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Ukraine-Krise : Das russische Schweigen über die russischen Toten

Kriegsprodukt: Särge mit den Körpern prorussischer Kämpfer in Donezk Bild: AP

Die Separatisten in der Ostukraine wollen Helden aus dem Mutterland feiern – aber Moskaus Medien berichten nicht. Erweist sich die Blut-und-Boden-Rhetorik der vergangenen Monate als Bumerang für Putin?

          Am Mittwoch hat der russische Präsident Putin im Gespräch mit dem französischen Fernsehsender TF1 wieder einmal bestritten, dass in der Südostukraine russische Militärs seien. Er sagte weiter, Moskau habe sich nie mit Plänen befasst, die Region zu annektieren und befasse sich damit auch jetzt nicht. Das muss nichts bedeuten: Ganz ähnlich hatte sich Putin schon mit Blick auf die Krim geäußert, kurz bevor Russland die Halbinsel Mitte März annektierte. Dennoch spricht manches dafür, dass Putin vorerst tatsächlich nicht anstrebt, die von ihm unlängst mit dem historischen Begriff „Neurussland“ bezeichneten Gebiete anzuschließen, etwa, um weitere Sanktionen zu vermeiden.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          In den russischen Staatsmedien freilich wird über die Lage in der Ostukraine weiter so berichtet, als leiste dort ein „Landsturm“ Widerstand gegen einen von ukrainischen Faschisten mit westlicher Unterstützung angestrebten Völkermord an Russen. In den Kämpfen im Donezker und Luhansker Gebiet werden tatsächlich jeden Tag Menschen getötet, auch russische Staatsbürger.

          In der kremlkritischen Zeitung „Nowaja Gaseta“ erschien am Mittwoch der Bericht einer Journalistin, die dabei war, als Särge mit den Leichnamen von Russen aus Donezk an die russische Grenze transportiert wurden. Die Männer waren beim Kampf um den Flughafen von Donezk am Montag voriger Woche getötet worden. Die „Nowaja Gaseta“ schrieb von 31 Särgen, in ukrainischen Medien war zuvor von 34 getöteten Russen die Rede. Die Journalistin gab an, sie sei mit einigen Kollegen von jemandem aus dem „Umfeld“ Alexander Borodajs, der als Regierungschef der selbstausgerufenen „Volksrepublik Donezk“ auftritt, eingeladen worden, den Leichentransport zu „begleiten“. Borodaj ist ein Russe aus Moskau, wo er in ultranationalistischen Kreisen aktiv gewesen sein soll. Er selbst unterrichtete Medienvertreter über den Tod der Russen am Flughafen. Womöglich schwebte ihm vor, mit einer Berichterstattung auch über den Leichentransport „nach Hause“ Druck auf Putin aufzubauen, einem der Appelle aus der Südostukraine zu folgen, den Kämpfern dort Hilfe zu leisten. Freilich bislang ohne sichtbaren Erfolg. Wie die „Nowaja Gaseta“ weiter berichtete, seien am Morgen nach der Einladung an der Leichenhalle von Donezk auch Reporter des russischen Staatsfernsehens gewesen, vom „Perwij Kanal“ und von „Rossija 24“, die freilich nichts berichtet hätten – wie überhaupt kein Staatssender berichtet habe, dass am Flughafen 31 russische Staatsbürger umgekommen seien.

          Unentgeltlich in den Kampf

          Zwar bezeichnet die ukrainische Seite die russischen Staatsbürger, die in der Ukraine kämpfen, auch als „Söldner“. Doch selbst, wenn die in der Anti-Terror-Operation getöteten Männer für Geld auf separatistischer Seite gekämpft hätten, müssten sie nach der Lesart der russischen Staatsmedien eigentlich als Helden gefeiert werden, die ihr Leben im „Kampf gegen den Faschismus“ gegeben hätten. Umso mehr diejenigen unter ihnen, die in diesen vermeintlichen Kampf tatsächlich freiwillig und unentgeltlich zogen. Denn wer, wie laut dem unabhängigen Lewada-Zentrum 94 Prozent der Russen, seine Meinung über die Ereignisse in der Ukraine wirklich anhand des Staatsfernsehens bildet, gelangt unweigerlich zu der Überzeugung, dass im Nachbarland wie während des Zweiten Weltkriegs ein Kampf zwischen Gut und Böse tobt (einst Sowjetbürger gegen deutsche Nazis, heute Russen gegen ukrainische, vom Westen unterstützte Nazis).

          Die Opferbereitschaft mancher Kämpfer scheint echt zu sein. Einer der am Flughafen von Donzek Getöteten soll auf seiner – nun gelöschten – Seite im sozialen Netzwerk VKontakte mit Blick auf den Brand im Gewerkschaftshaus von Odessa Anfang Mai, der in Russland als „Holocaust“ dargestellt wurde, geschrieben haben: „Ich bin ein gesunder Mann, ich kann mich nicht dahinter verstecken, dass ich eine Frau, eine Arbeit und Kinder habe.“ Ein weiterer in Donezk getöteter Russe saß für Putins Partei Einiges Russland im Stadtrat von Elektrogorsk, einer Kleinstadt nahe Moskau. Die Behörden und die Staatsmedien schweigen dazu. Die Überführung der Leichname – Fotos in der „Nowaja Gaseta“ zufolge in einem weißen Kühltransporter mit der Aufschrift „200“ – wurde nicht bestätigt.

          Zwar fehlen in Russland eine wirkliche Opposition und eine kritische Öffentlichkeit, das Staatsfernsehen muss nicht auf ein gesellschaftliches Verlangen nach Wahrheit Rücksicht nehmen. Dennoch könnten sich die „Faschismus“-Propaganda und die Blut-und-Boden-Rhetorik der vergangenen Monate für die russische Führung noch als Bumerang erweisen. Sie hat ultranationalistische Geister geweckt und Gruppen entschlossener Männer mit Waffen geschaffen, die sich eines Tages daran stören könnten, dass Putin der starken Rhetorik keine Taten zur Hilfe für die angeblich bedrängten Russen in der Ukraine folgen lässt. Hat doch der Präsident selbst zu Beginn der Krise die Devise ausgegeben: „Die Seinen lässt man nicht im Stich.“

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