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Veröffentlicht: 17.02.2013, 17:19 Uhr

Zypern Schatzinsel in Nöten

Zypern träumt von Reichtum durch Erdgas. Doch zunächst muss der neue Präsident des Inselstaates die Schulden in den Griff bekommen. Ohne Hilfe von außen geht das nicht.

© dpa Zypern: Der Geldsegen aus dem Gasreichtum vor der Südküste kommt (vielleicht) übermorgen. Die Finanzkrise aber ist schon da.

Glaubt man den Optimisten, dann hat Zyperns goldenes Zeitalter längst begonnen – man merkt es nur noch nicht. Genau genommen begann es im September 2011, als die texanische Ölfirma Noble Energy vor der Südküste der Insel mit Probebohrungen nach Gasvorkommen begann. Oder spätestens drei Monate später, als die amerikanischen Ingenieure verkündeten, im sogenannten Aphrodite-Feld auf erhebliche Gasvorkommen gestoßen zu sein. Da in Zyperns exklusiver Wirtschaftszone weitere große Vorkommen vermutet werden, stehen internationale Energiekonzerne Schlange, um mit Nikosia ins Geschäft zu kommen. Ende Januar vergab die Regierung, die in Zypern vom Staatspräsidenten geführt wird, Probebohrungsrechte an das italienisch-koreanische Konsortium Eni-Kogas und erhielt allein dafür 150 Millionen Euro.

Michael Martens Folgen:

Mit dem französischen Energiekonzern Total, der sich ebenfalls um Bohrlizenzen bewirbt, wird Nikosia nach inoffiziellen Angaben in Kürze handelseinig werden. Im Gespräch mit zyprischen Diplomaten und Politikern kann mitunter der Eindruck entstehen, als sei Zypern bereits der wichtigste Energielieferant der Europäischen Union. Doch selbst im günstigsten Fall, wenn der Energiepreis stabil und die Nachfrage im krisengeschüttelten Europa hoch bleiben sollte, stehen dem Inselstaat einige schwierige Jahre bevor. Denn der Geldsegen aus dem Gasreichtum kommt (vielleicht) übermorgen. Die Finanzkrise aber ist schon da.

Moskaus Großzügigkeit

Eines war daher schon vor der zyprischen Präsidentenwahl am Sonntag sicher: Der Nachfolger des scheidenden Staatsoberhaupts Dimitris Christofias wird sich als Krisenmanager bewähren müssen. In dieser Disziplin hatte Christofias von der „Fortschrittspartei des werktätigen Volkes“, kurz Akel, in den Augen einer Mehrheit der Zyprer schlicht versagt. Seine Umfragewerte waren schon seit mehr als einem Jahr derart schlecht, dass die Akel Christofias keinesfalls zur Wiederwahl nominieren wollte, auch wenn der Amtsinhaber zwischenzeitlich Interesse an einer weiteren Amtszeit von fünf Jahren erkennen ließ.

Mehr als 16 Milliarden Euro Hilfskredite benötigt der Kleinstaat vermutlich in den kommenden Monaten, davon bis zu 8,8 Milliarden zur Rettung der angeschlagenen zyprischen Banken, die stark in griechische Staatsanleihen investiert hatten und von deren Wertverlust getroffen wurden. Den Rest des Geldes benötigt der zyprische Staat, der außer von Russland an den Finanzmärkten seit Jahren keine Kredite mehr bekommt, unter anderem zur Finanzierung seines üppig ausgebauten Beamtenapparates. Hätte Russland Ende 2011 nicht einen Kredit über 2,5 Milliarden Euro bewilligt, wäre Zypern schon damals zahlungsunfähig gewesen. Moskaus Großzügigkeit wird oft damit erklärt, dass Zyperns Banken viel russisches Geld verwalten. Bei einem Zusammenbruch des zyprischen Bankensystems wäre dieses Kapital von zweifelhafter Herkunft gefährdet gewesen.

Karte / Zypern / Gasförderzonen © F.A.Z. Vergrößern Die Wirtschaftszonen im östlichen Mittelmeer

Doch für Moskaus Interesse an Zypern gibt es womöglich mindestens zwei weitere Gründe. In einer in Istanbul herausgegebenen Vierteljahreszeitschrift zur Politik der Türkei („Turkish Policy Quarterly“) erschien unlängst ein Aufsatz, der die komplizierte levantinische Gemengelage analysiert. Demnach ist nicht das russische Kapital auf zyprischen Konten entscheidend für Moskaus Interesse, sondern eine Mischung aus militärischen und energiepolitischen Gründen. Derzeit unterhält Russland seine einzige Marinebasis in der Region in Tartus an der syrischen Küste, also vor der Haustür Zyperns. Da die Zukunft dieser letzten verbliebenen Moskauer Außenstelle im Mittelmeer angesichts des Krieges in Syrien unsicher ist, werden den Russen schon seit längerem Ambitionen nachgesagt, sich im nahen Zypern einer Ausweichmöglichkeit zu schaffen. So auch im „Turkish Policy Quarterly“. Für eine erstarkende Großmacht wie Russland, heißt es da, sei es nur folgerichtig, sich um neue Stationierungsmöglichkeiten für die russische Kriegsmarine sowie um einen Anteil an der Ausbeutung der Gas- und vermutlich auch Erdölvorkommen Zyperns zu kümmern: „Die Entdeckung von Gasvorkommen in Zypern, dem engsten Verbündeten in der EU und einem traditionell freundlich gesinnten Land seit der Sowjetzeit, bietet Russland die seltene Chance, viele Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.“

Gleichung mit vielen Unbekannten

Die Vorstellung, ein von der EU mit Notkrediten unterstütztes Zypern werde Russland eine Marinebasis anbieten, fällt allerdings schwer. Realistischer erscheint da schon Russlands Interesse an einer Ausbeutung der Gasvorkommen, zumal es sich zumindest partiell mit den Zielen Nikosias deckt. Um gegen die Ansprüche der mächtigen Türkei besser gewappnet zu sein, versucht der seit 1974 geteilte und im Norden vom türkischen Militär kontrollierte Kleinstaat eine breit gefächerte Allianz mit internationalen Energieunternehmen zu schmieden. Amerikaner, Italiener, Koreaner und womöglich bald auch Franzosen hat man schon im Boot. Sollte Gasprom zusteigen, stünde Ankara im östlichen Mittelmeer eine mächtige Koalition gegenüber. Russland, so das Szenario, könnte Europa dann auch von Süden her mit Gas beliefern.

Nicht von ungefähr sei Gasprom einer der Bewerber um den Kauf von Anteilen an dem noch mehrheitlich staatlichen griechischen Gasversorgungsunternehmen Depa, wird in der Analyse im „Turkish Policy Quarterly“ hervorgehoben: „Wenn Gasprom mit seinem Gebot Erfolg hat, würde das Unternehmen zweifellos versuchen, die Aufnahme von zyprischem und israelischem Gas zu erhöhen, es (wahrscheinlich in verflüssigter Form) zum griechischen Festland zu transportieren und dort die Leitungen der Depa zu nutzen, um es an die europäischen Märkte weiterzuverkaufen.“

Wie immer bei großen Energieprojekten sind solche Gedankenspiele eine Gleichung mit vielen Unbekannten – aber dass Russland sich für Zypern besonders interessiert, ist eine Gewissheit, mit der auch der neue Präsident in Nikosia rechnen kann und muss.

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Quelle: F.A.Z.

 

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