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Krise in der Türkei : „Wir haben genug eigene Probleme“

Kasimpaşa: In diesem Istanbuler Stadtteil kam Recep Tayyip Erdogan 1954 als Sohn eines Seemanns zur Welt Bild: Jakob von Siebenthal

Nicht alle Türken sind gegen Erdogan. Genau genommen sind sogar viele für ihn. Sehr viele. Man muss nur dahin gehen, wo sie leben. Zum Beispiel nach Kasimpaşa, ein rauhes Arbeiterviertel von Istanbul.

          Arglos. Das ist vielleicht das beste Wort, um Herrn Geldi zu beschreiben. Einer, der nichts Böses im Schilde führt und von anderen nichts Böses erwartet. Herr Geldi stand neben der Büyük Camii von Kasimpaşa, der Großen Moschee, als wir zufällig ins Gespräch kamen. Kasimpaşa ist ein Hafenviertel in Istanbul. Hier leben etwa 100.000 der mehr als vierzehn Millionen Menschen, denen Istanbul Heimat ist. Herr Geldi wurde am 9. Januar 1942 in Kasimpaşa geboren, so steht es in seinem Ausweis. Er wuchs im Gassengewirr des Viertels auf, bevor er 1966 nach Deutschland ging. Derzeit ist er zu Besuch bei Verwandten, aber er vermisst sein Haus in Bobingen bei Augsburg und ist froh, als sich unverhofft die Möglichkeit eines Gesprächs auf Deutsch bietet.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Von welche Stadt sind Sie? Hamburg? Kenn ich Hamburg bitteschön! Meine Schwester wohnt Schwarzenbek! Ich bin geworden Besuch in Hamburg! Gehen wir trinken Tee! Da vorn ist Teestube, wir sitzen uns, können wir sprechen bisschen.

          Herr Geldi redet so temperamentvoll, dass man sich nach jedem seiner Sätze ein Ausrufungszeichen denken muss, um eine ungefähre Vorstellung davon zu bekommen, wie er spricht. Obwohl er schon seit 46 Jahren in Deutschland lebt, ist seine Grammatik noch etwas schwach. Herr Geldi bringt praktisch keinen Satz unfallfrei zu Ende. Dafür ist sein Wortschatz ziemlich reich. Er kennt Worte wie „Streckzwirnerei“, „Siebdruckerei“, „Maschinenbauingenieur“, „Tilgungsfrist“, „Radioaktivität“ oder „Instantkaffee“.

          Als ich in Deutschland erste Mal, wusste ich Deutsch gar nix! Habe ich Buch gehabt, aber Bücher und Dialekt - bitteschön, ganz anderes! Im Buch lesen: „Wie geht es Ihnen?“, aber Leute sagen: „Wie geht’s?“ In Türkei bin ich gegangen Schule fünf Jahre, fertig! Muss arbeiten. War ich zwölf Jahre, hab ich gelernt Holzschnitzer.

          Herr Geldi klopft mit der flachen Hand auf das niedrige Holztischchen, an dem wir sitzen. Mit Holz kennt er sich aus, soll das heißen.

          Wer wollen Blume haben, Rose haben, Blätter haben auf die Möbel - bitteschön, kann ich schnitzen! Habe ich in Deutschland aber gearbeitet in Streckzwirnerei. Nix genau 30 Jahre, und dann Frührente. Habe ich gearbeitet bei Farbwerke Hoechst. Gab es  größe Werk in die Bobingen.

          Kasimpaşa hatte bis vor wenigen Jahren keinen guten Ruf in Istanbul. Ein Armeleuteviertel. In der türkischen Version von Monopoly ist Kasimpaşa, was in der deutschen Variante die Badstraße ist. Ganz unten. Aber das ändert sich. Istanbul boomt, und Kasimpaşa boomt mit. Seit das Wasser im Goldenen Horn nicht mehr stinkt, weil die Fäkalien geklärt werden, steigt der Wert der Immobilien in Kasimpaşa. Außerdem hat das Viertel einen mächtigen Förderer: Recep Tayyip Erdogan, den türkischen Ministerpräsidenten. Zwölf Jahre nach Herrn Geldi wurde er in Kasimpaşa geboren und wuchs dort auf.

          Früher war schöner hier. Nicht so viel Haus! Meine Kindzeit Straße gespielt! Gab es in Kasimpaşa Haus, die Obstbäume haben! Heute nur schauen Beton. Was ist schön, Natur oder Beton? Natur bitteschön! Wo ist heute Stadion, früher war Bäume und wenn heilige Feiertage von Ramasan war Festplatz.

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