http://www.faz.net/-gq5-78lkm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 23.04.2013, 20:06 Uhr

Spanien Kampf dem Fünfhunderter

Spaniens Sozialisten wollen im Kampf gegen Korruption, Geldwäsche und Steuerbetrug den „Bin Ladin“ abschaffen. In der Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy hält sich der Beifall einstweilen in Grenzen.

von , Madrid
© dpa Jeder kennt sie, aber keiner will je einen von ihnen gesehen haben: Spaniens „Bin Ladin“

Die spanischen Sozialisten wollen zwar nicht den Euro, aber doch den Fünfhunderterschein abschaffen. Und die grünen Kommunisten des Landes haben vorgeschlagen, zumindest die Farbe des Scheins zu ändern. Beide Initiativen sind, wie die Parteien sagen, zum Kampf gegen Korruption, Geldwäsche und Steuerbetrug gedacht.

Leo Wieland Folgen:

Sie sollen das Schwarzgeld der Reichen von unter den Matratzen an die Oberfläche bringen, um damit dann neue Sozialprogramme gegen Armut und Obdachlosigkeit zu finanzieren. In der Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy, der aufgefordert wird, dieses Projekt schleunigst im Kreis der europäischen Partner durchzusetzen, hält sich der Beifall einstweilen in Grenzen.

Billiger Populismus

Hier ist von billigem Populismus und pharisäerhafter Demagogie derer die Rede, die Spaniens Wirtschaft zuvor ruiniert hätten. Aber dem geschwächten sozialistischen Oppositionsführer Alfredo Pérez Rubalcaba, der gerade innerparteilich um sein Überleben als Generalsekretär kämpft, scheint jeder Einfall recht, um sich wieder etwas vorteilhafter in das öffentliche Bild zu setzen.

So besuchte er gerade ein Armenviertel, um Rajoy hernach den Vorwurf zu machen: „Er kennt nicht die Gesichter derer, die von seiner Politik geschlagen werden. Er kennt nicht ihre Leiden und ihre Gefühle.“ Die in Spanien traditionell besonders beliebten Fünfhunderter werden mit iberischer Ironie - die den Tod des Al-Qaida-Führers überdauert hat - „Bin Ladins“ genannt, weil jeder sie kennt, aber keiner je einen von ihnen gesehen haben will.

Als die Immobilienblase vor der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008 ihre größte Ausdehnung erreicht hatte, zirkulierte nach Angaben von Bank- und Währungsfachleuten in Spanien allein mehr als die Hälfte aller in der Eurozone ausgegebenen großen Scheine. Inzwischen soll sich ihr Volumen auf ein Viertel des geschätzten Gesamtbetrags von rund 290 Milliarden Euro verringert haben.

Mehr zum Thema

Das wäre gleichwohl noch immer ein beträchtlicher Vorrat in den mutmaßlichen Händen von „Baulöwen“, bestechlichen Politikern und Funktionären sowie des organisierten Verbrechens. Oppositionsführer Rubalcaba möchte nun diesen „Schatz“ heben und in Fonds zur Finanzierung von Volksspeisungen und Sozialwohnungen investieren.

Kommunistenführer Cayo Lara hat ähnliche Pläne für Arbeitsbeschaffungsprogramme. Die Abschaffung oder Farbänderung, so ihr Kalkül, würde die Besitzer der „Bin Ladins“ zwingen, die Scheine binnen einer gesetzten Frist gegen kleinere Scheine umzutauschen und dabei zugleich zu beweisen, dass sie ehrlich erworben wurden.

Spaniens Oppositionelle berufen sich auf ein angebliches starkes Interesse, insbesondere in Deutschland und Frankreich, den Fünfhunderter aus dem Geldkreislauf zu ziehen. Die Konservativen zweifeln hingegen grundsätzlich an der Praktikabilität einer solchen Maßnahme und fragen, wo das Ganze dann enden solle: bei dem Zweihunderter, dem Hunderter oder dem Fünf-Euro-Schein?

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Spanisches Parlament Rajoy im ersten Anlauf gescheitert

Der amtierende spanische Ministerpräsident verfehlt im Parlament die absolute Mehrheit um als Regierungschef bestätigt zu werden. Ein neuer Anlauf ist schon geplant. Mehr Von Von Leo Wieland, Lissabon

31.08.2016, 20:54 Uhr | Politik
Spanien Die Urlaubsinsel Fuerteventura

Die spanische Insel Fuerteventura liegt rund hundert Kilometer von der afrikanischen Küste entfernt. Unter Surfern gilt sie als europäisches Hawaii, denn dank günstiger Winde finden Wassersportler hier optimale Bedingungen. Mehr

30.08.2016, 15:59 Uhr | Reise
Der Tag Merkel zu Besuch bei Italiens Premier Renzi

Merkel erneut zu Besuch bei Italiens Premier Renzi. Spaniens Parlament stimmt über Wiederwahl Rajoys ab. Theresa May berät mit Kabinett über Brexit-Fahrplan. Historische Friedenskonferenz startet in Myanmar Mehr

31.08.2016, 07:24 Uhr | Wirtschaft
Bundeskanzlerin Merkel CDU darf im Kampf um AfD-Wähler nicht ihren Kern aufgeben

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat auf einer Wahlkampfveranstaltung in Schwerin vor der Alternative für Deutschland gewarnt. Umfragen zufolge liegt die rechtspopulistische AfD in Mecklenburg-Vorpommern bei etwa 20 Prozent. Damit könnte die AfD bei der Landtagswahl am 4. September zweitstärkste Partei in Mecklenburg-Vorpommern werden. Mehr

30.08.2016, 14:47 Uhr | Politik
Gefahren des Populismus Steinmeier greift abermals Trump an

Steinmeier erneuert seine Kritik an Populisten. Er greift die europäischen Vertreter an und nennt sie in einem Atemzug mit Präsidentschaftskandidat Trump. In einer komplexer werdenden Welt suchten diese Leute nach allzu einfachen Lösungen. Mehr

30.08.2016, 11:43 Uhr | Politik

Recht im Zirkus

Von Reinhard Müller

Der Bundesjustizminister will die Justiz der Öffentlichkeit näher bringen und Übertragungen von Prozessen ermöglichen. Das wird zu einer Live-Justiz führen – mit Showmastern, Clowns und Opfern. Mehr 35 70