Home
http://www.faz.net/-gq5-7gmux
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Sommerinterview Merkels Nationale Musik in britischen Ohren

London interpretiert die Kanzlerin: Auf der britischen Insel wird das Sommerinterview Merkels mit kleiner Verzögerung als europapolitisches Fanal wahrgenommen.

© dpa Vergrößern Für die Rückübertragung von Macht aus Brüssel? Merkel im Wahlkampf

In Deutschland erzielte das Sommerinterview, das die Bundeskanzlerin am Dienstag den Sendern Phoenix und Deutschlandfunk gegeben hat, nur mittlere Aufmerksamkeit. Auf der britischen Insel wird es hingegen, mit kleiner Verzögerung, als europapolitisches Fanal wahrgenommen. Mehrere Korrespondenten und Beobachter interpretierten Angela Merkels Aussagen am Donnerstag als „Unterstützung für die Tories“ - genauer: für die Pläne von Premierminister David Cameron, die europäische Integration zurückzufahren und bestimmte Brüsseler Befugnisse den Nationalstaaten zurückzugeben.

Jochen Buchsteiner Folgen:

Es sind vor allem zwei Passagen, die das politische London elektrisieren. „Mehr Europa ist mehr als nur die Verlagerung einer Kompetenz vom Nationalstaat nach Europa“, sagte die Kanzlerin und fügte an: „Ich kann auch mehr Europa haben, indem ich mich in meinem nationalen Handeln strenger und intensiver darauf einlasse, das mit anderen zu koordinieren - das ist eine andere Form von mehr Europa.“ Nach britischer Lesart ist dies die diplomatische Paraphrase einer Forderung, die seit langem aus London erhoben wird: mehr punktuelle Zusammenarbeit zwischen den europäischen Regierungen bei weniger Machtzusammenballung in Brüssel.

„Geben wir wieder einmal etwas zurück?“

Als Widerhall der britischen Regierungsposition wird ein Gedanke der Bundeskanzlerin verstanden, der sich auf die Kompetenzanhäufung in Brüssel bezog: „Wir können auch überlegen: Geben wir wieder einmal etwas zurück?“, hatte Merkel in den Raum gefragt, was Mats Persson, der Direktor der Londoner Denkfabrik „Open Europe“, als Durchbruch versteht: „Dies ist das erste Mal, dass Frau Merkel - bei weitem die wichtigste Politikerin Europas - so ausdrücklich die Rückübertragung von Macht aus Brüssel ventiliert hat“. Persson, der als einer der heimlichen Architekten von Camerons Europapolitik gilt, leitet aus Merkels Ankündigung, über dieses Thema schon „nach den Bundestagswahlen“ zu sprechen, neuen Spielraum für das Königreich ab: „In diesem Herbst hat Cameron die erste richtige Gelegenheit, die EU-Reform kraftvoll voranzutreiben“, sagte er.

Bislang plante die Regierung Cameron, erst 2015 - nach der erhofften Wiederwahl - in substantielle Verhandlungen mit und innerhalb der EU einzusteigen; bis dahin sollte eher vorgefühlt und nach mehr Verbündete in Europa gesucht werden. Ob sie nun in Merkel, die ebenfalls erst wiedergewählt werden muss, frühzeitig die entscheidende Weggefährtin gefunden haben, bedarf noch einer Klärung. Das hindert manche Konservative aber nicht daran, den vorgezogenen Zeitplan schon heute zu problematisieren. Viele Tories, schrieb die „Times“ am Donnerstag, sähen keinen Raum für eine klare Verhandlungsposition gegenüber Brüssel, solange sie an einen europafreundlichen Koalitionspartner, die Liberaldemokraten, gekettet seien. Cameron werde die Worte Merkels „begrüßen“, prophezeite der Tory-Abgeordnete Mark Field - aber bis zur nächsten Wahl gebe es ein „Vakuum, in dem wir realistischerweise nicht über Neuverhandlungen sprechen können.“

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Großbritannien Cameron plant EU-Referendum schon für 2016

Eigentlich wollte der britische Premierminister David Cameron sein Volk 2017 über den Verbleib Großbritanniens in der EU abstimmen lassen. Nach seinem Wahlsieg drückt er aufs Tempo - und will schon 2016 an die Urnen rufen. Mehr

12.05.2015, 07:27 Uhr | Politik
Stress im Alltag Verein für Entschleunigung hilft zu entspannen

Alltag bedeutet für viele Menschen Stress - der österreichische Verein zur Verzögerung der Zeit will helfen, in einer schnelllebigen Welt wieder mehr Balance zu finden. Der Verein, ein Teil der internationalen Entschleunigungs-Bewegung, hat auch in Deutschland zahlreiche Anhänger. Mehr

30.11.2014, 10:58 Uhr | Gesellschaft
Neue Verteilung Quotenregelung für Flüchtlinge?

Immer mehr Flüchtlinge drängen nach Europa, die Mittelmeerländer fühlen sich überfordert. EU-Kommissionspräsident Juncker plant einem Bericht zufolge eine Verteilung entlang fester Quoten. Mehr

11.05.2015, 04:52 Uhr | Politik
Düsseldorf Sicherheitsstreik legt Flugverkehr lahm

Hunderte von Passagieren mussten am Düsseldorfer Flughafen vor den Sicherheitskontrollen Schlange stehen, dutzende Flüge verzögerten sich oder mussten gleich ganz abgesagt werden. Mehr

29.01.2015, 10:42 Uhr | Wirtschaft
EU-Gipfel in Riga Cameron will Gespräche über EU-Reformen erzwingen

Die europäischen Regierungschefs wollen in Riga über die Beziehungen zu den ehemaligen Sowjetrepubliken sprechen. Doch der britische Premierminister Cameron hat ganz andere Pläne. Mehr

22.05.2015, 09:56 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 15.08.2013, 15:33 Uhr

Neigung zum Ekstatischen

Von Reinhard Bingener

Zungenrede, Heilungen, Dämonenaustreibungen - die Pfingstkirchen inszenieren die Präsenz des Heiligen Geistes so offensiv wie möglich. Der Unterschied zu den traditionellen Kirchen europäischer Prägung könnte kaum schärfer sein. Mehr 3 11