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Separatisten in der Ukraine : Russlands neue Helden

Separaratistenführer Igor Wsewolodowitsch Girkin: Wenn gerade kein echter Krieg ist, stellt er historische Schlachten nach Bild: AFP

Der Westen will, dass Putin die Separatisten in der Ostukraine fallen lässt. Doch vielen seiner Landsleute würde das wie Verrat vorkommen. Warum die Russen Männer wie Igor Girkin verehren.

          Am Anfang der Woche, in der die EU und die Vereinigten Staaten ihre bislang schärfsten Strafmaßnahmen gegen Russland verhängten, unterschrieb Igor Wsewolodowitsch Girkin im ostukrainischen Donezk einen Befehl. Unter einem Briefkopf des „Stabes des Landsturms der Volksrepublik Donezk“ verbot der „Kommandierende“ seinen Truppen, der „Armee Neurusslands“, das Fluchen. „Wir nennen uns selbst eine orthodoxe Armee und sind stolz darauf, nicht dem goldenen Kalb zu dienen, sondern unserem Herrn Jesus Christus und unserem Volk“, schrieb Girkin. Der öffentliche Gebrauch von „Mutterflüchen“ – russischen Ausdrücken stärkster Missbilligung – durch Soldaten sei wie ein „schwerer Disziplinarverstoß“ zu bestrafen. Denn „Feinde der Rus“ nutzten die Flüche, „um über den Geist auf die russischen Soldaten zu wirken, sie im Kampf zu brechen und das Volk in die Knie zu zwingen“. Unterzeichnet: Oberst I. I. Strelkow. I. I. für Igor Iwanowitsch, Strelkow in Anlehnung an das russische Wort für Schütze. So nennt sich Girkin.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Sanktionen sollen den russischen Präsident Wladimir Putin dazu bringen, Leuten wie ihm die Unterstützung zu entziehen. Unter dem Namen Strelkow ist Girkin der Welt außerhalb Russlands als Terrorist bekannt, spätestens, seit auf einer Seite im sozialen Netzwerk VKontakte am 17. Juli in seinem Namen der Abschuss eines vermeintlichen Transportflugzeuges der ukrainischen Streitkräfte durch die Separatisten bejubelt wurde. Später, als klar wurde, dass 298 Unbeteiligte an Bord eines Passagierflugzeugs den Tod gefunden hatten, distanzierte sich Girkin von dem Eintrag. Die Ukrainer hätten das Flugzeug abgeschossen. In Russland, dessen Staatsführung diese Version in unterschiedlichen Varianten ebenfalls verbreitet, gilt Girkin-Strelkow vielen weiterhin als Held. Wie überhaupt Russlands Staatsmedien die Separatisten zu Helden gemacht haben, zu Kämpfern für die gerechte, die russische Sache. Zugleich dämonisierten sie die neue Führung in Kiew, die nach der Revolution gegen ein korruptes Regime an die Macht gekommen war, als „faschistisch“.

          Der Krieg verleiht dem Leben Sinn

          Nun, da die westlichen Sanktionen immer schwerer auf Russlands Wirtschaft lasten, ist die Frage, ob Putin bereit ist, seinen Separatisten die Unterstützung zu entziehen. Oder aus russischer Sicht: Ob er die Kämpfer für die Idee, neue russische Herrschaft auf historischem Gebiet zu begründen, die „Beschützer“ der „friedlichen Zivilbevölkerung“, fallen lassen wird. Zu 88 Prozent befürworten die Russen, den Separatisten „humanitäre Hilfe“ zu leisten, eine breite Mehrheit gibt laut Umfragen dem Westen die Schuld an der Ukraine-Krise. Diesen Russen würde es wie Verrat vorkommen, die Separatisten sich selbst zu überlassen.

          Doch die Faszination, die von Leuten wie Girkin ausgeht, geht darüber hinaus. Viele Russen haben das Ende der Sowjetunion nicht als Befreiung, sondern als nationale Niederlage, als Beginn politischer Wirren und persönlicher Bereicherungen in Erinnerung. Sie lechzen nach Beispielen für echten Kampfesmut und Aufopferung für eine große Sache. Das zählt in einem Land, in dem der unter millionenfachen Opfern errungene Sieg im Zweiten Weltkrieg heute mehr denn je identitätsstiftend ist. Wenn der Krieg dem Leben Sinn und eine höhere Bestimmung verleiht, erscheint auch ein aus anderer Perspektive idiotischer Befehl wie das Verbot des Mutterfluches als Ausdruck ehrenhafter Überzeugung.

          Hass auf die Vereinigten Staaten

          Nach Jahren, in denen die Führung um Putin vor allem „innere Feinde“ erfand und unterdrückte, fördert sie nun zusätzlich verstärkt den Glauben an eine direkte äußere Rivalität, ja Feindschaft mit dem Westen. Auch wenn sie nun, nach Verhängung der schärfsten Sanktionen bisher, hervorhebt, es werde schon alles nicht so schlimm kommen, der Westen schneide sich ins eigene Fleisch. Wie nervös Putins Führungszirkel wirklich ist, zeigen die Erklärungen, die das Außenministerium täglich veröffentlicht: Sie demonstrieren Wut und Hass auf die Vereinigten Staaten und die EU. Wie im Rausch finden russische Behörden täglich etwas Neues, vor dem die russischen Verbraucher geschützt werden müssten, von Obst und Gemüse aus Polen bis zu Milch und Säften aus der Ukraine, und vielleicht bald Hühnerfleisch aus den Vereinigten Staaten.

          Washington wird nun mehr denn je als Hort alles Bösen ausgemacht. Mit Folgen auch im Alltag. Eine Mitarbeiterin des Radiosenders Echo Moskwy berichtete in dieser Woche, sie sei im Zentrum Moskaus von einem Mann angegriffen und beschimpft worden, weil sie ein T-Shirt mit einer amerikanischen Flagge getragen habe. In Russland schlägt die Stunde der Girkins – und Putin könnte in diesen Kriegern im Ringen mit dem Westen, dem Russland in allen anderen Belangen weit unterlegen ist, sogar einen Trumpf sehen.

          Den Namen Gottes missbraucht man nicht

          Girkin ist der größte der neuen russischen Kriegshelden. Der vor bald 44 Jahren in Moskau geborene, schlanke Schnauzbartträger, der stets in Flecktarn auftritt, sammelte erste einschlägige Erfahrungen im Jahr 1992, als er auf Seiten der russischen Separatisten in dem von der Republik Moldau abtrünnigen Transnistrien kämpfte. Danach schwärmte er von der „Euphorie“, überlebt zu haben. Doch habe sich alsbald ein Wunsch eingestellt, „den die meisten professionellen Kämpfer kennen“, nämlich „es aufs Neue zu riskieren, das ‚volle’ Leben zu leben“. Diese Zeilen schrieb Girkin in den Erinnerungen an seinen nächsten Krieg, in dem er auf Seiten der bosnischen Serben kämpfte. Auch in den beiden Tschetschenien-Kriegen war er dabei. Wenn gerade kein echter Krieg war, vergnügte sich Girkin, der einst Archivwissenschaften studierte, mit der Nachstellung historischer Schlachten.

          Im Unterschied zu anderen Führern der Separatisten, die sich fortwährend in langen Interviews äußern dürfen, kommt er zwar im russischen Staatsfernsehen, dem entscheidenden Meinungsmacher, persönlich nur am Rande vor. Dennoch ist sein Einfluss groß. So griffen die Propagandisten in Moskau am Tag nach dem Abschuss von Flug MH17 eine Geschichte auf, die Girkin wenige Stunden zuvor im Interview mit der Separatistenwebsite „Russkaja Wesna“ (Russischer Frühling) erzählt hatte: Ein großer Teil der Passagiere der Boeing sei schon vor dem Absturz tot gewesen, weil die Leichname „nicht frisch“ ausgesehen hätten. Heldengeschichten über Girkin finden sich nicht nur in der radikalen Wochenzeitschrift „Sawtra“ (Morgen), für die er einst selbst arbeitete, sondern auch im Massenblatt „Moskowskij Komsomolez“. Seinen ersten großen Medienauftritt als „Kommandierender“ hatte er Ende April in Slawjansk – jener ostukrainischen Stadt, die seine „Freiwilligen“ Mitte April besetzten und erst Anfang Juli unter dem Druck der ukrainischen Armee wieder räumten – in einem Videointerview für die „Komsomolskaja Prawda“, eine weitere russische Boulevardzeitung. In Blogs und Internetforen ist er ohnehin allgegenwärtig. Und vor kurzem beschrieb das russische Internetportal „colta.ru“, wie Girkins Anhänger im staatstreuen Radio von ihrem Vorbild ehrfurchtsvoll nur mit Vornamen und (Kampf-)Vatersnamen sprächen: Igor Iwanowitsch hoffe, plane, lehne ab. Strelkow, den Familien(kampf)namen, nennten sie nicht, „wie man den Namen Gottes nicht missbraucht“. Es sei „schwer zu sagen, wer heute Strelkow im Donbass kontrolliert, aber die staatlichen Massenmedien kontrolliert heute er“, hieß es weiter. Und als Fazit, dass in Russland weniger von einer „Generation Putin“, als von einer „Generation Strelkow“ zu sprechen sei.

          Schön ist der Tod für das Vaterland, für Putin

          Wie denkt der Präsident über den Feldherrn in seinem unerklärten Krieg gegen die Ukraine? Girkins Fluchverbot schlägt gleich in zweierlei Hinsicht eine Brücke zwischen ihm und Putin. Einerseits ist in Russland seit Anfang Juli der „Mutterfluch“ per Gesetz aus Fernsehen, Filmen, Literatur, von Theater- und Konzertbühnen verbannt; auch der Bürger, der auf der Straße flucht, kann mit einer Geldstrafe bestraft werden. Der Staat müsse, wie es hieß, „die Moral und die sittliche Gesundheit der Bürger schützen“. Andererseits erinnert das Bemühen um eine Ästhetisierung des Krieges, erinnert die Selbstinszenierung Girkins als russischer Recke an einen Auftritt Putins im April. In einer Fernsehsendung namens „Direkter Draht“ verlas er eine von angeblich zweieinhalb Millionen Fragen an ihn: „Was ist für Sie der russische Mensch, das russische Volk?“ Putin antwortete: „Mir scheint, dass der russische Mensch, der Mensch der russischen Welt, vor allem daran denkt, dass es irgendeine höhere moralische Bestimmung des Menschen gibt.“ Das sei im Westen anders, wo gelte, je erfolgreicher jemand sei, desto besser. „Nur in unserem Volk konnte die Redensart entstehen: ‚Vor der Welt ist auch der Tod schön.’ Das heißt, der Tod für den anderen, für sein Volk.“ Darin lägen die „tiefen Wurzeln unseres Patriotismus“ und für das „massenhafte Heldentum“ im Krieg, sagte Putin. Viele Völker hätten eigene Vorteile, „aber das ist unserer“. Der Präsident beschwor sein Volk, sich auf seine Opferbereitschaft zu besinnen: Schön ist der Tod für das Vaterland, für Putin.

          Und noch einen Brückenschlag gibt es. In der zweiten Junihälfte hatte der „Kommandierende“ Girkin noch öffentlich geklagt, Putin habe „die Erklärung, zum Schutz der russischen friedlichen Bevölkerung des Donbass bereit zu sein, faktisch desavouiert“. Er, Girkin, hoffe, dass es in Moskau hinreichend „Gewissen“ gebe, „irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen“. Vor kurzem sagte der schwedische Außenminister Carl Bildt, seit Ende Juni habe der Transfer von schweren Waffen, Panzern, Raketen und Kämpfern aus Russland in die Ostukraine deutlich zugenommen.

          Quelle: F.A.S.

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