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Ukraine-Krise : Es ist vorüber, die Separatisten sind weg

Ukrainische Soldaten sichern schwere Waffen, die die Separatisten im Rathaus von Slawjansk zurückgelassen haben Bild: Alexander Tetschinski

Über dem Rathaus von Slawjansk weht wieder die ukrainische Flagge. Auch in die Stadt Kramatorsk rückt die Armee am Abend vor. Vier Monate Albtraum sind vorbei. Flüchtlinge und traumatisierte Bürger berichten von Plünderungen und Hinrichtungen durch die Aufständischen.

          Sie stehen vor den Toren der Stadt, sie quellen verstört aus überfüllten Kleinbussen, zusammen mit ihren Tüten und Kisten, ihren Hunden und Wellensittichen, sie können es nicht glauben: Der Albtraum ist vorbei. Der Samstagmorgen ist gekommen, und Slawjansk, die nördlichste Stadt des ostukrainischen Industriereviers Donbass, ist still.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine.

          In der Nacht waren die Kalaschnikow-Salven, Granaten und Raketen der Kämpfer noch so dicht hereingehagelt wie schon lange nicht mehr. Und die Eheleute Oleg und Lidya Grin hatten nach drei Monaten ununterbrochener Gefechte um ihre Stadt einen der Kleinbusse genommen, mit denen der evangelische Pfarrer Petro Dudnik seit Wochen jeden Tag durch die Linien fährt, um die Einwohner seiner Stadt in Sicherheit zu bringen, die es nach Wochen ohne Strom, ohne Gas, ohne Wasser, nach endlosen Tagen und Nächten im Geschosshagel einfach nicht mehr aushielten.

          Schon in den ersten Minuten der Fahrt durch die zerschossenen Straßen merkten sie, dass an diesem Morgen etwas anders war. Es war still. Von den prorussischen Rebellen, die seit Anfang April die Stadt mit ihren allgegenwärtigen Patrouillen beherrscht hatten, war nichts zu sehen. Als Oleg und Lidya Grin dann mit ihrem vollgepackten Flüchtlingstruck die Straßensperren am Stadtrand passierten, wurde ihnen vollends klar: keiner mehr da. Es ist vorüber, sie sind weg, so plötzlich und unerwartet, wie sie vor vier Monaten aufgetaucht waren.

          Menschenleere Straßen in Kramatorsk

          Was sich am Samstagmorgen zuerst als Gerücht verbreitet hatte, wurde später zur Gewissheit. Die „Antiterroristische Operation“, mit welcher die ukrainischen Streitkräfte seit Anfang Mai versuchen, die Rebellenhochburg Slawjansk unter ihrem berüchtigten Feldkommandeur Igor Girkin (Kampfname „Strelkow“) einzunehmen, hat endlich zum Erfolg geführt. Nach Gefechten, die nach Berichten von Flüchtlingen in der Nacht zum Samstag so heftig waren wie seit langem nicht mehr, haben die Kämpfer der „Landwehr Donbass“, wie die Aufständischen sich nennen, die Stadt verlassen.

          Die Streitkräfte haben das Zentrum besetzt, und in Kiew hat Präsident Poroschenko angeordnet, auf dem Slawjansker Rathaus, das vier Monate lang der verrammelte Sitz der Separatisten war, die blau-gelbe Flagge der Ukraine zu hissen. Über die Rebellen sagte eine Quelle aus dem Verteidigungs- und Sicherheitsrat der Ukraine der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.), sie hätten sich unter Verlusten in die viel kleinere Stadt Kramatorsk zurückgezogen.

          Mit Panzern rückt die ukrainische Armee in Slawjansk ein, das die Separatisten verlassen haben Bilderstrecke
          Mit Panzern rückt die ukrainische Armee in Slawjansk ein, das die Separatisten verlassen haben :

          Aber auch diesen Stützpunkt haben die Separatisten am Samstagabend offensichtlich aufgegeben. Ohne auf Widerstand zu stoßen, kann die Armee durch weitgehend menschenleere Straßen ins Stadtzentrum vorstoßen. Eine Kolonne der Truppen aus Kiew hatte auf der Landstraße zwischen Slawjansk und Kramatorsk zuvor einen zerstörten Rebellenstützpunkt passiert. Tote lagen neben zerbombten Panzerfahrzeugen auf der Straße. Auf dem Weg in die Stadt hinein schießt sich ein ukrainischer Panzer den Weg frei. Monatelang war auch Kramatorsk in den Händen der Separatisten - nun ist von den Rebellen nichts mehr zu sehen, wenngleich Einwohner vor versteckten Widerstandsnestern warnen.

          Am Samstagnachmittag war in Slawjansk noch vereinzeltes Feuer, zu hören, die Einwohner trauten sich nicht auf die Straße. Eine Kolonne des stellvertretenden Verteidigungsministers hielt immer wieder an, Sicherheitskräfte stiegen aus, sicherten die Straße, fuhren dann weiter, bis man wieder beim Ertönen der nächsten Schüsse anhielt, um sich vorsichtig den Weg weiter zu bahnen. Von den Rauchwolken, die zuletzt immer wieder über der Stadt gelegen hatten, war nichts mehr zu sehen.

          Nur wenig Chancen auf adäquate ärztliche Versorgung

          Für die Bevölkerung waren die letzten Tage kaum noch erträglich gewesen, seit Wochen hatte die Armee Slawjansk umzingelt, seit Wochen sind Strom, Wasser und Gas ausgefallen, Lebensmittel wurden knapp. Das Schlimmste aber war zuletzt der ständige Krieg. Die Aufständischen verschanzten sich nach Darstellung der Flüchtlinge in den Wohnvierteln der Stadt und beschossen von dort aus die Stellungen der Streitkräfte auf den Höhenzügen der Umgebung.

          Bei solchen Gelegenheiten kam es offenbar immer wieder vor, dass die Armee zurückschoss und dabei mehr als nur einmal Wohnblöcke, Märkte und private Häuser traf. Zeugen wie der Pfarrer Dudnik haben das gesehen. Wer bei solchen Schusswechseln verletzt wurde, hatte zuletzt offenbar kaum mehr Chancen auf adäquate ärztliche Versorgung. Ein Arzt im Slawjansker Lenin-Krankenhaus sagte der F.A.S. jedenfalls am Telefon, die Generatoren, die sein Haus mit Strom versorgen, hätten nur noch wenige Liter Treibstoff übrig. Die Blutreserven des Krankenhauses drohten zu verderben.

          Aber möglicherweise sind die Granatengeschosse der Regierung nicht die einzigen, die in den vergangenen Wochen die Stadt getroffen haben. Sprecher der Streitkräfte jedenfalls behaupten, dass die Rebellen dabei beobachtet worden seien, wie sie sich an Armeestellungen in der Umgebung herangeschlichen hätten, um von dort aus ihre eigene Stadt zu beschießen und damit die Streitkräfte als rücksichtslose Schlächter der Bevölkerung darzustellen.

          Beschützer des Volkes?

          Einer der Flüchtlinge, mit denen die F.A.S. sprach, hat diese Variante bestätigt. Er habe beobachten können, wie Aufständische aus einem Granatwerfer Richtung Zentrum geschossen hätten. Der Mann, der traumatisiert wirkte, wollte seinen Namen nicht nennen. Als er sprach, war die Flucht der Rebellen noch nicht bekannt. Er sagte, er fürchte um seine Verwandten in der Stadt, falls bekannt würde, dass er über die Herren von Slawjansk schlecht gesprochen hatte. Alle in dieser Stadt hätten Angst. Seine Frau komme aus den Tränen nicht mehr heraus, er selbst habe in den letzten Wochen zehn Kilo abgenommen.

          Über die Herrschaft der Rebellen in den vier Monaten seit Anfang April sagen die Flüchtlinge sehr unterschiedliche Dinge. Manche verteidigen sie als die Beschützer des Volkes und heben hervor, wie sie in den letzten Wochen des Kampfes um die Stadt Lebensmittel und Wasser verteilt und Kantinen eingerichtet hätten. Andere sind empört darüber, dass die Separatisten sie und die restliche Stadt so lange zu Geiseln genommen hätten, und berichten von Plünderungen. Kämpfer hätten Autos und Telefone entwendet und seien in Häuser eingedrungen.

          Die Strenge des Kommandeurs

          Alle betonen, die Separatisten durch drakonische Strenge versucht, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Alkoholiker und Rauschgiftsüchtige seien „weggeschafft“ worden, Disziplinlosigkeit in den eigenen Reihen habe „Strelkow“ gnadenlos geahndet. Zu Berichten, er habe Marodeure und Deserteure hinrichten lassen, sagte ein Flüchtling, alle in der Stadt hätten gewusst, dass es für Plünderungen „nur eine einzige Strafe“ gebe.

          Der Fall von Slawjansk hatte sich in den letzten Tagen immer deutlicher abgezeichnet. Am Freitag hatte die Regierung mitgeteilt, die Großstadt Mykolajiwka eingenommen zu haben. Ebenfalls am Freitag richtete „Strelkow“, der anders als sonst nicht gefasst wirkte, sondern nervös und übernächtigt, über eine Videobotschaft einen dramatischen Hilferuf an das russische Mutterland: „Wenn Russland nicht einen Waffenstillstand schließt oder in unserem Namen militärisch eingreift, im Namen der russischen Menschen, die hier leben, dann werden wir vernichtet.“

          Am Freitag schien sein Schicksal zunächst ungewiss. Sein Stellvertreter sagte der F.A.S. am Telefon, er wolle nichts sagen, bevor er nicht mit dem Kommandeur die Verbindung hergestellt habe. Allerdings deutete am Wochenende alles darauf hin, dass zumindest die ukrainischen Streitkräfte „Strelkows“ Bitte um brüderliche Hilfe überaus ernst nahmen. Offenbar glaubten sie unbestätigten Meldungen in russischen Medien, denen zufolge Moskau unmittelbar vor der Entscheidung über eine militärische Intervention in der Ostukraine stehe.

          Am Freitag war jedenfalls ein Kolonne mit sechs ukrainischen Flugabwehrraketen des Typs BUK am Hauptquartier der Streitkräfte bei der Stadt Isjum zu sehen. Da die Rebellen keine Luftwaffe besitzen, kann das nur eines bedeuten: Man denkt in Kiew viel an Moskau in diesen Tagen.

          Quelle: F.A.S.

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