Home
http://www.faz.net/-hox-76xin
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Zypern Schulden und Schuldigkeiten

In Zypern wird am Sonntag ein neuer Präsident gewählt. Er wird sich vor allem darum kümmern müssen, den Finanzsektor des Landes zu retten - und die dafür nötigen internationalen Kredite zu sichern.

© REUTERS Vergrößern Vertrauter Favorit: Nikos Anastasiadis bei einem Wahlkampfauftritt am Mittwoch in Nikosia

Seit dem EU-Beitritt im Jahr 2004 hat Zypern wiederholt mehr in die europäischen Töpfe eingezahlt als herausbekommen. Von 2007 bis 2009 gehörte der Inselstaat zu den Nettozahlern der EU. Zypern ist nicht aus wirtschaftlichen Gründen der EU beigetreten, sondern um sich politische Sicherheit vor der Türkei zu verschaffen. Erst die Krise der zyprischen Banken, die sich mit waghalsigen Geschäften und durch den massenhaften Kauf griechischer Staatsanleihen übernommen haben, kam Zypern in die Rolle des Bittstellers. Wahrscheinlich wird das Land die beantragte Unterstützung wohl auch erhalten - unklar ist nur noch ihr Umfang. Von mehr als 17 Milliarden Euro Bedarf ist die Rede. Thomas Mayer, Berater der Deutschen Bank, wies unlängst in der F.A.Z. darauf hin, dass dies gemessen am Bruttoinlandsprodukt ein Rekord unter den bisher vergebenen Finanzhilfen wäre - es entspräche einer Unterstützung Deutschlands mit Hilfskrediten seiner europäischen Freunde in Höhe von mehr als 2,5 Billionen Euro.

Michael Martens Folgen:    

Angesichts der Schieflage des zyprischen Bankenwesens ist es nicht überraschend, dass die Krise das dominierende Thema vor der ersten Runde der zyprischen Präsidentenwahl am Sonntag ist. Die Wahl eines Staatsoberhaupts auf fünf Jahre, die womöglich erst in einem Stichentscheid eine Woche später endgültig entschieden wird, ist die wichtigste politische Abstimmung auf Zypern, denn der Präsident ist auch Regierungschef, sein Kabinett zudem nicht auf eine Bestätigung durch das Parlament angewiesen. Die etwa 550.000 zur Wahl aufgerufenen Zyprer entscheiden also über nichts weniger als über die Frage, wer sie durch die größte wirtschaftliche Krise seit Bestehen ihres Staates führen soll.

Katzenjammer über den Neoliberalismus

Das alte Dauerthema zyprischer Wahlkämpfe - die Debatte über eine Wiedervereinigung der seit 1974 geteilten, im Norden vom türkischen Militär kontrollierten Insel - ist in den Hintergrund gerückt. Es taucht in Sonntagsreden zyprischer Politiker zwar noch auf, doch eigentlich interessiert das Projekt einer Wiedervereinigung nur noch Politologen und Paläontologen. Ein ernsthaftes Interesse könnte allenfalls wieder erwachen, wenn sich erweisen sollte, dass die vor der Küste Zyperns vermuteten und zum Teil schon gefundenen Öl- und Gasvorkommen nur dann wirtschaftlich ausgebeutet werden können, wenn sie durch über türkisches Territorium führende Leitungen auf die europäischen Märkte gelangen.

Behalten die Umfragen recht, wird sich die kommunistische „Fortschrittspartei des werktätigen Volkes“, kurz Akel, mit solchen Fragen fortan aus oppositioneller Perspektive befassen müssen. Ihr Präsident Dimitris Christofias hat als Staatsoberhaupt vor allem in den beiden letzten Jahren seiner Amtszeit in den Augen einer großen Mehrheit der Zyprer eine denkbar schlechte Figur gemacht, weshalb er gar nicht erst zur Wiederwahl antritt. Eine Chance hat der von der Akel als Nachfolger nominierte, formal unabhängige Kandidat Stavros Malas allerdings aller Voraussicht nach ebenfalls nicht, obwohl er der Politikmüdigkeit seiner Landsleute durch einen Verzicht auf ein erkennbares politisches Programm immerhin konsequent Rechnung trug.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Zypern-Krise Geheime EZB-Protokolle veröffentlicht

Eigentlich will die Europäische Zentralbank ihre Beratungsprotokolle aus der Eurokrise noch lange nicht öffentlich machen. Doch jetzt sind einige nach außen gedrungen. Sie zeigen, wie zweifelhaft die Rettung zyprischer Banken war. Mehr

17.10.2014, 20:26 Uhr | Wirtschaft
Körper-Kult auf Zypern

Seit Jahren boomt die Tattoo-Branche, und das nicht nur in Deutschland. In Zyperns Hafenmetropole Limassol sind Anhänger des Körperkults aus aller Welt zum ersten Internationalen Tattoo-Kongress zusammengekommen. Mehr

11.06.2014, 15:06 Uhr | Gesellschaft
Geheime Protokolle So umstritten war die Zypern-Hilfe in der EZB

Was geschah im März 2013 als Zypern Nothilfe bekam? Die jetzt bekannt gewordenen vertraulichen Protokolle haben offenbart, dass die Hilfen im EZB-Rat hochumstritten waren. Widerspruch kam aus guten Gründen. Mehr Von Lisa Nienhaus und Christian Siedenbiedel

19.10.2014, 15:50 Uhr | Wirtschaft
Amerika will Truppen in Europa verstärken

Das Engagement für die Sicherheit Polens und anderer osteuropäischer Staaten sei ein Eckpfeiler für die Sicherheit der USA selbst, sagte Präsident Obama in Warschau zu Beginn seiner Europareise. Angesichts der Ukraine-Krise seien bereits Truppen und Flugzeuge im Einsatz. Mehr

03.06.2014, 15:51 Uhr | Politik
Eurokrise EZB erleichtert griechischen Banken Zugang zu Geld

Anleger machen sich wieder mehr Sorgen um Griechenland. Angeblich stellt die Europäische Zentralbank den Banken des Landes einfacher Geld zur Verfügung. Der IWF sorgt sich um Europas Banken insgesamt. Mehr

16.10.2014, 14:21 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 15.02.2013, 13:20 Uhr

Im tollen deutschen Staat

Von Jasper von Altenbockum

Die Flüchtlinge und Einwanderer, die jetzt nach Deutschland kommen, müssen nicht nur untergebracht werden. Sie müssen auch integriert werden. Wird das so leicht sein, wie Angela Merkel glaubt? Mehr 44 47