“ mit all seiner internationalen Aufmerksamkeit habe die Bewohner erst auf die Idee gebracht. „Niemand drängt sie auszuziehen“, sagt Karimli. Er sei froh, dass das ganze Hickhack nichts mit Ictimai Televiziya, nichts mit dem Wettbewerb, nichts mit ihm zu tun habe.

18509338 © Peter-Philipp Schmitt Vergrößern Vorbereitungen für den Eurovision Song Contest in Baku

Man möchte dem redegewandten Adil Karimli gerne glauben. Doch der Untergrund-Fernsehsender Obyective TV hat genügend Filme über den Abriss anderer Häuser, die zeigen, dass es ganz anders ist. Etwa in dem Film von Haus Nummer neun an der Agil-Guliew-Straße. Zu sehen sind wütende Anwohner, die, wie sie sagen, monatelang gegen ihre Vertreibung und die Zerstörung ihrer Wohnungen gekämpft haben. Ein Mitarbeiter des Instituts für die Freiheit und Sicherheit von Journalisten berichtet von Menschen, die nachts im Schlafanzug von Polizisten aus ihren Wohnungen gejagt wurden. Dann kamen die Bagger und Abrissbirnen, und ihr Hab und Gut lag schon im Morgengrauen in Trümmern. „Mit Obyective TV wollen wir über all das berichten, was die staatlichen Medien verschweigen“, sagt er.
 

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