Home
http://www.faz.net/-gq5-7hp2y
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Vatikan Papst will „neue Balance“ der Kirche

Papst Franziskus hat die katholische Kirche zur Umkehr aufgefordert. In einem Interview forderte er von ihr, Wunden zu heilen, statt sich auf heikle Fragen wie Schwulenehe, Abtreibung und Verhütung zu fixieren.

© dpa Papst Franziskus Ende August in Rom.

Papst Franziskus will die katholische Kirche in eine „neue Balance“ bringen. In einem Gespräch mit der Jesuiten-Zeitschrift „Civiltà Cattolica“, das jetzt veröffentlicht wurde, kritisierte er die fast „besessene“ Konzentration auf Themen wie Abtreibung und Homosexualität, während die Heilsbotschaft in den Hintergrund gerate. Die Kirche dürfe sich nicht auf „kleine Dinge und engstirnige Regeln“ reduzieren lassen, sondern müsse „gnädiger und einladend“ werden. Es gelte, eine „neue Balance“ zu finden, sonst falle „das moralische Gebäude“ zusammen und laufe Gefahr, „seine Frische und den Geschmack des Evangeliums zu verlieren“.

Jörg Bremer Folgen:

Seit Mitte März ist Franziskus im Amt, doch erst jetzt beginnt er mit der geplanten Kurienreform. Er misstraue „Entscheidungen, die improvisiert sind“, sagte der Papst, der selbst Jesuit ist. Der erste Entschluss sei meist falsch. „Ich muss warten, innerlich abwägen. Die Weisheit der Unterscheidung löst die notwendige Zweideutigkeit des Lebens ab.“ So wie sein Orden das Dienen in den Vordergrund rücke, müsse die Kurie in Rom der Weltkirche dienen und der Pastor ein „Diener der Barmherzigkeit“ sein, der niemals zu streng sein dürfe, so der Papst. „Das Bild der Kirche, das mir gefällt, ist das des heiligen Volkes Gottes. Das Volk ist das Subjekt in der Geschichte.“ Diese Kirche müsse das „Haus aller sein – keine kleine Kapelle, die nur ein Grüppchen ausgewählter Personen aufnehmen kann. Wir dürfen die Universalkirche nicht auf ein schützendes Nest unserer Mittelmäßigkeit reduzieren“. Die Kirche müsse überall das Evangelium verkünden und „jede Form der Krankheit und Wunde pflegen“.

„Keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben“

Weiter sagte der Papst, er wisse von Homosexuellen, die „sozial verwundet“ seien, denn sie fühlten sich von der Kirche verurteilt. „Aber das will die Kirche nicht.“ Gott habe den Menschen „frei geschaffen: Es darf keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben geben“. Wenn Gott eine homosexuelle Person sehe, schaue er sie in Liebe an, sagte der Papst. Aber man solle nicht nur über Schwule reden, Abtreibung oder Verhütungsmethoden und das niemals ohne Kontext. Verkündigung sei das Herz der Kirche. Ihre Lehren, „dogmatische wie moralische“, seien „nicht alle gleichen Ranges“. Die Seelsorge „konzentriert sich auf das Wesentliche, auf das Nötige. Das zieht am meisten an, lässt das Herz glühen – wie bei den Jüngern von Emmaus“.

Die deutsche Laienorganisation „Wir sind Kirche“ begrüßte am Freitag die Aussagen von Papst Franziskus. „Er weist darauf hin, dass die Kirche mehr ist als eine Moral-Instanz, die Verbote ausspricht“, sagte der Sprecher Christian Weisner in München. Der Pontifex wolle den Menschen die Augen öffnen und auf die wirklichen Probleme der Gesellschaft hinweisen. Weisner sieht in den Interview-Äußerungen des Papstes „Rückenwind für die Reformgruppen“: „Bergoglio leitet einen Erneuerungsprozess sein.“

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z./jöb. mit dpa

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Franziskus Der Papst und die Bücher einer lesbischen Autorin

Warum hast du zwei Mütter?: Seit Monaten wird in Italien über die Kinderbücher von Francesca Pardi diskutiert. Der Papst schickte der lesbischen Autorin Segenswünsche - die aber nicht falsch verstanden werden dürften, stellt nun der Vatikan klar. Mehr

29.08.2015, 15:49 Uhr | Gesellschaft
Vatikan Papst Franziskus befeuert die Umwelt-Debatte

Die Enzyklika Laudato si, über die Sorge für das gemeinsame Haus sorgt für Kontroversen. Das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus, hat erstmals eine Enzyklika in Sachen Umweltschutz herausgebracht. Darin ruft der Papst die Menschen in reichen Ländern dazu auf, ihren Lebensstil zu überdenken. Mehr

18.06.2015, 17:27 Uhr | Politik
Rom Eine Piazza für Martin Luther

Für den deutschen Reformator Martin Luther war Rom einst ein Sündenpfuhl, nun soll er einen eigenen Platz in Rom bekommen. Die Taufe der Piazza stellt die Stadt jedoch vor ein anderes Problem. Mehr Von Jörg Bremer, Rom

19.08.2015, 19:06 Uhr | Gesellschaft
Bolivien-Besuch Papst bittet Amerikas Ureinwohner um Vergebung

Seinen Besuch in Bolivien nutzt Papst Franziskus für eine historische Geste der Entschuldigung: Bei den Ureinwohnern bittet er um Vergebung für Verbrechen der katholischen Kirche in der Kolonialzeit. Mehr

10.07.2015, 17:55 Uhr | Aktuell
Mafia-Beerdigung in Rom Triumph der Trauer

Die Staatsanwaltschaft in Rom wirft der Familie Casamonica vor, sich im Menschenhandel, der Prostitution und dem Rauschgifthandel verdingt zu haben. Die prunkvolle öffentliche Beerdigung des Familienoberhauptes Vittorio Casamonica in Rom bleibt deshalb nicht ohne Folgen. Mehr Von Jörg Bremer, Rom

23.08.2015, 16:01 Uhr | Gesellschaft

Veröffentlicht: 20.09.2013, 16:04 Uhr

Osteuropa darf sich nicht verkriechen

Von Thomas Gutschker

Der Flüchtlingsstrom zieht in eine Richtung – in den Norden. Der Osten Europas hat bisher nur wenige Menschen aufgenommen. Es wird Zeit für mehr Solidarität und ein faires Quotensystem für Flüchtlinge in der EU. Mehr 21