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Ukraine-Krise : Ausgemusterte Panzer in die Konfliktzone

Ein russischer Panzer vom Typ T-64, der von den prorussischen Kämpfern erbeutet wurde, in Kiew Bild: AFP

Kiew hat im Kampf gegen die prorussischen Separatisten viele Waffen verloren. Bis zu 65 Prozent der Gefechtsfahrzeuge seien nicht mehr einsatzfähig, heißt es in Kiew. Nun fordert die ukrainische Führung Hilfe aus dem Westen.

          Zu Beginn dieser Woche hat die Ukraine neun Soldaten verloren, es waren die schwersten Kampfhandlungen, seitdem das Minsker Abkommen geschlossen wurde. Nach Angaben aus Kiew griffen die Separatisten auf dem Flugplatz von Donezk ukrainische Kräfte mit einem Panzer an und zerstörten dabei auch einen gepanzerten Truppentransporter. In den folgenden 48 Stunden wurden Stellungen der Streitkräfte kontinuierlich durch Raketenwerfer beschossen.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Das illustriert nicht nur, wie brüchig die Waffenruhe ist, sondern auch, dass es sich hier trotz der offiziellen ukrainischen Bezeichnung eines Anti-Terror-Einsatzes um Kämpfe zwischen teilweise äquivalent ausgerüsteten Kräften handelt. Die Separatisten verfügen über Panzer und Schützenpanzer, Raketenartillerie und Lenkflugkörper. Luftstreitkräfte haben sie nicht, aber mit modernen Abwehrwaffen schränken sie auch hier die regulären Streitkräfte empfindlich ein.

          Umso mehr ist von Belang, wie die ukrainische Armee ausgerüstet ist. Und da hat Präsident Petro Poroschenko Mitte September eine Art Offenbarungseid geleistet: Die Ukraine habe bereits bis zu 65 Prozent ihrer Gefechtsfahrzeuge der ersten Linie verloren. Abgesehen von möglicherweise damit beabsichtigten innenpolitischen Signalen an die Adresse der „Falken“ in Kiew unterstrich der Präsident damit die Bemühungen um Waffenlieferungen an sein Land. Zuvor war er in Washington mit entsprechenden Wünschen auf Ablehnung gestoßen. Die Vereinigten Staaten waren bereit, militärische Schutzausrüstung zu liefern, lehnten aber eine direkte Aufrüstung der Ukraine mit Waffen ab.

          Wichtige Rüstungsbetriebe nach Russland verlagert

          Nach einer Auflistung im „Military Balance“-Report hatte das ukrainische Heer vor Ausbruch der Kampfhandlungen 1110 Kampfpanzer, rund 1500 Schützenpanzer, 500 gepanzerte Transportfahrzeuge, 2000 Stück Artillerie und 140 Kampfhubschrauber. Hinzu kamen eingemottete Gefechtsfahrzeuge im Depot sowie die Bewaffnung der anderen Teilstreitkräfte. Ein genauerer Blick auf diese stolzen Zahlen zeigt allerdings, dass es sich überwiegend um sehr altes Gerät handelte. Von den Kampfpanzern zum Beispiel waren nur 10 Stück modernisierte T-84 „Oplot“, das Gros dagegen T-64, deren Design praktisch aus der Nachkriegszeit stammt. Kaum anders verhielt es sich bei den Schützenpanzern, von denen nur vier Stück der letzten sowjetischen Generation BMP-3 angehörten.

          Die Verluste beziehen sich nicht auf die Gesamtzahl an Gefechtsfahrzeugen, sondern auf die erste Garnitur. Ihre überwältigende materielle (und auch personelle) Überlegenheit gegenüber den Separatisten hat die Armee offenbar weitgehend eingebüßt. Zudem gilt eine weitere von Poroschenko ausgesprochene Erkenntnis: Je mehr ukrainische Streitkräfte im Osten des Landes stationiert würden, desto mehr russische Truppen werde es dort geben. Militärisch sei die Auseinandersetzung nicht zu gewinnen.

          An die russischen Okkupanten gefallen: Das ukrainische Schiff Slawutitsch im Krim-Hafen Sewastopol im März

          Materialverluste haben die Ukrainer nicht nur in den Gefechten erlitten, sondern auch wegen Erbeutungen durch ihre Gegner. Auf der Krim sind nicht nur Kriegsschiffe kampflos an Russland gefallen, sondern auch die Waffen ganzer Verbände. Auch im Osten waren den Separatisten vor allem in der ersten Jahreshälfte zahlreiche Gefechtsfahrzeuge in die Hände gefallen. Was bislang noch wenig bekannt geworden ist, aber die Fähigkeiten der Ukraine zur eigenständigen Nachrüstung erheblich beeinträchtigen kann, ist, dass auch wichtige Rüstungsbetriebe unter russischen Einfluss geraten sind.

          Lässt Russland ukrainische Fabriken demontieren?

          In diesem Zusammenhang findet sich vielleicht auch eine Erklärung dafür, was die teils leeren „weißen Lastwagen“ aus Russland in der Ukraine sollten. Die Militär-Fachzeitschrift „Jane’s“ hat Indizien dafür zusammengetragen, dass ganze Rüstungsfabriken demontiert und über die Grenze geschafft wurden. Betriebe im Süden und Osten der Ukraine seien essentiell für die Ausstattung russischer Panzer, Flugzeuge und Kriegsschiffe mit Turbinen, sagt der bei der OSZE in Wien akkreditierte Jane’s-Autor Georg Mader.

          Entsprechend bemüht sich die Ukraine um Rüstungslieferungen durch andere Länder. Mindestens kurzfristig und in der Breite müssten das Waffen sowjetischer Provenienz sein, mit denen die ukrainischen Soldaten umgehen können und die mit ihrer Ausrüstung und Munition kompatibel wäre. Deshalb klangen Meldungen aus Ungarn im August nicht unplausibel, wonach das Nachbarland angeblich ausgemusterte T-72-Panzer an die Ukraine geliefert habe; die Regierung in Budapest hatte das dementiert, doch ging tatsächlich eine Lieferung an eine Firma mit Sitz in Prag. Wo sie gelandet ist, ist nicht bekannt.

          Poroschenko hatte während des Nato-Gipfels über eine Reihe von Nato-Staaten gesprochen, die bereit seien, Waffen an die Ukraine zu liefern. Die Nato reagierte darauf mit der Aussage, die bei Licht besehen kein Dementi ist, dass das Bündnis als solches über keine Waffen verfüge und sie daher nicht liefern könne. Offene Bereitschaft für eine Aufrüstung der Ukraine hat Polen bekundet. Das ukrainische „Institute of World Policy“ listet auf einer Überblickskarte acht Staaten mit „militärischer und technischer Hilfe“ auf: Die Vereinigten Staaten, Kanada, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande, Polen, die Slowakei und Litauen. Ausdrücklich benannt und mit Stückzahlen versehen sind dabei nur Gegenstände wie Helme und Schutzwesten.

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