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Separatisten auf Korsika : Im Zeichen des Maurenkopfs

Sohn des korsischen Patriarchen: Gilles Simeoni feiert am Abend des 13. Dezember 2015 seinen Wahlsieg in den Straßen von Bastia. Seit einem halben Jahr regiert er auf Korsika. Bild: AFP

Nach Jahrzehnten der Gewalt sind die Separatisten auf Korsika am Ziel. Seit einem halben Jahr regieren sie die Insel. Gilles Simeoni, der „Président“, muss zeigen, was er kann. Hat die Insel aber nun ein Rassismusproblem?

          Der Weg zum neuen Chef der korsischen Regionalregierung führt durch einen üppigen Garten mit Bananenstauden, Kokospalmen und anderen exotischen Gewächsen. Früher lustwandelten Kaiser Franz Joseph mit Gemahlin „Sisi“, Schriftsteller Joseph Conrad oder der „Theater“-Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen hier, wenn sie im Grand Hotel Continental weilten, das über der Parkanlage thront. Der Hotelpalast im Belle- Epoque- Stil war die feinste Adresse in der Inselkapitale Ajaccio. Heute residiert in dem Prachtbau mit Meerblick ein Mann, dessen Name noch bis vor kurzem auf dem französischen Festland mit Aufnahmen von vermummten, bewaffneten Gestalten, schwarzen Fahnen und Sprengstoff in Verbindung gebracht wurde.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Gilles Simeoni heißt er, der Sohn des Patriarchen der korsischen Unabhängigkeitsbewegung Edmond Simeoni und neuer Hoffnungsträger der Korsen. Seit knapp einem halben Jahr sitzt der jüngere Simeoni im großzügigen Amtszimmer des „Président“ der korsischen Territorialverwaltung (Collectivité territoriale corse). Auf seinem Schreibtisch stehen zwei Fahnen Seite an Seite, die schwarze korsische mit dem Maurenkopf und die blaue europäische mit den Sternen. Simeoni lächelt spitzbübisch, seine blauen Augen funkeln, es bereitet ihm sichtlich Vergnügen, das Fehlen der französischen Flagge zu kommentieren. Simeoni spricht von einem historischen Moment und einer „demokratischen Revolution“. Ein wenig wirkt es, als könne er selbst noch nicht fassen, dass zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte korsische Nationalisten die Inselregion verwalten.

          Simeoni sieht sich in der langen Tradition des korsischen Befreiungskampfes

          Seit den ersten Dezentralisierungsgesetzen 1982 hat die korsische Regionalregierung in Etappen immer mehr Kompetenzen übertragen bekommen. Sie ist inzwischen zuständig für Wirtschaftsförderung und Raumplanung, Tourismus und Umweltschutz, Wasserversorgung und Müllentsorgung, öffentliche Verkehrsmittel und Straßenbau und darf sogar beim Sprachenunterricht an den Schulen mitreden. Aber Simeoni reicht das nicht. Er träumt von einer korsischen Selbstverwaltung. Seinen Amtseid hat er auf die Schrift des korsischen Freiheitshelden Pasquale Paoli „Über die Rechtfertigung einer Revolution in Korsika“ abgelegt. Seine Antrittsrede hielt er in großen Teilen in korsischer Sprache. Auf der Insel schwärmen besonders die jüngeren Wähler für den athletischen Politiker, der bei keinem Marathonlauf fehlt. Die Regierung in Paris hingegen sträubt sich bis heute, in dem Machtwechsel in Ajaccio etwas anderes als einen Unfall an den Urnen zu sehen.

          Wie begründet Simeoni den überraschenden Wahlsieg bei den Regionalwahlen im vergangenen Dezember? „Wir sind die Erben eines langen Kampfes zur Anerkennung unserer Nation und unseres Volkes. Aber das reicht nicht aus, unseren Sieg zu erklären. Die Nationalistenbewegung hat sich sehr verändert“, sagt Simeoni. Auf die Phase des „Widerstands“ und der Gewalt aus dem Untergrund folge jetzt eine neue Phase des „nationalen Aufbaus“. Die korsische Gesellschaft sei reif für eine „sehr große Autonomie“ nach dem Vorbild Kataloniens. Als Bürgermeister von Bastia (2014 bis Anfang 2016) habe er zeigen können, dass die Nationalisten zur Machtausübung fähig seien. „Seien wir ehrlich: alle Korsen sind nicht mit einem Schlag zu Nationalisten geworden. Aber die Mehrheit strebt nach mehr Eigenständigkeit gegenüber Frankreich“, sagt Simeoni.

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