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Diskriminierung der Tataren : Gleichschaltung auf der Krim

Patriotismus in schweren Zeiten: Junge Krimtataren erinnern am 16. Mai an die Deportation ihrer Vorfahren durch Stalin vor 71 Jahren. Bild: AP

Seit der Annexion der Halbinsel durch Russland werden die Krimtataren mehr denn je diskriminiert. Ihre Sprache verschwindet aus den Schulen und ihre Gedenktage aus dem Kalender.

          Brunnen gibt es viele im Khan-Palast von Bachtschissaraj. Die russischen Touristen, die an diesem Spätsommertag das einstige Herrschaftszentrum der Krimtataren besuchen, interessieren sich besonders für einen von ihnen: den Tränenbrunnen, erbaut zu Ehren einer jung verstorbenen Frau des Khans. Das Wasser rinnt von Schälchen zu Schälchen, Rinnsale auf weißem Marmor, traurig und schön zugleich. 1820, keine vier Jahrzehnte nachdem Zarin Katharina die Große die Krim dem Russischen Imperium einverleibt hatte, besuchte Alexander Puschkin den Palast. „Brunnen der Liebe, lebendiger Brunnen / Ich habe dir zwei Rosen zum Geschenk gebracht / Ich liebe dein unablässiges Murmeln / und deine poetischen Tränen“, beginnen Verse, die Russlands Nationaldichter dem Brunnen widmete. Zwei Rosen liegen stets in der obersten Schale, ein beliebtes Fotomotiv. Sie erinnern an Puschkin wie die Statue an der Lenin-Straße, die zum Palast führt. Russlands romantisches Erbe.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Doch für den Alltag der Krimtataren ist seit der Annexion der Krim durch Russland Mitte März vorigen Jahres das Gebäude neben dem Denkmal wesentlicher: der örtliche Sitz des Geheimdienstes FSB. Er hält die Krimtataren in Schach, deren überwältigende Mehrheit die Annexion durch Russland ablehnt. Die Machthaber auf der Halbinsel sorgen dafür, dass das Verhältnis des muslimischen Turkvolks, das rund zwölf Prozent der knapp 1,9 Millionen Krimbewohner stellen soll, zu den Russen traurig bleibt wie der Tränenbrunnen. Ohne das Schöne daran.

          Ganz nah beim Khan-Palast liegt das Café Musafir, ein prächtiger Bau mit Pavillons aus Stein und Holz mit Blick über die Lenin-Straße und die Dächer der Stadt. Besser gesagt: lag. Denn auf einem Schild steht rot auf weiß das russische Wort für „geschlossen“. Das Musafir war das beste Café von Bachtschissaraj, was eine Urkunde der Stadt und ein Reiseinternetportal bezeugten. So berichtet es stolz der Verwalter, ein Krimtatare. Nun, da es wenig zu verwalten gibt, schiebt er vor dem versperrten Eingang des Cafés Wache. Den ganzen Tag, nachts löst ihn jemand ab. Eine Vorsichtsmaßnahme, wer weiß, was als nächstes passiert.

          Diktator Stalin steht für das Verhältnis zu Moskau

          Der Verwalter spricht über den Tag des Referendums über den Anschluss an Russland. Keiner seiner Freunde und Verwandte habe daran teilgenommen, sagt er. Die Führung der Minderheit, der Medschlis, hatte zur Enthaltung aufgerufen. Ins Musafir kamen damals auch Mitarbeiter des Kremlsenders RT, um Jubelberichte über die angebliche Selbstbestimmung der Krimbewohner an ihre Heimatredaktion zu senden. Der Verwalter stellte das Internet ab und erst wieder an, nachdem die unerwünschten Gäste abgezogen waren. Ein bisschen Widerstand müsse doch sein, sagt der Mann und lächelt. Ziemlich bitter.

          Nicht Dichter Puschkin steht für das Verhältnis Moskaus zu den Krimtataren, sondern Diktator Stalin. Er ließ die Minderheit 1944 in Güterzügen nach Zentralasien deportieren, unter dem Vorwurf der Kollaboration mit den deutschen Besatzern. Zehntausende sollen dabei umgekommen sein. Erst gegen Ende der Sowjetunion durften die Krimtataren zurückkehren. Nach der Unabhängigkeit der Ukraine blieben Probleme, man stritt etwa über Landverteilung, die Sprache und die Anerkennung des Medschlis und der Kurultaj, der Volksversammlung der Krimtataren. Das Misstrauen gegen Russland blieb ebenfalls – und nach der Annexion tun die neuen Machthaber nichts dafür, um die Gegner des Anschlusses auf ihre Seite zu ziehen. Sie verweisen auf einige Krimtataren, die die Seiten gewechselt haben, etwa Posten in den neuen Machtstrukturen bekleiden. Diese Leute werden dann als Belege dafür vorgezeigt, dass auf der Krim alles zum Besten stehe, etwa, als im Juli eine französische Parlamentariergruppe die Krim besuchte. Im Übrigen setzt man indes ganz auf Einschüchterung und Repression. Das Café Musafir ist dafür ein Beispiel.

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