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Veröffentlicht: 07.07.2016, 13:43 Uhr

Türkische Gotteshäuser Der Kampf um die Hagia Sophia

Der Kirchenbau in Istanbul ist für türkische Islamisten und Nationalisten das wichtigste Symbol der osmanischen Eroberung Konstantinopels. Immer wieder gibt es Anläufe, ihn abermals in eine Moschee umzuwandeln.

von Yasemin Ergin, Istanbul
© AFP Bau mit Symbolwert: Die Hagia Sophia, von der Blauen Moschee aus gesehen

Für viele konservative Muslime in der Türkei war es ein lange gehegter Traum: Die Hagia Sophia verwandelte sich während des islamischen Fastenmonats Ramadan täglich für ein paar Stunden zurück in eine Moschee. Nacht für Nacht, nachdem die Touristen und Reiseführer die geschichtsträchtige Stätte verlassen hatten, trafen sich hier einflussreiche muslimische Geistliche, rezitierten aus dem Koran und riefen zum Gebet vor dem Morgengrauen. Die Zeremonien wurden aufwendig gefilmt und live übertragen auf Diyanet TV, dem Fernsehkanal des Türkischen Amtes für Religiöse Angelegenheiten. Den ersten Auftritt hatte Diyanet-Präsident Mehmet Görmez höchstpersönlich.

Der grandiose, der „heiligen Weisheit“ gewidmete Kuppelbau wurde um das Jahr 530 als byzantinische Reichskirche errichtet und war 900 Jahre lang die größte und bedeutendste Kirche der Welt, bis sie nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 zur Moschee umfunktioniert wurde. 1934 ließ Staatsgründer Atatürk sie in ein Museum umwandeln. Seitdem ist sie eines der wichtigsten Symbole für die wechselhafte Geschichte der Stadt und der verschiedenen Religionen, die diese prägten.

Keine Freunde mehr im Westen

Gebete und religiöse Rituale sind in der Hagia Sophia eigentlich nicht mehr erlaubt, weder für Christen noch für Muslime. Selbst Papst Benedikt XVI. musste sich daran halten, als er Istanbul vor einigen Jahren besuchte. Wer nun wann und wie entschieden hat, dieses Verbot zu lockern, ist unklar – die staatliche Religionsbehörde präsentierte die Ramadan-Show jedenfalls, als sei sie das Selbstverständlichste der Welt.

Während regierungsnahe Medien sich vor Begeisterung überschlugen und von „historischen Momenten in der Hagia Sophia“ schrieben, hagelte es aus dem Ausland Kritik. Das griechische Außenministerium bezeichnete die Entscheidung als „rückschrittlich“, was in der Türkei wiederum mit Empörung quittiert wurde. Griechenland mische sich in die inneren Angelegenheiten der Türkei ein, meldeten türkische Medien erbost und verbreiteten das Gerücht, der griechische Konsul habe sich auf eine morgendliche Inspektion in die Hagia Sophia begeben.

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Unterdessen ermahnte auch das amerikanische Außenministerium die Türkei zu einem „respektvollen Umgang“ mit der Geschichte des Ortes. Der Istanbuler AKP-Abgeordnete Samil Tayyar goss Öl ins Feuer, indem er auf Twitter schrieb, muslimische Gottesdienste in der Hagia Sophia seien eine Vergeltung für die „Armenier-Lüge“ des deutschen Bundestages. Die Türkei habe im Westen keine Freunde mehr, also müsse man keine Rücksicht mehr nehmen, so Tayyar.

Als Kirche gebaut und genutzt

Die türkisch-armenische Abgeordnete Selina Özuzun Dogan, die als eine von wenigen christlichen Politikerinnen für die kemalistische Oppositionspartei CHP im türkischen Parlament sitzt, empfindet die ganze Aktion als „respektlos“. Die Hagia Sophia sei eines der wichtigsten Symbole der kulturellen Vergangenheit des Landes und die religionsunabhängige Nutzung daher genau richtig.

„Wenn man das Gebäude unbedingt in irgendeinen Originalzustand zurückversetzen wollte, dann müsste man es logischerweise wieder als Kirche nutzen“, sagt Dogan, schließlich sei die Hagia Sophia ursprünglich als Kirche gebaut und jahrhundertelang als solche genutzt worden. Außerdem gebe es einen weitaus größeren Mangel an christlichen als an muslimischen Gotteshäusern im Land. Ähnlich hatte sich vor zwei Jahren der griechisch-orthodoxe Patriarch von Istanbul, Bartholomäus I., geäußert. In diesen Tagen ist er für ein Gespräch zu dem Thema nicht zu erreichen, genauso wenig wie andere Kirchenvertreter in der Stadt.

Es gehe bei dem Thema ohnehin weniger um Religion als vielmehr um Identitätspolitik, sagt Koray Caliskan, Politikwissenschaftler an der Istanbuler Bosporus-Universität. Für türkische Islamisten und Nationalisten sei die Hagia Sophia – auf Türkisch heißt sie Ayasofya – das wichtigste Symbol für die Eroberung Konstantinopels. Dass die historische Stätte heute allen Kulturen gleichermaßen gehöre, passe nicht in das Weltbild dieser konservativen Gruppen – die Hagia Sophia werde als „Sehnsuchtsort“ empfunden, den es zurückzuerobern gelte.

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