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Wahlkampf in Italien Die Macht der fünf Sterne

In Italien hat die Bewegung des Komikers Beppe Grillo offenbar weiter in der Gunst der Wähler gewonnen. Schon rätselt man, wie sich ihre Kandidaten im Parlament verhalten werden.

© AFP Vergrößern Auf „Tsunami-Tour“: Beppe Grillo, Anführer der politischen „Fünf-Sterne-Bewegung“

Seit der vergangenen Woche werden im italienischen Wahlkampf keine Umfragen mehr veröffentlicht. Und dennoch scheinen die Parteiführer und die Zeitungen zu wissen, dass eine politische Kraft vor allen anderen mit Macht nach vorne dringt: die „Grillini“ des Komikers und Bloggers Beppe Grillo. Der Präsident des Meinungsforschungsinstituts ISPO, Renato Mannheimer, darf jetzt dazu nur noch sagen: „Derzeit steht Grillo extrem gut da.“

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Bei seiner letzten veröffentlichten Umfrage hatte Mannheimer die Bewegung des Kabarettisten, der mit einem „Vaffanculo-Day“ (Leck-mich-am-Arsch-Tag) 2007 erstmals Furore gemacht hatte, noch bei 15 Prozent der Stimmen gesehen; damit waren die drei Parteien um Ministerpräsident Mario Monti zusammen noch stärker gewesen. Mittlerweile aber gelten die Grillini als drittstärkste Kraft nach der linksbürgerlichen Demokratischen Partei (PD) unter Pier Luigi Bersani und dem „Volk der Freiheit“ (PdL) des früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi.

Unentschiedene stimmen für Grillo

Schon vorige Woche hatten die Meinungsforscher herausgefunden, dass Grillo besonders viele Unentschiedene für sich gewinnen kann. Der Publizist Antonio Roccuzzo meint, die meisten davon seien enttäuschte Berlusconi-Wähler, die „zum apolitischen Wunderheiler Grillo abwandern“. Berlusconi gelingt es trotz seines weiterhin rastlosen Wahlkampfes darum auch nicht, seine demoskopischen Erfolge fortzusetzen - sein PdL stagniert bei 20 Prozent.

Es kommt ihm offenbar auch der Papst in die Quere: Mannheimer darf keine Zahlen nennen, aber er verrät, dass der Abschied von Benedikt XVI. Berlusconis Aussichten verschlechtere. Roccuzzo meint, der deutsche Papst zeige mit seiner Bescheidenheit und Demut, wie man sich rechtzeitig zurückziehe. „Viele Italiener schämen sich für Berlusconis Eitelkeit noch mehr als sonst, und sie wenden sich ab.“

Derweilen sollen die drei Parteien der Mitte um Monti an Unterstützung verloren haben, obwohl Benedikt den Ministerpräsidenten noch einmal vor dem Ende seiner Amtszeit Ende des Monats empfangen will, was Berlusconi als „Einmischung in den Wahlkampf“ kritisiert. Roccuzzo sagt, zum Lager der Unentschieden gehörten viele Jugendliche und Ärmere, „für die Monti ein Mann der Banken, der Reichen und des Establishments bleibt“.

Grillini fehlt ein klares Programm

Unberührt von Grillos Aufstieg ist der PD, der bei etwa 30 Prozent zu verharren scheint; der PD ist aber nicht ungerührt - denn mit jedem Tag wird es wahrscheinlicher, dass die Partei nach der Wahl in zehn Tagen mit Montis Lager koalieren muss, um in beiden Parlamentskammern für eine Regierungsbildung stark genug zu sein, ohne Behinderung von Berlusconi oder den Grillini.

Das aber setzt voraus, dass vom konservativen Vorsitzenden der Christlich-Demokratischen Union (UDC), Pier Ferdinando Casini, und Monti über den rechten PD-Flügel und Bersanis PD-Mitte bis zu den Sozialisten von „Linke-Ökologie-Freiheit“ (SEL) unter Nichi Vendola eine Brücke gebaut werden kann - was schwierig werden dürfte. Noch aber ist Wahlkampf und Grillo auf „Tsunami-Tour“. Dabei kennt der 64 Jahre alte Komiker kein Tabu.

Während Italien Benedikts würdigen Abschied preist, witzelt Grillo: „Vielleicht tritt der Papst nur zurück, weil die Bestechungsgelder von Monte dei Paschi über die Vatikanbank flossen und er jetzt Angst hat, in der Engelsburg eingesperrt zu werden.“ Das ist ein Hieb gegen die Kirche, die Vatikanbank, die jahrzehntelang für Skandale gut war, und gegen Italiens älteste Bank in Siena, bei der immer wieder Politiker aus dem linken Spektrum versuchten, Einfluss zu nehmen.

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Minuten später wettert Grillo gegen die etablierten Parteien und den Filz zwischen Wirtschaft und Politik. Ein klares Programm fehlt den Grillini, die sich erst 2009 bildeten und offiziell „Movimento Cinque Stelle“ (Fünf-Sterne-Bewegung) nennen. Als „freie Bürgerkraft“ wollen sie den Staat zurückdrängen und die Umwelt sauber halten, und sie sind natürlich auch gegen die Globalisierung. Während die anderen Kandidaten vor allem in Fernsehshows ihr Heil suchen, füllt Grillo die Plätze und ist im Internet aktiv.

Über eine Kür im Internet stellte Grillo auch seine Kandidatenlisten zusammen, traf dann aber letztlich seine eigene Auswahl; zwei Grillini, die ihn dann dafür kritisierten, warf Grillo Anfang Dezember aus der Partei. Mittlerweile scheint Grillo sogar Angst vor seinem Erfolg zu haben. „Es könnte sein, dass wir zu wenige Kandidaten haben und in Eile nachwählen müssen“, sagt er. Grillos Kandidaten sind häufig - anders als ihr Chef - Pragmatiker.

„Aber wir haben trotzdem keine Ahnung, wie sie sich im Parlament bewegen werden“, sagt der Politologe Roberto D’Alimonte. Sie könnten vielleicht eine Regierungsbildung erschweren. „Auf jeden Fall zwingen die Grillini Bersani und Monti dazu, sich über alle Konflikte hinweg zu einigen.“ Grillo sagt bisher nur, seine Bewegung sei Opposition - „aber im Einzelfall werden wir auch mal für gute Gesetze stimmen“.

Quelle: F.A.Z.

 
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