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Ukraine : Bruderzwist am Rande des Krieges

Kämpfer des „Rechten Sektors“ in ihrem Stützpunkt nahe Welykomichailiwka Bild: Oleksander Techynskyy

Die ukrainische Armee will sich die Alleingänge des „Rechten Sektors“ nicht länger bieten lassen und geht mit Gewalt gegen ihn vor. Das paramilitärische Freiwilligenkorps ist für Poroschenko zu einem schwer lösbaren Problem geworden.

          Tief in der Steppe des südukrainischen Kosakenlandes gelegen, könnte Welykomichailiwka das ewige Dorf der slawischen Märchen sein: Der Himmel ist hoch, das Land ist endlos, in den Pfützen schwimmen die Gänse. Aber das Idyll täuscht. Etwas außerhalb des Dorfes, dort, wo zu Sowjetzeiten das Pionierlager „Druschba“ stand, also „Freundschaft“, haben sie sich eingegraben, Freund gegen Freund: Aus ihren Erdlöchern lugen die Mündungen ihrer Maschinengewehre hervor, Granatwerfer starren in die Höhe, Soldaten im Unterhemd, die Mütze im Nacken, kauen am Streichholz.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine.

          Das alles wäre kein ungewohnter Anblick in diesem ukrainischen Krieg – wenn da nicht eine Besonderheit wäre: Bei Welykomichailiwka standen vor Kurzem nicht ukrainische Kämpfer gegen Separatisten und russische Interventionstruppen, sondern Ukrainer gegen Ukrainer. Fallschirmjäger des Militärs haben das Pionierlager umstellt, die Zufahrten sind mit Betonklötzen blockiert. Der Grund scheint auf den ersten Blick banal. Fragt man das Verteidigungsministerium, tun die Soldaten nur das, was Soldaten halt immer tun: sie „üben“. Sieht man ein zweites Mal hin, sieht die Lage schon ernster aus: Das Camp „Druschba“, wo die vorgebliche „Übung“ stattfindet, ist eben nicht nur irgendein altes Pionierlager. Es ist seit Monaten der Hauptstützpunkt des „Ukrainischen Freiwilligenkorps“ (DUK), des militärischen Flügels der autoritär nationalistischen Kampforganisation „Rechter Sektor“, und dieser wiederum steht seit Wochen in einem zähen Machtkampf mit der Kiewer Führung.

          Die zwei Gesichter des „Rechten Sektors“

          Der „Rechte Sektor“ und sein paramilitärisches Freiwilligenkorps sind heute die wichtigste jener weitgehend unkontrollierten Bürgermilizen, die 2014, am Anfang der russischen Intervention in der Ostukraine, entscheidend dazu beigetragen haben, den Vorstoß der prorussischen Separatisten aus dem Industrierevier Donbass in die Tiefe des Landes zu stoppen. Hervorgegangen aus dem militanten Flügel der Kiewer Demonstranten während der Revolution des „Euromajdan“, die 2014 den korrupten Präsidenten Viktor Janukowitsch zur Flucht nach Moskau veranlasste, ist der „Rechte Sektor“ unter seinem Gründer Dmytro Jarosch seither eine straff organisierte Privatarmee geworden. Sein Auftreten hatte dabei immer zwei Gesichter. Einerseits haben Jaroschs hochmotivierte Kämpfer sich an allen Fronten bewährt, andererseits hat ihr Führer immer wieder die eigene Regierung kritisiert. Mit dem Argument, das neue Kiewer Establishment unter Präsident Petro Poroschenko sei genauso korrupt wie das alte des geflohenen Janukowitsch, hat er mehr als einmal gedroht, wenn das so weitergehe, müsse man eben nach Kiew gehen und aufräumen.

          Die Kiewer Führung hat auf zweierlei Weise reagiert. Einerseits hat Präsident Poroschenko die Verdienste der Freiwilligen immer wieder aufs höchste gelobt, andererseits bemüht er sich seit einiger Zeit, ihre wild und außerhalb aller Legalität gewachsenen Bataillone in die Strukturen des Militärs und der Nationalgarde einzubinden.

          Das ist zum Teil gelungen. Viele Freiwilligenbataillone sind legalisiert und unterstehen heute der Regierung. Nur das Freiwilligenkorps des „Rechten Sektors“ (nach den möglicherweise übertriebenen Angaben einer Sprecherin insgesamt 10.000 Mann, von denen ständig jeweils 1500 im Einsatz sind) hat sich bisher entzogen. Seine Kämpfer, die im Gespräch mit der F.A.Z. einen spürbaren Widerwillen gegen die Demokratie und eine starke Neigung zu Führungsfiguren im Stil der alten Kosakenhetmane oder des chilenischen Diktators Augusto Pinochet bekunden, verachten den neuen, „liberalen“ Kiewer Staat. Die Armeeführung halten diese kampferfahrenen Männer und Frauen, zu denen übrigens nicht nur orthodoxe Ukrainer, sondern auch Armenier, Georgier, Juden und Burjaten gehören, für eine von Verrätern durchsetzte Ansammlung postsowjetischer Apparatschiks. Der Gedanke, sich ihr zu unterstellen, löst in ihnen nach eigenen Worten „physischen Ekel“ aus.

          Die Verhandlungen über die „Legalisierung“ der Freiwilligen vom „Rechten Sektor“ haben deshalb noch kein Ergebnis gebracht, der Konflikt ist ungelöst. Beide Seiten haben zwar in den vergangenen Tagen die Spannungen bagatellisiert. Von „Missverständnissen“ und „Kreml-Provokationen“ war die Rede, aber die Realität sprach ihre eigene Sprache. In Welykomichailiwka gruben die Soldaten sich ein, und der Sprecher des „Rechten Sektors“, Artem Skoropadskij, hat vor ein paar Tagen an der Spitze einer Demonstration vor dem Kiewer Präsidialamt gerufen, wenn das so weitergehe, werde Poroschenkos Palast bald „niedergebrannt“. Dann werde man „diesen Abschaum“ fragen, „was sie getan haben, als unsere Kämpfer dort draußen starben“.

          Attacken gegen Staatskonzerne

          Die Regierung schlägt hinter den Kulissen massiv zurück. In einem internen Papier des Geheimdienstes SBU, das der F.A.Z. vorliegt, heißt es, der „Rechte Sektor“ sei in Wahrheit etwas ganz anderes als die vorgebliche Bürgerwehr tapferer Patrioten, für die er sich ausgibt. In Wahrheit sei er eng verbunden mit den Leuten des umstrittenen Milliardärs Ihor Kolomojskij, der einerseits viele Freiwilligenverbände offen unterstützt, andererseits aber auch immer wieder im Umfeld bewaffneter Überfälle auf fremde Unternehmen beobachtet worden ist. Sein jüngster solcher Auftritt während der (gescheiterten) Attacken bewaffneter Männer auf die Staatskonzerne „Ukrnafta“ und „Ukrtransnafta“ hatte Präsident Poroschenko im März dazu veranlasst, den Milliardär aus seinem Amt als Gouverneur von Dnipropetrowsk zu entlassen. Seither herrscht kalter Krieg zwischen Kolomojskij und der Regierung.

          Der SBU behauptet nun, bei einigen Übergriffen der vergangenen Monate hätten Männer des „Rechten Sektors“ mit den Leuten Kolomojskijs gemeinsame Sache gemacht – etwa bei einem Überfall auf ein Agrarunternehmen, bei welchem die Angreifer mehrere Mähdrescher der Marke „John Deere“ geraubt hätten. Der „Rechte Sektor“ bestreitet zwar, mit Kolomojskij etwas zu tun zu haben, aber viele Verbindungen sind deutlich sichtbar. Der „Hetman“, wie manche Kämpfer ihren Führer Dmytro Jarosch nennen, hat zum Beispiel bei der letzten Parlamentswahl einen Wahlkreis in Kolomojskijs Machtbereich rings um die Industriestadt Dnipropetrowsk gewonnen, und der Stellvertretende Kommandeur seines „Freiwilligenkorps“, Valentin Manko, stellt sich auf seiner Facebook-Seite zugleich als stellvertretender Führer des Bataillons „Dnipro 1“ vor, das mit Kolomojskijs Geld aufgebaut worden ist. Vieles spricht nun dafür, dass auch die Razzien des „Rechten Sektors“ keine reine Erfindung des Geheimdienstes sind. Schon im November zum Beispiel hat ein Feldkommandeur mit dem Kampfnamen „Sitsch“ der F.A.Z. erzählt, wie er von Haus zu Haus gehe, um von reichen Geschäftsleuten Unterstützung für seine Kämpfer einzuwerben. Wenn dann so ein „Geldsack“, vielleicht gar ein Oligarch des alten Regimes, nicht gleich zahlen wolle, müsse die „fette Katze“ eben ein wenig „geschüttelt“ werden.

          Zwischen Erpressung und Robin-Hood-Legende

          Auch im belagerten Pionierlager „Druschba“ hört man solche Geschichten. Die Sprecherin des „Freiwilligenkorps“, Alla Megel, eine rundliche frühere Lehrerin, schmaucht in der Aprilsonne zwischen aus alten Lastwagen und Eisenplatten selbst zusammengeschweißten Panzern und zerschossenen Geländewagen gutgelaunt einen schwarzen Zigarillo. Der Feldkaplan des 5. Bataillons, Vater Petro Burak (seine Gattin hat eine Tochter des Führers Dmytro Jarosch zum Patenkind genommen), sitzt dabei, und jetzt erzählen die beiden die Geheimdienstgeschichte von den erbeuteten Mähdreschern auf ihre Weise. Fröhlich kichernd, im Brustton der Überzeugung, berichtet Alla Megel, als sei es das Normalste von der Welt, in den Kampfgebieten komme es eben manchmal vor, dass der „Rechte Sektor“ korrupte Beamte auf eigene Faust bestrafen müsse, weil das ja sonst niemand tue. Dann werde eben ab und zu so ein Richter gefasst und „in der Mülltonne“ durch die Gassen paradiert – da könne er ja noch froh sein, dass er nicht gleich „in den Sarg“ komme. Und so sei es dann auch einmal vorgekommen, dass man einen reichen Agrarier „besucht“ habe, der heimlich die Separatisten unterstützte. Da habe man eben „dafür gesorgt, dass er das nicht mehr tun kann“. Alla Megel setzt dann noch zwischen zwei Zigarillozügen hinzu, natürlich sei der Mann dabei „gesund und am Leben“ geblieben, und Vater Petro versichert mit fröhlich zwinkernden blauen Augen, dass er dieser Verfahrensweise als Kaplan „seinen Segen“ gebe. Dann fügt er hinzu, es sei leider nötig geworden, dass man diesen Agrarier „mit der Kalaschnikow“ habe aufsuchen müssen, weil er anderen Bauern die Mähdrescher geraubt habe. Da sei man eben hingegangen und habe die Maschinen zurückgeholt, samt einer „Entschädigung“ für den entstandenen Schaden.

          Zwei Gesichter derselben Erzählung: In den Papieren des SBU eine finstere Geschichte von Oligarchen, Erpressung und nationalistischen Banden, auf der anderen die alte Robin-Hood-Legende vom edlen Räuber, der den Reichen nimmt und den Armen gibt. Ein Staat ringt um sein Gewaltmonopol, aber bewaffnete Bürger, für die der Staat nur ein Haufen korrupter Verräter ist, wollen die Waffen nicht niederlegen. Zwischendurch spielen die Oligarchen ihre Spiele, und draußen an den Verschanzungen vor dem Lager „Druschba“ sind in der Nacht zum Freitag die ersten Schüsse gefallen.

          Quelle: F.A.Z.

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