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Versuchter Staatsstreich : Erdogan zog in der Putschnacht nicht die Fäden

Am Morgen danach: Istanbuler Bürger feiern am 16. Juli den Sieg über die Putschisten. Bild: AFP

Der Umsturzversuch in der Türkei sah aus wie das Werk von Amateuren. Tatsächlich belegen Details inzwischen, dass Offiziere ihn von langer Hand geplant hatten - und nicht der Staatspräsident selbst.

          Der Putschversuch in der Türkei vom 15. Juli wirkte dilettantisch und scheiterte innerhalb kurzer Zeit. Doch selbst wenn er wie das Werk von Amateuren aussah, hatten Offiziere den Coup von langer Hand geplant. Er war nicht, wie manche Kritiker des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan immer noch behaupten, von ihm inszeniert, um eine beispiellose Entlassungs- und Verhaftungswelle in Gang zu setzen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Durch Recherchen unabhängiger türkischer Medien und Äußerungen von Kennern des türkischen Machtapparates sind inzwischen viele Details der Putschnacht bekanntgeworden. Aus dem Bild, das sich daraus ergibt, kann man den Schluss ziehen, dass der Putsch aus vier Gründen gescheitert ist: Er musste vorgezogen werden, so dass nicht alle Teile des Plans rechtzeitig aktiviert werden konnten; der Generalstab und wichtige Generäle in führenden Positionen lehnten eine Beteiligung ab; anders als bei früheren Militärcoups hatten die Putschisten die Mehrheit der Bevölkerung gegen sich; und mit sicherem Instinkt tat Erdogan mit traditionellen und modernen Mitteln der Politik unmittelbar nach Beginn des Putsches das, was für sein Überleben das Richtige war. Andere türkische Politiker an seiner Stelle hätten die ersten Stunden des Putsches womöglich nicht überlebt.

          Gerüchte über eine wachsende Unzufriedenheit in der Armee hatte es seit Monaten gegeben. In der Putschnacht wurde aber klar, dass diejenigen, die putschen wollten, keine kohärente Gruppe waren. Zu den Putschisten gehörten nicht ganze Waffengattungen, sondern jeweils Teile davon, vor allem der Luftwaffe und der Gendarmerie. Die Panzer des Heeres waren in der Nacht kaum auf der Straße; auch die beteiligten Personen waren eine Mischung verschiedener Dienstgrade. Jeder zweite General wurde seit dem 15. Juli entlassen. Beteiligt waren aber vor allem viele mittlere Offiziersränge. An der Spitze standen der frühere Luftwaffenkommandeur Akin Öztürk sowie die Kommandeure der 2. und der 3. Armee, Adem Huduti und Erdal Öztürk.

          Der Putsch war offenbar für 4 Uhr morgens am Samstag, den 16. Juli, geplant. Zwei Gründe werden angeführt, weshalb der Beginn überhastet auf Freitagabend vorgezogen wurde. So soll der Geheimdienst MIT am Freitag um 15 Uhr von den Putschplänen erfahren haben. Da wurde der Geheimdienstchef Hakan Fidan von ungewöhnlichen Flugbewegungen auf der Luftwaffenbasis Güvercinlik nahe Ankara unterrichtet. Er informierte eine Stunde später Generalstabschef Hulusi Akar. Nach eigenen Sondierungen gab dieser um 18.30 Uhr an alle Standorte der Armee den Befehl aus, den Luftraum zu schließen und alle militärischen Bewegungen einzustellen. Die Putschisten mussten nun schneller handeln, zumal sie erfahren haben sollen, dass offenbar für die Nacht auf Samstag auch eine umfangreiche Verhaftungswelle geplant war.

          Nach dem Putschversuch : Wie geht es mit der Türkei weiter?

          Die Luftwaffe war weitgehend auf der Seite der Putschisten. Entscheidend war jedoch, dass wichtige Einheiten des Heeres, die von den Putschisten eingeplant worden waren, fehlten, als es darauf ankam. Sie konnten sich nicht wie erforderlich bewegen, weil die Befehle von Generalstabschef Akar bei Beginn des Coups bereits gegriffen hatten. Die Putschisten wollten offenbar zunächst in der Nacht auf Samstag aus den Standorten Malatya und Kayseri Transportflugzeuge des Typs C-130 in den kurdischen Südosten verlegen, vor allem nach Sirnak.

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