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Türkei : Der Herr der Flüchtlingslager

Welt der Zelte: Kinder im Flüchtlingslager „Yibo“, das in der Provinz Hatay im türkischen Grenzgebiet zu Syrien aufgebaut wurde. Bild: Anadolu

Die türkische Flüchtlingsbehörde gilt als Staat im Staate. Ihr Chef ist für zwei Millionen Migranten verantwortlich – und warnt vor einem weiteren Ansturm aus Syrien.

          Bevor Fuat Oktay zum Chef der türkischen Katastrophenschutzbehörde ernannt wurde, hatte er einen Führungsposten in der Luftfahrtindustrie inne, und seine Vergangenheit als Manager ist ihm mitunter noch anzuhören. Zum Beispiel, wenn er über die Bedeutung von staatlich organisierter humanitärer Hilfe sagt: „In dieser Industrie – wenn man es eine Industrie nennen kann – steht nicht der Profit im Mittelpunkt, sondern der maximale Nutzen für den Menschen bei möglichst geringen Kosten. Unsere Arbeit muss effizient, transparent und verantwortungsvoll sein.“

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Solche Sätze hätte Oktay, der in der Türkei sowie in den Vereinigten Staaten Betriebswirtschaft studierte und für mehrere amerikanische Unternehmen arbeitete, auch über seinen früheren Arbeitgeber sagen können. Vor seiner Wandlung zum Behördenleiter war er stellvertretender Chef einer für Wartung und Technik zuständigen Tochterfirma der erfolgreichen Fluglinie Turkish Airlines. Als Erinnerung an diese Zeit stehen zwei Modellflugzeuge seines ehemaligen Arbeitgebers in Oktays Büro im 18. Stock eines Hochhauses in der türkischen Hauptstadt. „Afad“ lautet das Kürzel der Behörde, deren Mitarbeiter in den 17 Stockwerken unter Oktays Chefetage arbeiten. Die türkische Katastrophenschutzbehörde mit ihren fast 5000 Mitarbeitern und Zweigstellen in allen 81 Provinzen des Landes gilt in der Türkei als eine Art Staat im Staate.

          „Man müsste das ganze Land in ein Lager verwandeln“

          Gegründet 2009, als der heutige Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan noch Regierungschef war, ist sie direkt dem türkischen Ministerpräsidenten unterstellt und auch zuständig für die Verwaltung der mehr als zwei Dutzend Lager, in denen fast 300.000 syrische Flüchtlinge Zuflucht gefunden haben. Das macht Oktay zu einem wichtigen Ansprechpartner für alle, die in der Flüchtlingskrise eine Zusammenarbeit mit der Türkei suchen. Möglichkeiten dazu gebe es reichlich, versichert Oktay. Als erstes Beispiel nennt er den Bau neuer Flüchtlingslager. „Derzeit gibt es in der Türkei 25 Lager, doch ihre Zahl wächst leider, weil das Bedürfnis danach wächst, vor allem jetzt vor dem Winter. Der Bau von Lagern verursacht Kosten, die geteilt werden können.“ Das gelte ebenso für den Betrieb der Lager, so für ihre Versorgung mit Strom und Nahrungsmitteln. Allerdings sind nur etwa 300.000 syrische Flüchtlinge in der Türkei derzeit in Lagern untergebracht – bei einer offiziellen Flüchtlingszahl von 2,15 Millionen.

          „Wollte man für alle Flüchtlinge Lager bauen, müsste man das ganze Land in ein Lager verwandeln“, begründet Oktay das offenkundige Missverhältnis. Es gebe zudem auch Flüchtlinge, „die lieber außerhalb der Lager bleiben möchten. Sie suchen nach einer Arbeit, statt im Lager zu leben.“ Dennoch komme es vor, dass Menschen in ein Lager möchten, die Aufnahmekapazität aber erschöpft sei. Die Türkei „ermutige auch nicht jeden, in die Lager zu gehen“, da es unmöglich sei, alle Flüchtlinge unterzubringen.

          Fuat Oktay

          Doch auch für die Unterstützung von Flüchtlingen, die außerhalb der Lager leben, gebe es für das Ausland viele Möglichkeiten, die Türkei zu unterstützen, etwa durch medizinische Versorgung. „Wenn ich die Zahlen richtig im Kopf habe, haben unsere Ärzte bisher fast 300.000 Operationen an syrischen Patienten vollzogen. Das sind riesige Kosten, und die Entwicklung verursacht auch Schwierigkeiten in manchen Gemeinden“, sagt Oktay. Er spielt auf die Lage in einigen grenznahen Städten im Süden der Türkei an, wo das Gesundheitssystem durch die Flüchtlinge überlastet ist und Einheimische zum Teil lange auf Arzttermine oder Operationen warten müssen, was zu Frustrationen und Wut führt, die sich mitunter gegen Flüchtlinge entlädt.

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