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Veröffentlicht: 22.07.2014, 16:58 Uhr

Ostukraine Separatisten am Abschussort sollten Piloten festnehmen

Prorussische Kämpfer sind unmittelbar nach dem Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs zum Absturzort gefahren. Das bestätigten Separatisten der F.A.Z.. Damit verdichten sich die Hinweise auf die Schuldigen.

von , Donezk
© dpa Prorussische Kämpfer kontrollieren noch immer die Absturzstelle der Boeing 777

Nach dem Abschuss eines malaysischen Verkehrsflugzeugs mit 298 Personen an Bord über dem ostukrainischen Krisengebiet Donbass deuten neue Hinweise darauf hin, dass prorussischen Separatisten in der Region die Katastrophe verursacht haben könnten. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung überprüfte einen Bericht der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“ vom Dienstag über ein Gespräch mit einem prorussischen Kämpfer nahe am Absturzort.

Konrad Schuller Folgen:

Der Kämpfer hatte darin bestätigt, dass er am Tag des Unglücks wenige Minuten nach dem Knall der Explosion von seinem Vorgesetzten den Befehl erhalten habe, mit seiner Einheit sofort zur Unglücksstelle zu fahren, um „die Piloten“ festzunehmen. So ein Befehl würde bestätigen, dass die Aufständischen unmittelbar nach dem Absturz glaubten, nicht ein Zivilflugzeug sei explodiert, sondern ein feindliches, also ukrainisches Kampfflugzeug. Dessen Piloten hätten sich durch ihre Fallschirme retten können, und sollten offenbar gestellt werden. So eine Anordnung unmittelbar nach der Explosion würde zeigen, dass die Separatisten über den Abschuss umgehend Bescheid wussten, was wiederum darauf hinweisen könnte, dass sie selbst das tödliche Geschoss abgefeuert haben.

Die F.A.Z. hat von anderen prorussischen Kämpfern derselben Einheit übereinstimmende Berichte erhalten wie die zuvor im „Corriere della Sera“ veröffentlichten Informationen. Zwei von ihnen haben auch ihre Kampfnamen mitgeteilt. Die Aussagen der Aufständischen, mit denen diese Zeitung am Dienstag sprach, bestätigen die des „Corriere della Sera“.

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Der Zeuge der italienischen Zeitung konnte anhand eines Fotos aufgefunden werden. Er wollte sich zwar selbst nicht noch einmal äußern, aber zwei seiner Kameraden waren zur Aussage bereit. Einer sagte, die Gruppe habe nach der Explosion von ihrem Vorgesetzten den Befehl erhalten, „dort hinzugehen und den Mann am Fallschirm zu finden“. Ein anderer fügte hinzu: „Lassen Sie mich erklären. Jedes Flugzeug, das hier auftaucht, ist ein feindliches Flugzeug. Weil wir selbst keine Flugzeuge haben. Und die Flugzeuge, die hier fliegen, sind feindliche Flugzeuge.“ Die Kämpfer wiesen an dieser Stelle darauf hin, dass auch die Bevölkerung der Umgebung sich im ersten Augenblick über den Abschuss gefreut habe, weil sie glaubte, ein Kampfflugzeug der Regierung in Kiew sei getroffen worden, und weil solche Maschinen zuletzt eine Ortschaft in der Nachbarschaft „bombardiert“ hätten.

Den Kämpfern wurde während des Gesprächs mit der F.A.Z. anscheinend deutlich, dass sie im Begriff waren, ihrer eigenen Sache zu schaden. Einer sagte jedenfalls einschränkend, statt von einer Suche nach Piloten zu sprechen, „wäre es richtiger zu sagen: wir wurden hingeschickt, um die Sache zu klären, und notfalls jemanden festzunehmen.“ Er fügte hinzu: „Sonst wäre es eindeutig so, als wären wir schuld“.

Entlarvende Telefonmitschnitte

Die Darstellung der Kämpfer ist von Bedeutung, weil sie Berichte des ukrainischen Geheimdienstes SBU bestätigt, der nach der Katastrophe Mitschnitte von mutmaßlichen Telefonaten separatistischer Kommandeure mit ihren russischen Führungsoffizieren veröffentlicht hat. In einem dieser Gespräche taucht genau der Aspekt auf, über den die Rebellenkämpfer mit der F.A.Z. und dem „Corriere della Sera“ gesprochen haben: die Tatsache, dass die Aufständischen unmittelbar nach dem Abschuss überzeugt waren, ein ukrainisches Kampfflugzeug sei von der eigenen Flugabwehr getroffen worden, weswegen sie nun in erster Linie an der Festnahme der Piloten interessiert waren.

In einem dieser Geheimdienst-Mitschnitte unterhält sich der Rebellenführer Igor Besler (Kampfname „Bes“, zu Deutsch: „Dämon“) offenbar mit seinem russischen Kontaktmann Wassilij Geranin, mutmaßlich einem Oberst beim Aufklärungsdienst des russischen Generalstabs GRU. Der Rebellenkommandeur rapportiert: „Man hat gerade ein Flugzeug abgeschossen. Die Gruppe ,Minenleger‘. Abgestürzt hinter Jenakijewo.“ Die Antwort des Führungsoffiziers folgt wie aus der Pistole geschossen: „Die Piloten! Wo sind die Piloten?!“

Der ukrainische Geheimdienst SBU hat zuletzt zahlreiche Telefonmitschnitte und Videoaufnahmen veröffentlicht, die bestätigen sollen, dass das malaysische Passagierflugzeug von den Separatisten des Donbass mit Hilfe einer aus Russland gelieferten Flugabwehrrakete des Typs Buk M abgeschossen worden sei. Eine dieser Videoaufnahme zeigt angeblich, wie die Rebellen das Raketensystem nach dem Abschuss nach Russland zurückbringen.

Die Authentizität solcher Aufnahmen konnte bisher nicht überprüft werden, aber die Aussagen der Kämpfer am Dienstag bestätigen nun immerhin einige Details. Dazu gehört das Interesse der Rebellenführer an den „Piloten“, von denen man glaubte, sie hätten sich am Fallschirm gerettet. Dass die Rebellen ungewöhnlich schnell an der Unglücksstelle eintrafen, also möglicherweise von Anfang an über den Abschuss Kenntnis hatten, geht auch aus Aussagen von Anwohnern des Absturzortes hervor. Eine Familie, deren Name der F.A.Z. bekannt ist, gab an, die Kämpfer seien schon 10 bis 15 Minuten nach dem Unglück da gewesen.

Während die Ukraine und die Vereinigten Staaten behaupten, Flug MH17 sei von den Aufständischen abgeschossen worden, propagieren russische Quellen die Version, ein ukrainisches Jagdflugzeug habe das Unglück verursacht. Die Variante des Abschusses durch die Separatisten ist nun allerdings auch von der Zeitung „New York Times“ bestätigt worden. Deren Reporter fotografierten am Absturzort Wrackteile, die von einer großen Zahl kleiner Einschüsse geradezu durchsiebt waren. Die Zeitung schrieb, nach Ansicht von Fachleuten könne das auf ein Geschoss des Systems Buk hinweisen, weil solche Raketen ihre Ziele nicht allein durch die Wucht der Explosion zerstörten, sondern zusätzlich durch eine Wolke von Schrapnellgeschossen.

Quelle: F.A.Z.

 

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