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Ein Besuch in Tschernobyl : Für Tausende Jahre radioaktiv verstrahlt

Sicher für die nächsten 100 Jahre?: Eine neue riesige Schutzhülle soll den Unglücksreaktor von Tschernobyl abschirmen. Bild: dpa

Dreißig Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl soll der Unglücksreaktor nun mit einem gigantischen Sarkophag abgedeckt werden. Die Kosten tragen die EU und Amerika – Moskau steuert nur wenig bei.

          Die Hunde sind wieder da. Sie dösen auf dem warmen Asphalt wie immer im April, und sie haben schon zur Aprilsonne gehört, als Tschernobyl noch nicht das ukrainische Wort für den Untergang war, sondern nur so ein Dörfchen in der Waldsteppe - lange bevor Michail Bulgakow oder Andrij Kurkow den Straßenköter zur Schlüsselfigur der ukrainischen Literatur machten.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wenn sich dann im Frühling die neuen Welpen in den Sandkuhlen fläzen, an den windgeschützten Ecken des Zwischenlagers, am Reaktor oder an den Kantinen, wo immer noch all die Ingenieure, die Wachleute und die Wäscherinnen von der Dekontaminierung, insgesamt 2600 Menschen, Tag für Tag verpflegt werden müssen, weil ein Atomkraftwerk, und gar ein explodiertes, sich nicht abschalten lässt wie ein Radio, dann ist der 26. April wieder nah, der Jahrestag.

          Und dass es diesmal nicht nur irgendein Jahrestag ist, sondern ein runder, der dreißigste, sieht man gleich draußen am Schlagbaum, wo eine Autostunde außerhalb die „Zone“ endet - das Sperrgebiet von Tschernobyl, wo Dörfer im verstrahlten Sumpf versinken, während auf den Waldpfaden die Wächter und die Plünderer einander nachstellen. An Jahrestagen herrscht Leben hier am Kontrollpunkt wie sonst nicht oft.

          Im Inneren des früheren Kontrollraums des Atomkraftwerks von Tschernobyl

          Nicht nur, dass immer mehr Sammeltaxen mit Katastrophentouristen am Schlagbaum stehen (Reaktor, Geisterstadt, Borschtsch und rosa Kompott 120 Dollar); jetzt kommen auch die Delegationen. Die Wachleute mit ihren Schranken und Nagelketten haben keine Ruhe, und weil jeden Augenblick ein Ausflugsbrot aufs Pflaster fallen könnte, haben auch die Köter Alarmstufe.

          Physikerkongresse, Ärztetagungen, Abgeordnete. Die Elektroindustrie ist da, die Pharmaindustrie und natürlich die „Liquidatoren“ - die Überlebenden der damals jungen, heute alten und im Gold der Ordensspangen schimmernden Sowjetsoldaten, die seinerzeit ebenso opferreich wie vergeblich versuchten, die Katastrophe zu meistern. Die Busse sind voll mit Blumenkörben für die Heldendenkmäler der Zone.

          Beim vorigen Jubiläum, dem 25., war noch manches anders. Der Desastertourismus steckte noch in den Kinderschuhen, und der Lenin-Prospekt in der Geisterstadt Pripjat, der Hauptattraktion, war damals noch kein Wald, sondern ein städtischer Boulevard: Hauptachse einer sowjetischen Mustersiedlung mit 49 000 Einwohnern. Heute ist die ukrainische Vorzeit, Birke, Kiefer, Brennnessel, in vollem Triumph durch den Asphalt wiedergekehrt. Humus schwillt an, Dickicht verstellt die Sicht.

          Vor allem aber hat es vor fünf Jahren den „großen Bogen“ noch nicht gegeben, das international finanzierte Milliardengewölbe, unter dessen Spanne - 260 Meter Breite bei 110 Metern Höhe, nur ein Meter weniger als St. Paul’s in London - der explodierte Reaktor vier demnächst verschwinden soll. Der Bogen ist schon fertig, erbaut unter Aufsicht der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) vom französischen Konsortium Novarka.

          Allerdings steht er im Augenblick noch ein paar hundert Meter von der Reaktorruine entfernt; um die Arbeiter vor der Strahlung zu schützen, hat man ihn abseits montiert. Ende des Jahres soll er auf Schienen über den Reaktor gefahren werden, um diesen für die nächsten hundert Jahre den Blicken der Welt zu entziehen - er wird dann für ein paar Stunden, wie die EBRD vermerkt, das größte je gebaute Landfahrzeug sein - ein weiterer Superlativ in der an Superlativen reichen Geschichte Tschernobyls.

          Geisterstadt Pripjat

          Nach der Havarie hat diese Geschichte zuerst in sehr kurzen Takten geschlagen. Um die fatale Explosion vom 26. April 1986, die größte Atomkatastrophe nach Hiroshima und Nagasaki, in Gang zu setzen (ein leichtsinniges Experiment an dem Graphitreaktor des berüchtigten sowjetischen Typs RBMK war die Ursache) hatten Sekunden gereicht.

          Schon um den gleich darauf folgenden Graphitbrand zu löschen, brauchten die Liquidatoren mehr als eine Woche. Die anschließenden Zersetzungsprozesse dauerten schon länger: Zuerst zerfiel das Jod, dann zerfiel die Sowjetunion.

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