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Veröffentlicht: 18.06.2015, 19:45 Uhr

Verbrechen an Vertriebenen Das Massaker von Prerau

Im Jahr 1945 flohen Zehntausende vor „wilden Vertreibungen“ im ehemaligen deutschen Protektorat Böhmen und Mähren. Zahlreiche Heimkehrertransporte wurden überfallen und ausgeraubt, viele Passagiere getötet - so auch in Prerau.

von , Wien
© Picture-Alliance Deutsche Siedler wollten nach dem Zweiten Weltkrieg zurück in die Karpaten, die sie auf der Flucht vor der Roten Armee verlassen hatten.

Im Frühjahr und Sommer 1945 kehrten Zehntausende Karpatendeutsche, die angesichts des Vormarschs der Roten Armee in der Slowakei von den deutschen Behörden nach Böhmen und Mähren gebracht worden waren, in ihre Heimat zurück. Zum zweiten Mal befanden sie sich auf der Flucht, dieses Mal vor dem Terror der „wilden Vertreibungen“ im ehemaligen deutschen Protektorat. Auf dem Weg in die Slowakei wurden zahlreiche Heimkehrertransporte überfallen, ihre Passagiere beraubt und in einigen Fällen auch getötet. Eines der scheußlichsten Verbrechen, die damals begangen wurden, verübten Soldaten der tschechoslowakischen Armee in der Nacht vom 18. auf den 19. Juni 1945 an Heimkehrern aus Nordböhmen, deren Zug auf dem Verschiebegelände des mährischen Bahnknotenpunkts Prerau (Přerov) angehalten hatte.

Karl-Peter Schwarz Folgen:

Leutnant Karol Pazúr und der Politkommissar Bedřich Smetana zwangen die Heimkehrer, die Waggons zu verlassen – angeblich, weil sich unter ihnen Nazis versteckt hätten. In dem Zug befanden sich fast ausschließlich Frauen, Kinder und alte Männer. Auf Pazúrs Wunsch hin stellte Eugen Surovčík, der Kommandant des 17. Preßburger Infanterieregiments, 20 Soldaten zur Verfügung; der örtliche tschechische Nationalausschuss ließ deutsche Zwangsarbeiter ein Massengrab ausheben.

Dann befahlen die Soldaten den Karpatendeutschen, ihre Kleidung und ihre Wertsachen abzulegen, und trieben sie in kleinen Gruppen auf eine als Schwedenschanze bekannte Anhöhe, wo sie sie durch Genickschuss töteten. Kinder mussten zusehen, wie ihre Mütter liquidiert wurden, andere Kinder wiederum wurden vor den Augen ihrer Mütter ermordet. Auf die Frage, warum er auch die Kinder umbringen ließ, sagte Pazúr später: „Was sollte ich mit ihnen anfangen, da wir ihnen ja die Eltern erschossen hatten?“ Die Leichen warfen die Soldaten in das Massengrab. „Weil aus diesem noch Stöhnen erscholl“, sagte ein Zeuge, „schossen sie mit ihren automatischen Waffen hinein.“

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Dem Massaker fielen 265 Karpatendeutsche zum Opfer: 120 Frauen, 74 Kinder unter 14 Jahren und 71 Männer. Das jüngste Opfer war acht Monate alt, das älteste ein Mann von 80 Jahren. Die Dokumente der Ermordeten wurden verbrannt, ihre Habseligkeiten verteilten die Täter unter sich und unter den Angehörigen des Nationalausschusses, schließlich wurde auch der Zug geplündert.

Anerkennung für Prerau „auf keinen Fall möglich“

Im April dieses Jahres wandte sich der gebürtige Karpatendeutsche Rudolf Göllner an den Bundespräsidenten. Göllner wurde 1942 in der ostslowakischen Zips geboren; unter den Ermordeten von Prerau waren sein Großvater, sein Onkel, dessen Frau und seine zwölf Jahre alte Cousine. In seinem Brief bat er Joachim Gauck um ein öffentliches Gedenken für die karpatendeutsche Opfer, „es muss ja nicht so aufwändig und regelmäßig wie für die Opfer von Lidice“ sein. Im böhmischen Lidice hatten deutsche Polizisten am 9. Juni 1942 als Vergeltung für den Anschlag auf den Stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich 175 Männer erschossen und 195 Frauen in das KZ Ravensbrück verbracht, wo 52 von ihnen starben.

Göllner regte in dem Brief die Würdigung der Stadt Prerau an, die unter ihren Bürgermeistern seit dem Sturz des kommunistischen Regimes „viel Verständnis für die Opfer aufgebracht hat“ sowie „eigene Gedenkveranstaltungen durchführte“, und dies vor dem Hintergrund, dass „auf dem Friedhof 21 von den deutschen Besatzern ermordete einheimische Zivilisten begraben sind“. Auch dieses Jahr findet in Prerau am 19. Juni eine Gedenkfeier statt. Schließlich verwies Göllner auf die Verdienste des Prerauer Lokalhistorikers František Hýbl, dessen vor 20 Jahren erschienenes Buch („Tragédie na Švédských šancích v červnu 1945“) erheblich dazu beitrug, das Wissen um das Massaker zu verbreiten.

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