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Putsch-Vorwurf gegen Gülen : Und wenn Erdogan recht hat?

Erdogans Erzfeind: Fetullah Gülen 2013 in seinem Exil in Pennsylvania Bild: dpa

Selbst Gegner des türkischen Präsidenten Erdogan warnen: So harmlos, wie sie sich gibt, ist die Bewegung des islamischen Predigers Gülen nicht.

          Was seine Ansichten zu Recep Tayyip Erdogan betrifft, hat Soli Özel eine für türkische Intellektuelle typische Entwicklung hinter sich: Noch vor einigen Jahren wäre Özel, der Politikwissenschaft an der Kadir-Has-Universität in Istanbul lehrt und zu den bekanntesten Publizisten der Türkei gehört, durchaus einverstanden gewesen, wenn man ihn als Anhänger Erdogans bezeichnet hätte. Die innenpolitischen Reformen aus Erdogans erster Legislaturperiode als Ministerpräsident, die Öffnung der Außenpolitik, das Zugehen auf die Kurden - wie viele andere kritische Geister in der Türkei begrüßte Özel all das.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Doch er wirft längst einen distanzierteren, skeptischeren Blick auf den türkischen Führer. Anders als die reflexhaften Erdogan-Gegner, die alles, was der Staatspräsident sagt und tut, nur deshalb ablehnen, weil er es sagt und tut, hat sich Özel dabei aber Augenmaß bewahrt. Und sagt: Nur weil Erdogan behaupte, die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen stecke (auch) hinter dem Putsch vom 15. Juli, müsse das nicht falsch sein.

          Die Theorie, der Putsch sei eine Inszenierung Erdogans und seiner „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“, der AKP, um danach umso härter zuschlagen zu können, hält Özel jedenfalls für wenig plausibel. „Zwar wirft der Verlauf des Putsches viele Fragen auf - aber zu sagen, die AKP habe sich das selbst angetan, um mit den Säuberungen beginnen zu können, erinnert mich an die Theorie, die Vereinigten Staaten hätten 9/11 organisiert, um Afghanistan angreifen zu können. Das ist nicht überzeugend“, sagt der Politikwissenschaftler.

          Waren es also doch die „Gülenisten“? Özel wägt ab: „Es ist offensichtlich, dass es viele unzufriedene Grüppchen und Juntas in den Streitkräften gibt. Derzeit wird angenommen, dass die Führung des Putsches in den Händen der Gülenisten lag. Vielleicht war das so, vielleicht nicht“, sagt er und mutmaßt, es könne in der Armee eine größere putschwillige Koalition gegeben haben, von denen einige Mitglieder im letzten Moment abgesprungen seien. Das wäre eine Erklärung für die dilettantische Ausführung des Umsturzversuchs. Gülens Sympathisanten in der Armee könnten sich „zusammengetan haben mit anderen Unzufriedenen“, so Özel.

          Er nennt den Putsch einen „missglückten Präventivschlag“ jener Kräfte in der Armee, die befürchten mussten, bei den Anfang August anstehenden Personalentscheidungen oder sogar in einer vorherigen „Welle von Anti-Gülen-Verhaftungen“ zu den Opfern zu zählen. Eine Lanze für die „Gülenisten“ will Özel jedenfalls nicht brechen: „Das ist eine sehr undurchsichtige Organisation.“

          Doch ist die Gülen-Bewegung nicht eigentlich harmlos und gänzlich unpolitisch? Baut sie nicht überall auf der Welt Schulen, an denen nach modernen Lehrplänen unterrichtet wird? Bietet sie nicht Nachhilfekurse für Schüler, setzt sie nicht auf Dialog, Bildung und einen zeitgemäßen, den Anforderungen der Moderne entsprechenden Islam?

          Mustafa Akyol, Kolumnist für die Zeitungen „Hürriyet“ und „International New York Times“ hat dazu eine eindeutige Antwort formuliert: „Wenn die Gülenisten überall auf der Welt nur Schulen, Wohltätigkeitsvereine und Nichtregierungsorganisationen gegründet hätten, dann gäbe es da kein Problem.“

          Aber, so Akyol in einem Text zu den Hintergründen des Putschs, es gebe eben auch die „dunkle Seite“ der Bewegung, nämlich eine „Geheimorganisation im Staat“, ein Projekt mit dem Ziel, „die bürokratische Kontrolle über den Staat zu erlangen“.

          „Keine verrückte Verschwörungstheorie“

          Die Behauptung, „die Gülenisten“ stünden hinter dem Putsch, sei „keine verrückte Verschwörungstheorie“, sondern „höchst plausibel“, behauptet Akyol, ohne freilich nähere Belege zu nennen. Aykol kritisiert vor allem eine unkritische Verehrung Gülens: „Die Gülen-Bewegung hat Hunderttausende Mitglieder, die alle zu denken scheinen, dass der frühere Imam eine besondere Führung und Weisheit besitzt.“ Akyol spricht von messianischer Verehrung und unbedingtem Gehorsam: „Es gibt keinen Raum für eine andere Meinung, von Kritik gar nicht zu reden.“

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