Der Wahlkampf in der Tschechischen Republik lässt kaum eine Frage unbeantwortet. Was soll man etwa tun, wenn einem die Freundin nur widerwillig gewisse Gefallen erweist? Eine schöne Halskette würde ihr das erleichtern, schöpft der 75 Jahre alte Präsidentschaftskandidat Karel (Fürst zu) Schwarzenberg aus seinem reichen Erfahrungsschatz. Und woran liegt es, dass der Hochadel degenerierte? Miloš Zeman, der 68 Jahre alte andere Bewerber für das höchste Staatsamt in Prag, erklärt das so: Weil den Fürsten das „ius primae noctis“, das Recht der ersten Nacht, zustand, mussten sie sich nicht die Mühe machen, ihre weiblichen Bediensteten zu vergewaltigen. Knappen hingegen mussten Energie aufbringen, nicht nur beim Sex - und das habe sie vor Degeneration bewahrt. Zeman ist das tschechische Wort für Knappe.
Bisweilen könnte man den Eindruck gewinnen, versehentlich in die Spalte für Herrenwitze gerutscht zu sein, aber so läuft der tschechische Wahlkampf. Einer der beiden älteren Herren wird in Kürze seinen Amtseid auf der Prager Burg leisten. Die tschechischen Feministinnen protestierten gegen die Einlassungen, und die Kandidaten murmelten Entschuldigungen. Es mag sein, dass die Tschechische Republik im Herzen Europas liegt, wie Schwarzenberg allenthalben von den Plakatwänden verkündet. Den in der EU vorherrschenden Maßstäben in Sachen politischer Korrektheit entsprechen allerdings nicht einmal die beiden Politiker, die sich als glühende europäische Föderalisten um die Nachfolge des permanenten EU-Kritikers Václav Klaus bewerben.
In den zweiten Wochen vor der Stichwahl, die an diesem Freitagmittag beginnt und Samstagnachmittag endet, gab es Radio- und Fernsehduelle am laufenden Band. Jede neue Begegnung diente vor allem dazu, die Entgleisungen und Missverständnisse der vorigen zu korrigieren und fällige Entschuldigungen anzubringen. In einer Endlosschleife kamen immer wieder dieselben Themen zur Sprache: die Beneš-Dekrete, die rudimentären Tschechisch-Kenntnisse der Ehefrau Schwarzenbergs, das Machtkartell von Miloš Zeman und Václav Klaus, die Mitverantwortung Schwarzenbergs für die soziale Eiszeit, dann wieder Beneš und seine Dekrete.
Mit Meistern der Desinformation und der Intrige
Zeman war in der Regel deutlich besser vorbereitet und angriffslustiger als sein Gegner, der meist aus der Defensive argumentierte. Nur selten gelang es Schwarzenberg, die Schwachstellen seines Gegners bloßzulegen. Dabei hatte Zemans Team einen besonders schmutzigen Wahlkampf geführt. Für die Behauptung, der niederösterreichische Stammsitz von Schwarzenbergs Frau Therese, geborene Hardegg, sei eine berüchtigte Bastion der Nazis gewesen, musste sich Zeman entschuldigen: Die Hardeggs hatten die Burg an der Thaya schon vor drei Jahrhunderten verkauft. Ungeprüft war eine Verleumdung aus dem Pamphlet eines antisemitischen Publizisten im Wahlkampf gelandet.
Zeman hatte jedoch kein Problem damit, sich auch von seinen engsten Mitarbeitern zu distanzieren, wenn es ihm opportun erschien. Da ist zum Beispiel Miroslav Šlouf, einst ein strammer Kommunist, den Zeman als Ministerpräsident (1998 bis 2002) zu seinem Chefberater machte und der damals in fast alle Skandale und Affären verwickelt war. Zeman hatte als Erster jene stille Rehabilitierung ehemaliger Kommunisten betrieben, die den Sozialdemokraten linke Wählerstimmen einbrachte und ihm die Mitarbeit ausgewiesener Meister der Desinformation und der Intrige sicherte. Am Mittwoch veröffentlichte die Zeitung „Mladá Fronta Dnes“ das Abhörprotokoll eines Telefongesprächs, das Chefberater Šlouf einst mit František Mrázek geführt hatte, einem Paten der Prager Unterwelt, der 2006 auf einem Parkplatz von unbekannten Tätern erschossen wurde. Šlouf versprach, bei der Komerční Banka zu seinen Gunsten zu intervenieren.
Seit jeher verfügt Zemans Mann fürs Grobe über gute Kontakte in Russland, und er blieb auch dann noch an der Seite seines Chefs, als dieser sich verbittert auf sein Landhaus in Mähren zurückzog. Mittlerweile leitet Šlouf die Prager Sektion der „Partei der Bürgerrechte - Zemanisten“ (SPOZ), die Zeman nach seinem Ausscheiden aus der sozialdemokratischen ČSSD gründete und deren Ehrenvorsitz er immer noch innehat. Die SPOZ, die Zeman als Kandidat nominierte, trägt seinen Wahlkampf finanziell und organisatorisch. In einem Fernsehduell bestritt Zeman dennoch, dass Šlouf in irgendeiner Weise in seinen Wahlkampf eingebunden sei.
Unklar ist, wie sich die Fischer-Wähler verhalten werden
Unterstützt wird Zeman von den tschechischen Kommunisten, die er darum gebeten hatte, und unaufgefordert auch von den ultralinken „tschechoslowakischen Kommunisten“ Miroslav Štěpáns, des berüchtigten letzten Prager Parteichefs vor der Wende, sowie von der rechtsextremen, rassistischen „Arbeiterpartei für soziale Gerechtigkeit“ (DSSS). General Alexander Beer, ein hochdekorierter Veteran der ukrainischen Front im Zweiten Weltkrieg, forderte Schwarzenberg auf, seine Kandidatur zurückzunehmen, weil für einen „Österreicher“, der Beneš verleumde und den „gerechten Abschub der Deutschen“ verurteile, kein Platz auf der Burg sei. Die Grenzlandtschechen, die Freiheitskämpfer, der Rentnerverband und die Gewerkschaften reihten sich ein in die nationale Front, die nach Schwarzenbergs Kritik an Beneš und dessen Dekreten regen Zulauf erhielt. Zeman bietet allen etwas, selbst der jüdischen Gemeinde, die er an seinen Vergleich zwischen Arafat und Hitler erinnert und mit antiislamischen Äußerungen umgarnt. Nur wer ihn wähle, sei ein „echter Tscheche“, stand auf einem Flugblatt, das seine Anhänger in Budweis verteilten.
Auf die Seite Schwarzenbergs stellte sich der emeritierte Prager Erzbischof Kardinal Miloslav Vlk. Ein Kandidat wie Zeman, der die Kommunisten um Unterstützung bitte, komme für ihn nicht in Frage, sagte Vlk. Der Prager Bischof Karel Herbst und der Theologe Tomáš Halík, der selbst einmal Präsident werden wollte, schlossen sich Vlk an. Für Schwarzenberg spricht sich auch die Konföderation der ehemaligen politischen Häftlinge des kommunistischen Regimes aus.
Wenn es nur nach den Mitgliederzahlen der Verbände ginge, die sich zu Wort gemeldet haben, wäre Zeman der Sieg schon sicher. Unklar ist jedoch, wie sich die Wähler verhalten werden, die in der ersten Runde für Jan Fischer gestimmt haben. Fischer verhielt sich zuerst neutral, schloss sich dann aber rasch dem anschwellenden Chor der Schwarzenberg-Gegner an. Schwer einzuschätzen ist zudem, wie sich die jungen Wähler verhalten werden. Eine Blitzumfrage nach einem Fernsehduell, das am Mittwoch stattfand, ergab 50 Prozent für Zeman und 46 Prozent für Schwarzenberg. Es scheint, dass die Debatte über die Beneš-Dekrete potentielle Schwarzenberg-Wähler nicht sonderlich beeindruckt hat.
Die Leiterin des Geriatrischen Zentrums von Prag 8 empfahl unterdessen den beiden Kandidaten, sich am verehrten Staatsgründer Masaryk ein Beispiel zu nehmen, der mit 68 Jahren Präsident wurde und danach das Rauchen und Trinken einstellte. Eine asketische Lebensweise, so die Frau Doktor, würde dem neuen Staatsoberhaupt helfen, während seiner fünfjährigen Amtszeit Demenz, Inkontinenz und anderen Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen.
Deutsch-tschechische Beziehungen
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