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Ukraine-Konflikt : In Slawjansk herrscht jetzt Krieg

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Angst: Tote unter der Zivilbevölkerung hat es bei den Gefechten in Slawjansk bisher nicht gegeben. Aber wie lange noch? Bild: AP

Die Präsidentenwahl spielt in der Stadt im Osten der Ukraine keine große Rolle – die Menschen dort haben andere Sorgen. Von ihnen haben sie der in Deutschland lebenden Übersetzerin Christiane Körner am Telefon erzählt.

          Es ist Krieg in Slawjansk. Zum ersten Mal kann ich es selbst am Telefon hören: krachende Einschläge, ein dumpfes Dröhnen, Geräusche, die ich bisher nur aus dem Fernsehen kenne. In den sozialen Netzwerken heißt es, die Separatisten schössen mit schwerer Artillerie aus Wohnvierteln heraus auf die ukrainische Armee, die das Feuer nicht erwidern könne, um die Zivilbevölkerung nicht zu gefährden. Mein Gesprächspartner weiß nicht, wer mit welchen Waffen schießt, und letztlich ist es ihm auch gleichgültig – wenn es nur möglichst bald aufhört.

          Ich höre zu, wie meine Freunde und Bekannten vom Krieg erzählen. Meistens, berichten sie, ertönten die Salven ein paar Stunden lang, nachts oder am frühen Morgen. Doch in den vergangenen Tagen gibt es kaum noch Feuerpausen. Das ist eine neue Etappe in der Phase der Auseinandersetzungen und Kämpfe um das im Donbass gelegene Slawjansk, dessen Verwaltungsgebäude Mitte April von Bewaffneten erstürmt wurde. Dass der Überfall von Russland gesteuert war, ist klar, seit zentrale Figuren des Geschehens wie Igor Girkin („Strelkow“) als Mitglieder des russischen Militärgeheimdienstes GRU identifiziert wurden. Unterdessen hat der Ort traurige Berühmtheit erlangt: Journalisten werden massiv drangsaliert, Dutzende von Menschen wurden entführt, darunter die mittlerweile wieder freigekommenen Militärbeobachter der OSZE. An die hundert Vermisste sollen zurzeit im Keller des Milizgebäudes gefangen gehalten und gequält werden. In der Stadt herrscht die völlige Rechtlosigkeit.

          Solidarität unter vormaligen Gegnern

          Am 2. Mai schickte die ukrainische Zentralregierung Truppen nach Slawjansk, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Die ukrainischen Soldaten zogen einen Ring um die Stadt, nahmen separatistische Straßensperren ein und versuchten, den Nachschub an Waffen und Kämpfern zu blockieren. Ins Zentrum der Stadt drangen sie bislang nicht vor. Auch in der Umgebung, in Kramatorsk, Krasny Liman, Konstantinowka wurde gekämpft. Die Slawjansker fühlten sich in ihrer Stadt gefangen. „Keiner kommt rein oder raus“, hieß es immer wieder, obwohl man die Menschen an den Straßensperren kontrollierte, aber in der Regel durchließ.

          Das Vorgehen der ukrainischen Soldaten löste einen Sturm der Empörung gegen Kiew aus. „Die schicken die Armee gegen unsere Leute!“, hörte ich in der ersten Woche der Kampfhandlungen immer wieder. Wie auch immer man vorher zu den Separatisten stand: Das Auftauchen der Nationalgarde in ihren schwarzen Uniformen, die „Blockade“ der Stadt, die ersten Toten unter den Selbstverteidigungskräften – all das sorgte für spontane Solidarität mit denjenigen, die zuvor oft als Bedrohung empfunden worden waren. Hier kam der traditionelle Antagonismus zwischen West- und Ostukraine ebenso zum Tragen wie die russische Propaganda, die die Kiewer Übergangsregierung mit dem Faschismus gleichsetzt.

          Der Alltag ist schwer zu bewältigen

          Je länger und schwerer die Kämpfe werden, desto mehr ändert sich diese Einstellung. Mittlerweile kursiert in Slawjansk ein Witz: Janukowitsch, der geflohene frühere Präsident der Ukraine, ist vor Schreck über die Ereignisse in einen lethargischen Schlaf gefallen. Nach zehn Jahren Scheintod erwacht er und beugt sich über eine Karte, um festzustellen, wie es seinem Land ergangen ist. Die Ukraine ist verschwunden – die südlichen und östlichen Landesteile gehören zu Russland, die zentralen und westlichen zu Polen und Ungarn. Nur ein kleiner roter Punkt ist überhaupt nicht zuzuordnen, denn dort wird immer noch gekämpft: Slawjansk.

          Es ist Krieg in der Stadt, aber der Alltag geht weiter. Er ist schwer zu bewältigen. Stundenweise gibt es kein Wasser, höre ich, und der Strom fällt immer wieder aus. Die öffentlichen Verkehrsmittel fahren zurzeit überhaupt nicht, eine Bekannte marschiert jeden Morgen anderthalb Stunden zur Arbeit. Viele Arbeitsplätze sind aber nicht mehr gefahrlos erreichbar, etliche Firmen haben ohnehin dichtgemacht. Ich höre, dass an vielen Stellen massive Betonblöcke die Fahrbahn versperren, dass außerdem überall Bäume quer auf der Straße liegen. Sie waren vorige Woche hastig gefällt worden, als ein neuerlicher Angriff der Regierungstruppen befürchtet wurde. Selbst Rettungswagen kommen nur mit Mühe durch, indem sie über den Bürgersteig holpern; die Abfallberge werden immer größer, denn die Müllabfuhr arbeitet nicht.

          Kritische Versorgungslage

          Wer arbeiten oder einkaufen geht, eilt so schnell wie möglich dicht an den Hauswänden entlang. Ich höre, es sei ganz wichtig, mit niemandem zu sprechen, sich auf keinen Kontakt einzulassen – man wisse nie, was daraus werden könne. Das hängt auch damit zusammen, dass Bewaffnete in der Wahrnehmung zu einer amorphen Masse verschmolzen sind: Es ist nicht relevant, wer zu wem gehört, sondern, dass jemand eine Waffe trägt. Trotz eines schon vergangene Woche großspurig auf der prorussischen Homepage von Slawjansk verkündeten „Nüchternheitsgesetzes“, das den Verkauf von Alkohol nach Mitternacht verbietet, sind die Straßen voller waffentragender Betrunkener, voller Krimineller, die sich bedienen, wo und wie es ihnen beliebt. Es seien viel mehr als noch vor zwei, drei Wochen, heißt es. Den Nachbarn von Bekannten wurde das Auto vor der Haustür gestohlen: Das Schlimme daran sei, dass man sich an niemanden wenden könne, um den Diebstahl anzuzeigen. „Volksbürgermeister“ Wjatscheslaw Ponomarjow habe zwar in der Stadt das Kriegsrecht ausgerufen und erklärt, jeder Plünderer werde sofort an die Wand gestellt. Aber man bezweifelt, dass es etwas nützen würde, bei ihm Anzeige zu erstatten.

          Auch die Versorgungslage war seit Anfang Mai immer schwieriger geworden. Brot gab es gar nicht mehr zu kaufen, in den Läden lagen fast nur noch steinalte, kaum essbare Lebensmittel: vor allem scheußlicher tiefgefrorener Fisch mit längst abgelaufenem Haltbarkeitsdatum. Diese Woche erzählten mir meine Bekannten dann, dass sich die Situation wieder etwas verbessert habe.

          Die Menschen haben andere Probleme als Wahlen

          Probleme mit der Nahrungsbeschaffung haben offenbar auch die ukrainischen Truppen: Fast zwei Wochen lang, erzählt mir eine Freundin, haben Leute, die am Stadtrand wohnen, hungrige junge Soldaten an der Straßensperre durchgefüttert. Sie hätten ihnen einfach leid getan, weil sie so schlecht versorgt wurden, aber so langsam falle es schwer, das Essen für sie aufzutreiben. Dieses Mitleid kann offenbar teuer zu stehen kommen. Am 18. Mai meldete die Nachrichtenagentur UNN, ein 68 Jahre alter Mann sei im Dorf Sergijewka bei Slawjansk getötet worden, weil er ukrainische Soldaten mit Essen versorgt habe. Bewaffnete hätten ihn aus seinem Haus geholt, ihm das Todesurteil vorgelesen, das die „Volksrepublik Donezk“ über ihn gefällt habe, und ihn an Ort und Stelle erschossen.

          Und die Unabhängigkeit, das Referendum, die Präsidentschaftswahlen? Ach ja, am Referendum hätten durchaus viele Menschen teilgenommen, sagt man mir. Aber das habe ja ohnehin wohl keine legale Grundlage. „Und die Wahlen können hier keinesfalls stattfinden, das ist unvorstellbar.“ Ich begreife: Politische Fragen, auch wenn sie von zentraler Bedeutung sind, interessieren die meisten Menschen vor Ort wenig. Wenn geschossen wird, gibt es andere Probleme.

          Nazis und Maidan sind hier dasselbe

          Für den Großteil der Bewohner ist der Krieg vor allem ein riesiger Angstfaktor, ein akustisches Phänomen, ein Versorgungsproblem und Teil der TV-Nachrichten. Für eine kleine Zahl von Slawjanskern ist er aber weitaus mehr, etwa im Stadtviertel in der Nähe des Fernsehturms, der seit Tagen heftig umkämpft wird. Ich höre die Geschichte einer Kollegin meines Freundes, die dort wohnt und immer wieder voller Todesangst in den Keller flüchtet, deren kleines Gewächshaus zerplatzt ist, die weinend die riesigen Glas- und Holzsplitter im Garten aufgeklaubt hat. Tote unter der Zivilbevölkerung hat der Beschuss bisher nicht gefordert, aber wie lange noch?

          Auf der Homepage von Slawjansk liest sich das unter der Überschrift „Vom Kurort zur Festung“ ganz anders: „Einige Slawjansker scherzen schon, ohne MG-Feuer könnten sie schlecht einschlafen. ... Man geht nach dem nächtlichen Beschuss zur Arbeit, bringt die Kinder in den Kindergarten oder zur Schule und wartet geduldig darauf, dass wieder Frieden in der Stadt herrscht und man in Ruhe seine Zukunft planen kann.“ Abgesehen davon, dass in den Erzählungen meiner Bekannten von normalem Schulbesuch keine Rede ist – nach wie vor seien die meisten Kindergärten und Schulen geschlossen –, klingen die Beschwörungen von Geduld und Gleichmut nach Durchhalteparolen. Man kennt diesen heroisierenden Ton aus Darstellungen des Zweiten Weltkriegs. So zeigt die aggressive Propaganda-Seite RusVesna.su, die die Sowjetnostalgie schon im Länderkürzel hat, Videos mit dem Titel „In den Schützengräben vor Slawjansk“, der assoziativ direkt zu Wiktor Nekrassows populärem Roman „In den Schützengräben von Stalingrad“ führt.

          Auf der Leninstraße in Slawjansk stehen unterdessen improvisierte Stellwände, auf denen historische Aufnahmen von Massakern – angerichtet von „Bandera-Leuten“, ukrainischen Freischärlern, die zum Teil mit den Nationalsozialisten kollaborierten und gegen die Sowjetarmee kämpften – neben Bildern vom Majdan kleben. Zwischen dem Kampf der Sowjetunion gegen die Nazitruppen und dem heutigen „Widerstand“ gegen das angeblich faschistische Kiew wird so eine bruchlose Kontinuität hergestellt, die an Zynismus kaum zu überbieten ist: „Ich glaube daran, dass die ukrainische Volksbefreiungsarmee Kiew einnimmt und es zu einem Nürnberger Prozess kommt“, wird Sergej Kurginjan zitiert, ein russischer Propagandist. Gekrönt wird die Darstellung vom Foto eines Krimbewohners, der die sowjetische Flagge küsst – in Sewastopol, am 16. März 2014.

          Mit Putin wird niemand mehr Frieden verbinden

          Hier wird das kollektive Kriegstrauma ebenso wie der Stolz auf den Sieg gegen den Faschismus instrumentalisiert, um Angst und Hass zu schüren. Die Russen sollen sich mit der wehmütig erinnerten sowjetischen Vergangenheit identifizieren und den Krieg als positiven Ausdruck nationaler Größe wahrnehmen. Wie wichtig das nationalistische, neoimperialistische Bild des Zweiten Weltkrieges für die öffentliche Meinung in Russland geworden ist, zeigt eine Gesetzesergänzung, die am 5. Mai in Kraft trat: Sie belegt die „bewusste Verbreitung falscher Informationen zur Tätigkeit der UdSSR in den Jahren des Zweiten Weltkriegs“ von Personen in Ausübung ihres Amtes (Publizisten, Wissenschaftler oder Lehrer) oder in den Massenmedien, also etwa im Internet, mit hohen Geldstrafen oder Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren. Dieser Gummiparagraph kann Menschen für jede Äußerung ins Gefängnis schicken, die der Rolle der Sowjetarmee in der offiziellen, ideologisierten Geschichtsschreibung widerspricht – etwa Kritisches zur Tätigkeit des Staatssicherheitsdienstes NKWD oder des militärischen Nachrichtendienstes SMERSCH an der Front oder auch nur die Erwähnung des Hitler-Stalin-Pakts.

          Am 1. Mai fand in Simferopol auf der Krim eine Nonsens-Demonstration statt: Studenten zogen mit sinnlosen Parolen (Buchweizen, Frohes Neues Jahr, Jesus und ich) durch die Straßen und erregten in kürzester Zeit den Zorn der Passanten. Man zerriss einige Plakate, schimpfte über die „Schwuchteln und Lesben“, es gab Gerangel. Eine ältere Frau geriet in Rage und brüllte gegen die jungen Leute an: „Purin, Putin, Putin – president miraaaa!“ Das Wort mir kann Welt heißen, aber auch Frieden. Die schreiende Frau wollte Putin offenbar als Präsidenten der ganzen Welt sehen – mit Frieden wird den russischen Präsidenten, der innenpolitisch so sehr auf den patriotischen Kitt des Krieges setzt, niemand mehr in Zusammenhang bringen. „Was Frieden ist, weiß man erst zu schätzen, wenn man ihn nicht mehr hat“, sagt mein Freund aus Slawjansk am Telefon, während ich das dumpfe Krachen wieder höre. Denn dort ist jetzt Krieg.

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