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Türkei und die Kurden : Tod im Bosporus

Die Minarette in Sicht: Ein Schiff der Küstenwache vor dem Wrack Bild: dpa

Mehrere Tote: Vor Istanbul ist ein Flüchtlingsschiff gekentert. Das erinnert die Türken daran, dass vor ihrer Haustür Krieg herrscht. Die Auswirkungen für das Innere des Landes sind nicht mehr zu leugnen.

          Es muss ein grauenvolles Bild gewesen sein, das sich türkischen Fischern in den frühen Morgenstunden bot: Unweit Istanbuls, wo der Bosporus in das Schwarze Meer übergeht, trieben mehr als zwei Dutzend Leichen von Männern, Frauen und vor allem Kindern im Wasser. Fischer und Einheiten der türkischen Küstenwache bargen am Montag nach Angaben des Gouverneurs der Provinz Istanbul 27 Leichen. Sieben Menschen konnten gerettet werden, sagte ein Sprecher der Küstenwache. Nach anderen Angaben waren es zehn.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          In der Türkei hat dieser Vorfall neuerlich vor Augen geführt, dass sich der Krieg in Syrien und dem Irak immer stärker auf das Innere des Landes auswirkt. Dass ein Boot so nahe an Istanbul kenterte, war bisher nicht vorgekommen. Bei den Opfern handelte es sich laut Berichten des Fernsehsenders CNN Türk und anderer türkischer Medien um Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien, deren Boot kenterte. Wo die Flüchtlinge in See stachen und was ihr Ziel war, blieb zunächst unklar. Türkische Medien spekulierten, das gekenterte Boot habe Kurs auf die rumänische Hafenstadt Constanta genommen. Geographisch wäre Bulgarien der nähere EU-Staat gewesen.

          Seit Bulgarien unlängst Teile seiner Landgrenze zur Türkei mit einem Zaun gesichert hat, gilt die bulgarische Küste als neues Etappenziel für Flüchtlinge auf dem Weg in reiche EU-Staaten. In Sofia versichern Fachleute hinter vorgehaltener Hand, der Zaun solle auch Korruption von Zöllnern und Grenzschützern einen Riegel vorschieben. Obwohl nicht in einem direkten Zusammenhang damit stehend, fügte sich eine wenige Stunden nach dem Kentern des Flüchtlingsschiffes veröffentlichte Meldung in das Bild ein, laut der in Bulgarien vierzig Zöllner an der Grenze zur Türkei unter Korruptionsverdacht festgenommen wurden.

          Ausländische Medien verschwören sich gegen die Türkei?

          Die Sofioter Generalstaatsanwaltschaft bestätigte, bei einer Razzia an einem Grenzübergang seien zudem mehr als vierzig Büros und Wohnungen durchsucht worden. Laut bulgarischen Medienberichten galt der Schlag einem Schmugglerring, der allerdings nicht auf Flüchtlinge, sondern auf Heroin und Zigaretten spezialisiert gewesen sei.

          Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bezichtigte unterdessen neuerlich internationale Medien, einen Informationskrieg gegen sein Land zu führen. In einer Rede vor Studenten in Istanbul sprach Erdogan am Montag von einem „psychologischen Krieg“ gegen die Türkei, geführt von „einigen internationalen Zeitungen“ sowie deren einheimischen Verbündeten. Es werde jedoch nicht gelingen, ihn zu beeinflussen. „Die Türkei ist kein Land, das sich einheimischen Verschwörungsnetzwerken beugt“, so Erdogan in Anspielung auf die von ihm bekämpfte Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen.

          Auch ausländische Beeinflussungsversuche seien zum Scheitern verurteilt. Erdogan übt seit den sogenannten Gezi-Protesten im Juni 2013 scharfe Kritik an internationalen Medien und beschuldigt sie, hinter vielen ihm unliebsamen Entwicklungen zu stecken. In der Türkei hat sich die Lage seit den Kämpfen um die kurdische Stadt Kobane im Norden Syriens in einem Ausmaß verschärft, die einen Erfolg der von der türkischen Regierung begonnenen „Friedensgespräche“ mit der kurdischen Terrororganisation PKK und ihrem inhaftierten Führer Abdullah Öcalan fraglich erscheinen lässt.

          PKK übernimmt Kontrolle

          In dieses Horn stößt auch der türkische Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu, der die Regierung auffordert, das Format der Verhandlungen mit den türkischen Kurden zu erweitern. Es gehe darum, nicht länger hinter verschlossenen Türen zu verhandeln. Wer nur mit Öcalan oder der (ihm nahestehenden) Kurdenpartei HDP spreche, steuere auf eine Sackgasse zu, äußerte Kilicdaroglu sinngemäß. Einige Abgeordnete der Regierungspartei AKP beschweren sich seit längerem darüber, dass sie vom Fortgang der Verhandlungen nur aus den Mitteilungen der HDP erfahren.

          Die von Kurden im Süden der Türkei umjubelte Ankunft kurdischer Peschmerga-Kämpfer aus dem Nordirak, die den Kampf gegen den „Islamischen Staat“ in Kobane unterstützen sollen, hat das Klima weiter belastet. Jubelszenen aus der von Kurden bewohnten türkischen Grenzstadt Suruc, die zeigen, wie Kurden die Peschmerga und den amerikanischen Präsidenten feiern („Lang lebe Obama“), stießen bei Nationalisten und der Armee in der Türkei übel auf.

          Parallel dazu hat die PKK im Südosten der Türkei wieder damit begonnen, türkische Soldaten und Sicherheitskräfte zu bekämpfen. Etyen Mahcupyan, ein armenischstämmiger Berater von Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, ehemals Journalist, gab unlängst zu, der Staat habe in einigen südostanatolischen Städten die Kontrolle verloren. Die öffentliche Ordnung liege dort in den Händen der PKK.

          Türkische Regierung: Vergiftete Großzügigkeit

          Umso entschlossener versucht die Regierung, wenigstens die syrischen Schwesterorganisationen der PKK in den drei autonomen kurdischen Gebieten im Norden Syriens zu schwächen. Dass Ankara höchstens 200 Peschmerga über türkisches Territorium nach Kobane vorzudringen gestattet hat, wird von einigen Beobachtern daher als eine Geste von vergifteter Großzügigkeit gewertet. Während Ankara der syrischen Kurdenpartei PYD und ihren Kämpfern feindselig gegenübersteht, unterhält sie mit den irakischen Kurden unter deren Präsident Barzani gute Beziehungen.

          Die Entsendung von Barzanis Perschmerga-Einheiten solle dessen Einfluss in Kobane stärken, lautet eine Interpretation der jüngsten Ereignisse. Die dieser Tage von Erdogan aufgestellte Behauptung, die Kurden Kobanes hätten um die Entsendung von 1300 arabischen Kämpfern der „Freien Syrischen Armee“ nach Kobane gebeten, wird unterdessen von kurdischer Seite entschieden zurückgewiesen. Wenn die „Freie Syrische Armee“ den Kampf der Kurden unterstützen wolle, könne sie eine neue Front gegen den „Islamischen Staat“ eröffnen. Es gebe aber „keinen Grund für sie, nach Kobane zu kommen“, so ein Sprecher der Kurden Kobanes.

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