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Istanbul nach Taksim-Räumung : „Das ist wie im Krieg“

Bei dem Einsatz setzten die Polizisten erneut Tränengas und Wasserwerfer ein. Bild: reuters

In Istanbul hat die Protestbewegung am Sonntag zu Märschen auf den geräumten und abgesperrten Taksim-Platz aufgerufen. Die Regierungspartei AKP bereitete eine große Kundgebung vor. Es herrschte nach massiven Polizeieinsätzen in der Nacht gespannte Ruhe.

          In Istanbul hat die Protestbewegung ihre Anhänger am Sonntag zu Märschen auf den von der Polizei abgesperrten Taksim-Platz aufgerufen. Gleichzeitig bereitete die islamisch-konservative Regierungspartei AKP für den frühen Sonntagabend eine große Kundgebung vor. In der Stadt herrschte angespannte Ruhe, nachdem es in der Nacht bei der Räumung des Taksim-Platzes und des Gezi-Parks zu stundenlangen massiven Polizeieinsätzen mit vielen Verletzten gekommen war. Die Polizei hielt Platz und Park weiter gesperrt. Auf dem Platz räumten Arbeiter am Morgen die letzten Reste des Protestlagers der Demonstranten. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth, die in Istanbul Zeugin der Räumungen geworden war, äußerte sich entsetzt über den Polizeieinsatz: „Das ist wie im Krieg. Die jagen die Leute durch die Straßen und feuern gezielt mit Tränengas-Granaten auf die Menschen“, sagte die Parteivorsitzende der Grünen der Nachrichtenagentur dpa.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Regierung habe zur Verstärkung der Polizei auch Einheiten der militärisch gerüsteten Gendarmerie auf die Straßen der türkischen Metropole geschickt, berichteten türkische Medien am Sonntag. Das Ausmaß der Gewalt gegen die Demonstranten übertraf alles bisher Gesehene bei weitem. Anders als noch zu Beginn der Proteste war die Gewalt diesmal in mehreren Städten nahezu gleichzeitig ausgebrochen. Am späten Samstagnachmittag hatte der türkische Ministerpräsident Erdogan in Ankara noch vor mehreren Tausend Anhängern eine aufwieglerische Rede gehalten, in der er die Besetzer des Gezi-Parks abermals als extremistische Gruppierungen bezeichnete. Sie schändeten Moscheen, seien vom Ausland ferngesteuert und verfolgten mit ihrem Protest das Ziel, der türkischen Wirtschaft zu schaden. Erdogan sagte, egal, ob der Gezi-Park leer sei oder nicht, die Sicherheitskäfte wüssten, wie man ihn räumt. Gegen 23 Uhr in der Nacht zum Sonntag, nachdem die Polizei in Ankara die Demonstranten angegriffen hatte, versendeten Aktivisten dort über Twitter zahlreiche Hilferufe an die ausländische Presse.

          In Istanbul griff die Polizei um kurz nach 21 Uhr den Gezi-Park an. Das Töpfeschlagen, mit dem die Istanbuler seit Ausbruch der Revolte Solidarität für die Demonstranten zeigen, war da gerade verklungen. Wenige Minuten, nachdem die Polizei die Leute dazu aufgefordert hatte, den Park zu verlassen, begann sie mit dem Tränengasbeschuss. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich mehrere tausend Menschen im Gezi-Park, unter ihnen viele Familien mit kleinen Kindern, da am frühen Abend verschiedene Kunstaktionen dort stattgefunden hatten und für 22 Uhr eine Filmvorführung geplant war. Die Polizisten verbrannten die Zelte der Besetzer, zerstörten ihre provisorischen Behausungen und trieben die Leute durch Tränengasbeschuss in den hinteren Teil des Parks, wo es kaum Flüchtmöglichkeiten gibt. Auch das anliegende Divan-Hotel, das die Besetzer des Gezi-Parkes mit Wasser und Essen versorgt hatte und in dem die Demonstranten eine Erste-Hilfe-Station eingerichtet hatten, wurde mit Tränengas beschossen.

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