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Ukraine : Der jüdische Kommandant vom Majdan

Ukrainer? Jude? Beides? Ein jüdisches Mitglied der Selbstverteidigungstruppen des Majdan Bild: Yulia Serdyukova

Moskau und die ukrainische Regierung behaupten, in der Protestbewegung in Kiew gäben Antisemiten den Ton an. Doch sind Juden nur Teil der Bewegung.

          Auf der Höhe über dem Dynamo-Stadion liegt die letzte Barrikade in der Nacht. Der Mann mit der Maske hat die Signallampe aufblinken lassen, ein Signal kam zurück, dann haben die Posten den Weg freigemacht nach vorne, an die Brustwehr aus Sandsäcken. Eine Feuertonne glimmt im Dunkel, die Kämpfer des Majdan blicken hinüber, zum Sitz des Ministerrats. Die „Front“, sagt der Mann mit der Maske: Hier haben im Januar die schwersten Kämpfe getobt, hier hat es Tote gegeben. Jetzt herrscht eisige Waffenruhe. Weiter vorn, verschwommen im Nachtnebel, der Schutzkordon der Sondereinheit „Berkut“, tagaus, tagein, Schild an Schild, quer über die Straße. „Der Feind“, sagt der Mann mit der Maske.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nennen wir ihn Ruben. Sein wirklicher Name ist ähnlich, aber anders. Er hat um Anonymität gebeten. Wenn der Mann mit der Maske kommt, nehmen die Männer mit ihren selbstgemachten Schilden und Panzerungen, ihren museumsreifen Sowjethelmen und den Knüppeln so etwas wie Haltung an. Ruben hat Autorität, er ist Leutnant der Reserve, und wer gedient hat, der gilt etwas in diesen kuriosen Bürgerwehren der ukrainischen Europabewegung. Gerade macht er seinen Inspektionsgang über die äußeren Vorposten, mit denen der „Majdan“, das Hauptlager am Unabhängigkeitsplatz, die umgebenden Straßen gesichert hat. Alles ist gut. Die Wachen sind im Einsatz, die Pflastersteine liegen ordentlich geschichtet zum Wurf bereit, dazu die Autoreifen zum Anzünden. „Wenn der Feind angreift, müssen wir diese Stellung zwanzig Minuten halten können“, sagt Ruben – so lange, bis der „Majdan“ seine Hundertschaften zur Verstärkung schickt. Über dem Camouflage-Parka trägt er eine schusssichere Weste mit einer Unzahl Taschen: Lampen, Walkie-Talkie, Sanitätsausrüstung.

          Ukrainer, Jude, Kommandeur

          Tags darauf im „Passage“, einem der eleganteren Cafés der Kiewer Innenstadt. Ein Mann sitzt beim Tee, ein auffälliger Mann: rotbrauner Vollbart, reiche Gestik, unbändige Lustigkeit – und vor allem: eine Kippa auf dem Scheitel, die Kappe der frommen Juden.

          Der Mann ist Ruben. Er hat die Maske abgenommen, die er im Einsatz immer trägt, und erzählt seine Geschichte: die Geschichte eines jüdischen Kommandeurs am Kiewer Majdan. Erziehung in einer orthodox chassidischen Familie in Odessa am Schwarzen Meer, als ganz junger Mann ein paar Jahre in Israel, Rückkehr in die Ukraine, Aufstieg im Bankgewerbe. Vom strengen Ritus seiner orthodoxen Familie hat er sich zwar mittlerweile getrennt, sein Bart ist kurzgeschnitten, die Seitenlocken sind weg, aber die Kippa trägt er noch, am Samstag hält er Sabbat. Am Majdan hat er von Anfang an mitgekämpft – zusammen mit noch drei, vier anderen Männern aus der jüdischen Gemeinde. Zwei von ihnen, Kostja und Oleg, sind gestern Nacht mit dabei gewesen, auch sie in diesen zusammengesteppten Uniformen mit Drillich und Knüppel, und in der ukrainisch-patriotischen Atmosphäre des Kiewer Majdan haben ihre Unterhaltungen, munter gemischt aus Hebräisch und odessitischem Russisch, einen kuriosen Akkord gesetzt.

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