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Krieg in der Ukraine : Die Rebellen sind nicht zu schlagen

Bestens ausgerüstet: prorussische Rebellen an einem Checkpoint nördlich von Luhansk Bild: AP

Dass sich die Lage in der Ukraine derzeit stark zuspitzt, hat einen Grund: Die Separatisten wurden von ihrer Schutzmacht massiv aufgerüstet. Sie haben jetzt einige der modernsten Waffensysteme der russischen Armee.

          Seit dem Waffenstillstandsabkommen von Minsk im September haben die Waffen in der Ostukraine nie über längere Zeit geschwiegen. Es wurde immer weitergekämpft, wenn auch auf niedrigem Niveau. Zwischen dem christlichen Weihnachtsfest am 25. Dezember und dem orthodoxen am 7. Januar war es dennoch ungewöhnlich ruhig in den Kampfgebieten. Von einem informellen Waffenstillstand war die Rede, und Kommentatoren schlugen einen historischen Bogen zum „Weihnachtsfrieden“ auf den Schlachtfeldern von Verdun hundert Jahre zuvor. Hoffnung keimte.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Heute ist klar: Die Ruhe trog. In jenen zwei Wochen haben sich die prorussischen Separatisten neu formiert, während sie von ihrer Schutzmacht massiv aufgerüstet wurden. Eine Großoffensive wurde vorbereitet. Ein Nato-Beamter sagt: „Russland hat den Separatisten mehr als tausend Stück Ausrüstung geliefert, darunter Raketensysteme, Artillerie und Panzer.“ Der Allianz liegen nach ihren Angaben klare Belege dafür vor, sie stammten jedoch von militärischen Aufklärungssatelliten und könnten deshalb nicht veröffentlicht werden. Russland achte mehr als im vergangenen Sommer darauf, seine Aktivitäten im Grenzbereich zu verschleiern – sie finden hauptsächlich bei schlechtem Wetter oder nachts statt, wenn kommerzielle Satelliten keine Aufnahmen machen können.

          Mit ukrainischen Waffen kaum zu durchdringen

          Zu den Waffen, die in der Weihnachtszeit über die Grenze gelangten, gehören nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einige der modernsten Systeme im Besitz der russischen Armee. So können die Rebellen nun den T-80-Kampfpanzer einsetzen. Er verfügt über eine Reaktivpanzerung, die sich bei Beschuss absprengt und mit ukrainischen Waffen kaum zu durchdringen ist. Die Russen haben auch mehrere Einheiten ihres Luftabwehrsystems S-400 in den Rebellengebieten in Stellung gebracht. Es entspricht dem amerikanischen Patriot-System und kann sowohl Kampfflugzeuge als auch Raketen, Marschflugkörper und Drohnen jeglicher Reichweite bekämpfen. Die Rebellen können deshalb praktisch nicht mehr aus der Luft angegriffen werden.

          „Die Rebellen sind den ukrainischen Streitkräften militärisch weit überlegen“, sagt ein Nato-Mann. Sie können auch auf russische Aufklärungstechnik zurückgreifen und haben damit jederzeit ein genaues Bild des Gefechtsfeldes – im Unterschied zu den Ukrainern. Die modernen Waffensysteme werden von russischen Spezialisten bedient, für einfache sind Rebellen geschult worden. Russlands Möglichkeit, militärischen Nachschub in das Separatistengebiet zu bringen, sei „geradezu unerschöpflich“, heißt es aus Sicherheitskreisen.

          Russische Organisationen werben, so berichtet die Nato, gezielt Freiwillige und Veteranen im kampffähigen Alter für den Einsatz in der Ostukraine an. Die Veteranen bringen militärische Erfahrung mit. Dieser Zufluss von Freiwilligen habe es den Russen erlaubt, ihr militärisches Personal auf ukrainischem Boden zu vermindern. Waren dort im August noch reguläre Armeebataillone mit mehreren tausend Mann im Einsatz, schätzt die Nato die gegenwärtige Zahl auf weniger als tausend. Dabei handelt es sich vor allem um Eliteeinheiten des militärischen Geheimdienstes GRU. Auch der russische Inlandsgeheimdienst FSB ist vertreten. Die russischen Offiziere dienen als Kommandeure und Instrukteure für die Separatisten.

          Nach Angaben aus deutschen Sicherheitskreisen hat die ukrainische Armee insgesamt 30.000 Soldaten im Einsatz. Die Kampftruppen zählen 15.000 Mann, die andere Hälfte ist für Logistik zuständig. Die Separatisten sind nach Einschätzung deutscher Sicherheitskreise deutlich motivierter als die ukrainischen Soldaten. In den vergangenen Tagen hatte es zahlreiche Berichte über ukrainische junge Männer gegeben, die sich der Einberufung etwa durch die Reise nach Russland entzogen haben. Die ukrainische Armee war viele Jahre lang stark unterfinanziert, es fehlte an Geld, um auch nur Manöver und Übungen abzuhalten. Präsident Petro Poroschenko hat unlängst gesagt, bei seinem Amtsantritt im Juni 2014 habe er keine Armee vorgefunden.

          Den Separatisten hat ihre Überlegenheit an Gerät und Truppen erlaubt, seit Mitte Januar eine Fläche von etwa tausend Quadratkilometern zu erobern. Ihr erster Vorstoß erfolgte am Flughafen von Donezk, wo die ukrainischen Kräfte zurückgedrängt wurden. Anschließend griffen sie Mariupol im Süden an. Inzwischen konzentrieren sich die Kämpfe auf den strategisch wichtigen Knotenpunkt Debalzewo. Es liegt an der direkten Verbindung zwischen den Großstädten Donezk und Luhansk. Die Rebellen versuchen diese Gegend zu erobern, um ihre Frontlinie zu schließen. Ihnen stehen maximal 6000 Ukrainer gegenüber, etwa 40 Prozent der kämpfenden Truppe. Deren letzte Versorgungsroute liegt ständig unter Beschuss, Nachschub kommt kaum noch durch.

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