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Ukraine-Krise : Separatisten geben Slawjansk auf

Das ukrainische Militär setzt bei seiner Offensive gegen die Separatisten nahe Slawjansk schweres Gerät ein Bild: AP

Die Lage in der umkämpften ostukrainischen Stadt war zuletzt dramatisch. Präsident Poroschenko berichtet nun von militärischen Erfolgen der Regierungstruppen. Die prorussischen Rebellen haben sich aus Slawjansk zurückgezogen, bestätigen Augenzeugen der F.A.Z.

          Nach wochenlangen Gefechten hat die ukrainische Armee das umkämpfte Slawjansk im Osten des Landes zurückerobert. Die prorussischen Separatisten hätten die Stadt in der Nacht zum Samstag zuverlassen, bestätigte ein Sprecher des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der F.A.Z.. Die Rebellen hätten sich nun mutmaßlich nach Kramatorsk zurückgezogen. Nach Angaben der Regierung in Kiew hisste das Militär zum Zeichen der Rückeroberung die ukrainische Flagge über dem Rathaus von Slawjansk.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Aufständischen wollten von einer Niederlage nicht reden. Die Kämpfer seien nicht vor der Armee aus Slawjansk geflohen, sondern sie hätten lediglich zum Schutz der Zivilbevölkerung die Stellung gewechselt, sagte der Separatisten-Führer Andrej Purgin. „Unser Widerstand ist nicht gebrochen“, versicherte er.

          Auf der Webseite von Präsident Petro Poroschenko hieß es, die Separatisten seien in Slawjansk unter Granatfeuer genommen worden, als sie versucht hätten, die Linien der Regierungstruppen zu durchbrechen. Danach habe er angeordnet, die ukrainische Flagge auf dem Rathaus in der seit April von Separatisten kontrollierten Stadt zu hissen.

          Augenzeugen aus Slawjansk berichteten der F.A.Z., keine Rebellen mehr in den Straßen zu sehen. Am Telefon sagte der evangelische Pfarrer Petro Dudnik der F.A.Z.: „Die Aufständischen haben die Stadt verlassen“.

          Heftige Gefechte in der Nacht

          Auch Flüchtlinge, die am Samstag im benachbarten Ort Isjum eintrafen, bestätigten der F.A.Z. entsprechende Beobachtungen. „Die Aufständischen haben ihre Kontrollpunkte aufgegeben. Es waren keine Rebellen mehr zu sehen“; sagten Oleg und Lydia Grin, die Slawjansk am frühen Samstagmorgen verlassen hatten. Sie berichteten von heftigen Gefechte, die es offenbar noch in der Nacht gegeben habe. Es seien massive Schusswechsel und Detonationen zu hören gewesen.

          Der „Armeechef“ der Separatisten, Igor Grikin, der als ehemaliger russischen Militärangehöriger, die Aufständischen unter dem Namen Igor Strelkow führt, wirkte in einer Videobotschaft auf dem Internetportal Youtube sichtlich angeschlagen und berichtete von heftigen Kämpfen. Abermals forderte er Russland zu mehr Unterstützung auf.

          Ein Pressesprecher des ukrainischen Militärs sagte, „es scheint so zu sein, dass keine Aufständischen mehr in der Stadt sind“. Allerdings hatte sich das ukrainische Militär nur vorsichtig in Richtung Slawjansk bewegt. Befürchtet wurden mögliche Minen oder auch Heckenschützen.

          Poroschenko schließt einseitige Waffenruhe aus

          Präsident Poroschenko schließt eine abermalige einseitige Waffenruhe im Kampf gegen die Separatisten aus. Einen Dialog könne es nur geben, wenn alle Konfliktparteien gleichermaßen die Bedingungen dafür einhalten würden, sagte Poroschenko nach Beratungen mit den Fraktionsvorsitzenden des ukrainischen Parlaments in Kiew. Eine Feuerpause ist Teil von Gesprächen, die die Führung in Kiew und die Aufständischen planen. Es war aber unklar, ob ein für diesen Samstag geplantes Treffen unter Vermittlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zustande kommt.

          Separatisten-Führer Purgin bekräftigte die grundsätzliche Bereitschaft der Aufständischen zu Gesprächen über eine Waffenruhe. Als Ort brachte er abermals die weißrussische Hauptstdt Minsk ins Spiel. „Die Führung in Kiew will wegen der Kämpfe nicht nach Donezk kommen, und die Vertreter der Volkswehr wiederum können wegen einer Sanktionsliste nicht nach Europa - da wäre Minsk ein Kompromiss“, sagte Purgin.

          „Wie eine Geisterstadt“

          Das seit April von prorussischen Rebellen gehaltene Slawjansk und einige umliegende Orte standen seit Wochen unter Beschuss. In der Stadt ist es zu erheblichen Zerstörungen gekommen. Die Flüchtlinge berichteten der F.A.Z. von massiven Schäden am Marktplatz im Zentrum.

          Auch Wohnblocks und private Wohnhäuser wurden regelmäßig getroffen. Wasser-, Strom- und Gasleitungen sowie die meisten Telefonverbindungen seien seit längerem unterbrochen, fast alle Lebensmittelläden seien geschlossen. Auch die Krankenhäuser sind von der Stromversorgung abgeschnitten und können offenbar nur die notwendigsten Geräte über Notstromaggregate versorgen.

          Zielscheibe der Gewalt: Wohngebiete in Slawjansk

          Mehr als die Hälfte der Bewohner sind offenbar geflohen. Nach Auskunft der Gesundheitsverwaltung im Gebiet Donezk, zu dem Slawjansk gehört, befanden sich zu Beginn dieser Woche von ursprünglich 116.000 Einwohnern nur noch 45.000 am Ort. Augenzeugen berichteten, Slawjansk wirke wie eine „Geisterstadt“. Nach Angaben eines Sprechers der ukrainischen Streitkräfte waren die Kämpfe am Freitag vor allem rings um den Vorort Mykolajiwka weitergegangen.

          Schon am  Donnerstagabend war über Slawjansk eine gewaltige schwarze Rauchwolke zu sehen. Die Agentur Interfax berichtete, die Kohleaufbereitungsanlage eines städtischen Kohlekraftwerks sei beschädigt worden, ebenso wie ein Tank mit 2000 Tonnen Öl. Im Kraftwerk sei Feuer ausgebrochen.

          Im städtischen Lenin-Krankenhaus ist die Versorgung von Patienten offenbar kaum noch möglich. Über eine der wenigen Telefonverbindungen, die gelegentlich noch zustande kommen, sagte der Arzt Michail Adrianow der F.A.Z. am Donnerstag, für die Notstromaggregate des Krankenhauses seien nur noch wenige Liter Treibstoff übrig, so dass man Elektrizität nur noch für Operationen nutze. Die Blutreserven drohten zu verderben, weil die Kühlung ausfalle.

          Zugleich sei wegen der anhaltenden Flucht aus der Stadt nur noch ein Zehntel des Personals verfügbar. Während der vergangenen beiden Tage seien infolge des permanenten Beschusses vier Tote, sechs Schwerverletzte und zehn Leichtverletzte zu ihm gebracht worden. Wie viele Opfer es in dieser Zeit insgesamt gegeben habe, wisse er nicht, da möglicherweise manche Toten unter den Trümmern liegen blieben oder direkt bestattet würden. Er selbst stehe nach wochenlanger Anspannung vor dem physischen Zusammenbruch. Am Freitag war der Arzt telefonisch nicht mehr zu erreichen.

          Zehntausende Flüchtlinge

          In den umgebenden Ortschaften sammeln sich unterdessen Tausende, nach manchen Schätzungen sogar Zehntausende von Flüchtlingen. Bewohner von Slawjansk, die in Isjum eintrafen, berichteten, in der Stadt seien zahlreiche Wohnhäuser von Geschossen zerstört worden. Manche zeigten Fotos von Granatsplittern und beschädigten Häusern. Sie erzählten, die prorussischen Rebellen versuchten, der akuten Versorgungskrise in der Stadt Herr zu werden, indem sie Tüten mit Nahrung verteilten oder die verbliebenen Einwohner in Kantinen versorgten. Weil es kein Leitungswasser gebe, versuche man, die Menschen über Tankwagen oder aus Brunnen zu versorgen, an denen sich regelmäßig Schlangen mit „Tausenden“ von Wartenden bildeten.

          Slawjansk war Anfang April von Aufständischen eingenommen worden und seither von Regierungstruppen umstellt. Die Flüchtlinge berichten, ihre Leidenszeit habe Anfang Mai begonnen. Wer für den Beschuss von Wohngebieten verantwortlich ist, bleibt allerdings unklar. Die Rebellen behaupten, die Kiewer Regierung terrorisiere die Zivilbevölkerung bewusst durch systematisches Bombardement.

          Kiew antwortet, die Separatisten unter der Führung des russischen Staatsbürgers Igor Girkin (Kampfname: „Strelkow“) seien immer wieder dabei beobachtet worden, wie sie sich ukrainischen Stellungen näherten, um von dort selbst in die Stadt zu schießen. Dadurch solle die Regierung diskreditiert werden. Überdies feuerten die Rebellen immer wieder aus Wohngebieten heraus auf die Armee, um so Gegenschläge zu erschweren.

          Ein Bewohner von Slawjansk, der evangelische Geistliche Petro Dudnik, sagte in Isjum, er habe so einen Fall selbst beobachtet. Rebellen hätten aus einem Wohngebiet heraus die Regierungstruppen außerhalb der Stadt mit einem Geschütz des Typs Nona beschossen und danach sofort das Weite gesucht. Kurz darauf seien als Antwort der Armee Geschosse in der umliegenden Wohnstraße eingeschlagen. Ein Armeesprecher, Alexej Dmytraschkowskij, sagte der F.A.Z. dazu, an sich seien die Streitkräfte angehalten, nur auf klar identifizierbare militärische Ziele zu schießen. Es herrsche aber „Krieg“, und er könne nicht ausschließen, dass solche Dinge vorkämen.

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