Home
http://www.faz.net/-hox-775ch
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Wahlkampf in Italien Grillini und Mafiosi

Selbst am Tag der Wahl wissen viele Italiener noch nicht, wem sie ihre Stimme geben - wenn überhaupt. Denn das Vertrauen in die alten Parteien ist gering. Das zeigt auch ein Besuch in Sizilien, der Region, die eine entscheidende Rolle bei der Machtverteilung spielen wird.

© Getty Images Vergrößern In seinem Revier: Silvio Berlusconi - Politiker, Medienunternehmer, Milliardär, Mann - Mitte Februrar in einer Fernsehtalkshow

Um Annamaria Rossi auf Sizilien kümmert sich niemand - außer vor Wahlen. Dann wird die zierliche, 65 Jahre alte Frau aus Zen für die Parteien interessant, die ihre Stimme wollen. Zen ist ein armer Stadtteil im Norden von Palermo, in dem in den sechziger Jahren Betonburgen hochgezogen wurden, sozialer Wohnungsbau. Hier wohnt Annamaria Rossi, seit sie sich ihre Wohnung im Zentrum der Stadt nicht mehr leisten kann.

Jörg Bremer Folgen:    

Vor vier Jahren starb ihr Mann, vor zwei Jahren verlor sie ihre Arbeit in einem Café. Jetzt also Zen. „Dass sich ein Politiker hierhintraut, ist ungewöhnlich“, sagt Annamaria Rossi. Aber so richtig war Angelo Capodicasa, der Kandidat der Demokratischen Partei (PD), eigentlich gar nicht da: „Er fuhr nur durch die Straße und ließ Flugblätter zurück.“ Einst war Capodicasa Präsident der Region Sizilien, jetzt kandidiert er hinter Pier Luigi Bersani auf dem dritten Platz der PD-Liste für Rom.

Er hat mit dem Flugblatt zur letzten Wahlkampfkundgebung Bersanis am Mittwoch auf Palermos Theaterplatz geladen. Da werde auch sie sein, beschloss Annamaria Rossi. Denn sie weiß immer noch nicht, wem sie ihre Stimme geben soll, wenn Italien am Sonntag und Montag wählt. Mit ihrer Unentschlossenheit ist sie nicht allein.

Wahlkampf im Internet

In den letzten Tagen vor den Wahlen blicken Italiens Politiker vor allem auf die Lombardei - und auf Sizilien. Wer in diesen Regionen gewinne, werde im ganzen Land siegen, sagt Meinungsforscher Roberto D’Alimonte von der römischen Luiss-Universität. In beiden Regionen ist laut den letzten, vor zwei Wochen veröffentlichten Umfragen die Zahl der Unentschiedenen mit dreißig Prozent besonders hoch, in beiden Regionen liegen die Parteien besonders nah beieinander.

Vor zehn Tagen führte in beiden noch das Mitte-links-Bündnis aus PD und der Partei „Linke-Ökologie-Freiheit“ (SEL) - in der Lombardei vor dem „Volk der Freiheit“ (PdL) des früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi und der Lega Nord, auf Sizilien vor den „Grillini“ des Komikers Beppe Grillo. Das Bündnis Mario Montis, des Ministerpräsidenten, spielt auf den vorderen Plätzen keine Rolle. Meinungsforscher D’Alimonte zweifelt aber daran, dass die Umfragen noch gelten.

23322802 © AP/dpa Vergrößern Bedrängter Favorit: Pier Luigi Bersani

„Die jüngsten Skandale um die von der Linken kontrollierte Bank Monte dei Paschi in Siena und um die staatliche Konzernholding Finmeccanica in der Lombardei treiben die Leute weiter weg von den etablierten Parteien zu den Grillini“, sagt er. D’Alimonte traut auch den Aussagen der Befragten nicht mehr: „Zu Beginn des Wahlkampfes galt es als selbstverständlich, PD zu wählen.“ Nun sei Populismus wieder schick geworden, und darum „geben heute mehr Wähler zu, dass sie die Grillini wählen oder den Versprechen von Berlusconi trauen“, sagt D’Alimonte.

Noch etwas kommt den „Grillini“ entgegen - ein Wahlkampf, der im Internet stattfand, wo Kandidaten politische Botschaften über Twitter oder Facebook verbreiten. Am meisten wird online über Beppe Grillo diskutiert, gefolgt von Bersani und Monti. Für Italien sei das der erste Wahlkampf im Internet, sagt der Kommunikationswissenschaftler Stefano Epifani von der Universität Sapienza in Rom. Es sei aber schwer, diesen Internet-Wahlkampf in Wählerstimmen „umzumünzen“. Die wichtigsten Kandidaten - Grillo, Bersani, Berlusconi und Monti - seien alle älter als 60 Jahre. „Die meisten Internetnutzer aber sind viel jünger. Orientieren die sich an den Alten im Netz, gehen sie überhaupt zur Wahl?“, fragt Epifani.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Branchenstar Valentino Rossi Der Motorrad-Papst

Nach einem Sturz beim Rennen in Aragon erleidet Valentino Rossi eine Gehirnerschütterung. Doch der 35-Jährige denkt längst an die Zukunft: Er will noch einmal Weltmeister werden. Mehr Von Michael Wittershagen

29.09.2014, 10:54 Uhr | Sport
Häuser für einen Euro in Sizilien

Sizilien ist das Armenhaus Italiens, viele Einwohner verlassen ihre Dörfer und versuchen ihr Glück auf dem Festland. Doch im Dorf Gangi hat sich der Trend umgekehrt - dank einer Idee des Bürgermeisters. Er bietet leer stehende Häuser für einen symbolischen Euro zum Kauf an - unter der Bedingung, sie binnen drei Jahren zu renovieren. Mehr

19.08.2014, 13:37 Uhr | Aktuell
Ole von Beust im Gespräch Dass die AfD in den Parlamenten sitzt, ist nicht tragisch

Ole von Beust, ehemaliger Erster Bürgermeister von Hamburg, sagt, die AfD werde vor allem aus Trotz gewählt. Beängstigend findet er das aber nicht. Ein Interview über Protestwähler und leidenschaftslose Politiker. Mehr

01.10.2014, 10:30 Uhr | Politik
Berlusconi: Für Deutsche haben KZs nie existiert

Wieder hat Italiens ehemaliger Ministerpräsident für einen Eklat gesorgt: Bei einer Wahlkampfveranstaltung behauptete er, für Deutsche hätten Konzentrationslager nie existiert. Mehr

28.04.2014, 09:22 Uhr | Politik
Italien Renzi schwächt Arbeitsmarktreform ab

Eigentlich hatte sich der junge italienische Ministerpräsident Renzi ambitionierte Ziele gesteckt. Aber immer wieder bremsen ihn die anderen Politiker - nun auch in einer wichtigen Arbeitsmarktreform. Mehr Von Tobias Piller, Rom

30.09.2014, 11:22 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.02.2013, 20:49 Uhr

Die Schattenseite

Von Jasper von Altenbockum

Die Regierung weiß, dass es in Unterkünften für Flüchtlinge zu Gewaltausbrüchen kommen kann – Bürokratismus nützt nun ebensowenig wie Romantik. Mehr 6