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Vatikan Papst will „neue Balance“ der Kirche

Papst Franziskus hat die katholische Kirche zur Umkehr aufgefordert. In einem Interview forderte er von ihr, Wunden zu heilen, statt sich auf heikle Fragen wie Schwulenehe, Abtreibung und Verhütung zu fixieren.

© dpa Papst Franziskus Ende August in Rom.

Papst Franziskus will die katholische Kirche in eine „neue Balance“ bringen. In einem Gespräch mit der Jesuiten-Zeitschrift „Civiltà Cattolica“, das jetzt veröffentlicht wurde, kritisierte er die fast „besessene“ Konzentration auf Themen wie Abtreibung und Homosexualität, während die Heilsbotschaft in den Hintergrund gerate. Die Kirche dürfe sich nicht auf „kleine Dinge und engstirnige Regeln“ reduzieren lassen, sondern müsse „gnädiger und einladend“ werden. Es gelte, eine „neue Balance“ zu finden, sonst falle „das moralische Gebäude“ zusammen und laufe Gefahr, „seine Frische und den Geschmack des Evangeliums zu verlieren“.

Jörg Bremer Folgen:

Seit Mitte März ist Franziskus im Amt, doch erst jetzt beginnt er mit der geplanten Kurienreform. Er misstraue „Entscheidungen, die improvisiert sind“, sagte der Papst, der selbst Jesuit ist. Der erste Entschluss sei meist falsch. „Ich muss warten, innerlich abwägen. Die Weisheit der Unterscheidung löst die notwendige Zweideutigkeit des Lebens ab.“ So wie sein Orden das Dienen in den Vordergrund rücke, müsse die Kurie in Rom der Weltkirche dienen und der Pastor ein „Diener der Barmherzigkeit“ sein, der niemals zu streng sein dürfe, so der Papst. „Das Bild der Kirche, das mir gefällt, ist das des heiligen Volkes Gottes. Das Volk ist das Subjekt in der Geschichte.“ Diese Kirche müsse das „Haus aller sein – keine kleine Kapelle, die nur ein Grüppchen ausgewählter Personen aufnehmen kann. Wir dürfen die Universalkirche nicht auf ein schützendes Nest unserer Mittelmäßigkeit reduzieren“. Die Kirche müsse überall das Evangelium verkünden und „jede Form der Krankheit und Wunde pflegen“.

„Keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben“

Weiter sagte der Papst, er wisse von Homosexuellen, die „sozial verwundet“ seien, denn sie fühlten sich von der Kirche verurteilt. „Aber das will die Kirche nicht.“ Gott habe den Menschen „frei geschaffen: Es darf keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben geben“. Wenn Gott eine homosexuelle Person sehe, schaue er sie in Liebe an, sagte der Papst. Aber man solle nicht nur über Schwule reden, Abtreibung oder Verhütungsmethoden und das niemals ohne Kontext. Verkündigung sei das Herz der Kirche. Ihre Lehren, „dogmatische wie moralische“, seien „nicht alle gleichen Ranges“. Die Seelsorge „konzentriert sich auf das Wesentliche, auf das Nötige. Das zieht am meisten an, lässt das Herz glühen – wie bei den Jüngern von Emmaus“.

Die deutsche Laienorganisation „Wir sind Kirche“ begrüßte am Freitag die Aussagen von Papst Franziskus. „Er weist darauf hin, dass die Kirche mehr ist als eine Moral-Instanz, die Verbote ausspricht“, sagte der Sprecher Christian Weisner in München. Der Pontifex wolle den Menschen die Augen öffnen und auf die wirklichen Probleme der Gesellschaft hinweisen. Weisner sieht in den Interview-Äußerungen des Papstes „Rückenwind für die Reformgruppen“: „Bergoglio leitet einen Erneuerungsprozess sein.“

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Quelle: F.A.Z./jöb. mit dpa

 
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