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Veröffentlicht: 19.07.2016, 07:07 Uhr

Nach dem Putschversuch Türkische Linke fürchten Erdogans Rachefeldzug

Seit dem Umsturzversuch in der Türkei bestimmen glühende Erdogan-Fans das Bild in den Straßen. Die türkische Linke ringt um eine Haltung. Sind alle Mittel recht, um den Präsidenten zu stürzen?

von Yasemin Ergin, Istanbul
© AP Kann Erdogans Autokratie beendet werden?

„Wenn euch Allahu-Akbar-Rufe so sehr stören, dann zitiert halt Passagen aus dem Kommunistischen Manifest. Hauptsache, ihr geht auch auf die Straße und demonstriert mit. Der Putsch ist vorbei, und ihr verkriecht euch immer noch zu Hause.“

Mit diesen Worten kritisierte der bekannte Autor und politische Aktivist Cengiz Algan, der einst die Revolutionäre Sozialistische Arbeiterpartei (DSIP) mitbegründete und sich vor ein paar Jahren mit seiner Partei entzweite, neulich auf Twitter die politische Linke der Türkei. Deren größte Sorge nach dem niedergeschlagenen Putsch seien nun die islamistischen Aufmärsche auf den Straßen Istanbuls. Algan findet das bizarr, und er ist nicht allein mit dieser Meinung.

Glühende Erdogan-Fans auf den Straßen

Tatsächlich bestimmen in Istanbul und anderen Städten der Türkei seit Ende des Umsturzversuches fast ausschließlich glühende Erdogan-Fans das Bild auf den Straßen. Bärtige, zum Teil Turban und Robe tragende Männer, vereinzelt auch verschleierte Frauen demonstrieren seit vergangenem Samstag jede Nacht, sie schwenken neben Türkeiflaggen auch Fahnen mit islamischen Symbolen, rufen „Allahu Akbar“ und schwören ihrem Führer Erdogan ewige Treue.

Dazwischen finden sich vereinzelt auch Grüppchen, die der nationalistischen Oppositionspartei MHP nahestehen. Linke, säkulare Gruppen, all jene, die etwa während der Gezi-Proteste vor drei Jahren die kritische Masse bildeten, sind so gut wie nicht präsent. Sie ziehen sich größtenteils zurück und tauschen sich in den sozialen Medien über ihre Sorgen aus. Viele haben Angst vor einer fortschreitenden Islamisierung und einem Rachefeldzug der AKP-Regierung gegen alle, die sie für den Putschversuch verantwortlich macht.

Dabei stehen die allermeisten unter ihnen dem versuchten Militärputsch genauso kritisch gegenüber wie Erdogans Anhänger auch. Noch als die Zusammenstöße zwischen Militär und Polizei im vollen Gange waren, verurteilten die Oppositionsparteien CHP, MHP und HDP den Putsch geschlossen.

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Auch erste Umfrageergebnisse aus der Bevölkerung gibt es schon aus jener Nacht, die dieses Bild bestätigen: Kurz nachdem die ersten Panzer auf den Straßen Istanbuls und Ankaras gesichtet wurden, startete das soziale Netzwerk „Streetbees“ eine Live-Umfrage, an der sich 2832 Menschen aus dem ganzen Land beteiligten, die Mehrzahl unter ihnen Erdogan-Kritiker. Auf die Frage „Wünschen Sie sich, dass Präsident Erdogan weiterhin an der Regierung bleibt?“ antworteten immerhin 58 Prozent der an der Umfrage Teilnehmenden mit „Nein“. Gleichzeitig lehnte die überwältigende Mehrheit derselben Gruppe, 82 Prozent, den Putsch ab.

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„Der Hass ist so groß, dass sie alles andere ausblenden“

All die, die gleichermaßen gegen Erdogan und die Putschisten sind, sind seither aber auffällig still. Die 26 Jahre alte Kunsthistorikerin und politische Aktivistin Meltem Oral, die sich in der DSIP engagiert, bestätigt, dass bei den linken Oppositionellen im Lande eine massive Verunsicherung herrsche. Die Debatte über die Vor- und Nachteile eines Militärputsches seien nicht neu, sagt Oral: „Bei vielen Kritikern Erdogans ist der Hass so groß, dass sie alles andere ausblenden. Über die Frage, ob wirklich alle Mittel recht wären, um ihn zu stürzen, darüber streiten wir schon lange.“

Es gebe nicht wenige Oppositionelle, die seit Jahren argumentierten, dass ein Militärcoup vielleicht die einzige Lösung sei, um Erdogans Autokratie zu beenden. Die Ereignisse von Freitagnacht hätten diese Meinung aber keinesfalls bestärkt, sagt Oral, im Gegenteil: „Darüber zu reden, dass das Militär die Demokratie im Land wiederherstellen könnte, ist eine Sache – mitzuerleben, wie Soldaten auf Zivilisten schießen und Kampfjets über die Stadt jagen, aber eine ganz andere.“

Dass die Opposition den Putsch geschlossen kritisiert habe, sei ein großer Gewinn, sagt Oral. Doch nun falle es vielen Oppositionellen schwer, die richtige Haltung zu finden. „Jetzt auf die Straßen zu gehen bedeutet ja im Prinzip, Erdogans Aufrufen zu folgen. Dagegen sträuben sich natürlich all jene, die seit Jahren gegen ihn kämpfen.“ Eigene Demonstrationen zu organisieren mache für die Linke und andere oppositionelle Gruppen nur Sinn, wenn so viele von ihnen zusammenkämen, dass sie eine kritische Masse gegen die aufgeheizten Erdogan-Fans auf den Straßen bildeten. Und dafür sei die Opposition leider zu gespalten.

Es sind natürlich nicht nur die „Allahu-Akbar“-Rufe, die den Erdogan-Kritikern Sorge machen. Im Netz kursieren Bilder, die angeblich zeigen, wie ein Soldat von Demonstrierenden geköpft wird, viele AKP-Anhänger fordern lauthals die Wiedereinführung der Todesstrafe, es baumeln Puppen an Galgen, und es hat schon Übergriffe gegen kurdisch-alevitische und von syrischen Flüchtlingen bewohnte Viertel gegeben. Vielen gemäßigten Kräften im Lande vergeht angesichts der von Erdogan eingepeitschten Menge die Lust am Mitlaufen.

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