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Griechenlands Linke : Jein zu Europa

Ja...nein...vielleicht? Ein mit dem Wort „nein“ übersprühtes Ja-Plakat an einer Bushaltestelle in Athen. Bild: Reuters

Was finden die Griechen an der linken Regierungspartei Syriza und ihrem Ministerpräsidenten Alexis Tsipras? Ein junger Mann aus Athen erzählt, weshalb er für Tsipras gestimmt hat – und warum er es am Sonntag beim Referendum über Brüssels Sparprogramm wieder tun wird.

          Es war einer dieser milden Athener Winternachmittage im Januar, als Stamatis Zafiropoulos, ein Holzfällerhemd über der Jeans, ein Buch mit Lesezeichen unter dem Arm, die Treppen von der Metrostation am Omonia-Platz Richtung Straße des 3. September hinaufstieg, sich mit einem schüchternen Lächeln vorstellte und schon auf dem Weg zu seinem Lieblingscafé in Exarchia davon erzählte, welches Griechenland er sich für die Zukunft wünsche.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Das Treffen fand wenige Tage vor der griechischen Parlamentswahl am 25. Januar statt, als alle Umfragen bereits darauf hindeuteten, dass die Griechen eine wenige Jahre zuvor noch vollkommen unbekannt gewesene linke Splitterpartei zur stärksten politischen Kraft ihre Landes machen würden.

          Stamatis Zafiropoulos war einer von ihnen, und er hatte sich bereit erklärt, eine Frage zu beantworten, die ganz Europa interessierte: Was finden die Griechen an Syriza, dem „Bündnis der radikalen Linken“ von Alexis Tsipras, dem heutigen Ministerpräsidenten?

          Abenteuerurlaub in Athen

          Exarchia, das Stadtviertel, das Zafiropoulos als Ort für ein Interview vorgeschlagen hatte, liegt im Zentrum Athens, zehn Minuten Fußmarsch vom Omonia-Platz. Als „Anarchistenviertel“ wird es oft bezeichnet, was nicht falsch, aber unvollständig ist, denn Exarchia ist zugleich Ausgehstadtteil der linken Schickeria Athens sowie bürgerlicher Ausflügler, die in den zum Teil exzellenten Tavernen und Cafés der Gegend einkehren wie zu einem urbanen Abenteuerurlaub, bevor sie in die wohlgeordnete Ruhe ihrer Vorstädte zurückkehren.

          In einer dieser Tavernen saß nun also Stamatis Zafiropoulos und erklärte, warum er für Syriza stimmen werde. Zu Beginn seiner Laufbahn als Wähler hatte der Student der Elektrotechnik, Jahrgang 1988, für Griechenlands kommunistische Partei gestimmt, aber diese Phase sei vorbei. „Die griechischen Kommunisten machen es sich zu einfach. Sie folgen starr ihrer Doktrin, bleiben ideologisch rein, fragen sich aber nie, ob das alles funktioniert. Sie sind zu weit entfernt von der Realität. Diesmal wähle ich etwas Praktischeres.“

          Kirche bezahlt keine Steuern

          Auf Griechenland, so sah es Zafiropoulos im Januar, kämen nämlich wichtige Entscheidungen zu, und da brauche es Politiker, die zwar links seien, aber zugleich praktisch denken können – „wie die meisten Leute von Syriza“. Und was hat Syriza, was andere griechische Parteien nicht haben? Vor fünf Monaten gab Zafiropoulos eine romantisch klingende Antwort auf diese Frage.

          Es gebe für die Griechen jetzt erstmals die Chance, die linken Ideen zu verwirklichen, nach denen sie sich sehnen. Von sozialer Gerechtigkeit sprach er, von einem neuen Sozialvertrag der Griechen, von einem Kampf gegen das „Dreieck“ aus korrupten Politikern, Unternehmern und Medien, von Schlussstrich und Neuanfang. „Die Syriza-Politiker sind viel sauberer als die früheren Leute“, sagte er. Es gebe viel zu tun für sie.

          Wie könne es zum Beispiel sein, dass die griechische orthodoxe Kirche von sämtlichen Steuerzahlungen befreit sei? Eine linke Regierung werde das ändern, ohne die Religionsfreiheit anzutasten. „Es geht nicht darum, der Kirche ihr Existenzrecht streitig zu machen, sondern um ihr Geschäftsmodell, das die Lasten der Krise mittragen muss. Wir müssen diesen Staat endlich in Ordnung bringen.“

          Reproduktion der Massenmedien

          Fünf Monate später. Wieder Exarchia, wieder eine Taverne. Bestellen kann man hier nichts, der Wirt arbeitet nur mit frischen Zutaten und bringt, was er hat. Heute hat er Tintenfisch in Honigsauce, mit scharf gewürztem Schafskäse gefüllte Tomaten und andere Köstlichkeiten der griechisch-levantinischen Küche, die dort anfängt, wo Gyros aufhört.

          Fast alle Tische sind besetzt, aber der Wirt klagt, dass er bald keine Gäste mehr haben werde, wenn die Mehrwertsteuer von 13 auf 23 Prozent heraufgesetzt werde, so wie es die Zeitungen angekündigt haben. Stamatis Zafiropoulos nickt und sagt: „Heute hätten mein Vater und ich uns beinahe umgebracht wegen der Politik.“ Er lebt wie viele Athener Studenten noch bei seinen Eltern, und derzeit diskutiert die Familie Zafiropoulos fast täglich über Politik.

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