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Pädophilenring : Deckte die britische Regierung Kinderschänder?

Innenministerin Theresa May am Montag im britischen Unterhaus: Sie will den Vorfall eingehend untersuchen lassen. Bild: AP

Die Regierung in London schützte Anfang der achtziger Jahre möglicherweise einen Pädophilenring. Mehr als hundert Akten sind verschwunden. Ein Abgeordneter, der Recherchen angestellt hatte, wurde mit dem Tod bedroht.

          Sind Kinderschänder, die der Regierung nahe standen, von staatlichen Institutionen geschützt worden? Das ist die Frage, die Großbritannien seit dem vergangenem Wochenende umtreibt. Politiker aller Parteien fordern, dem Vorfall, der mehr als dreißig Jahre zurückliegt, nun auf den Grund zu gehen. Am Montag kündigte Innenministerin Theresa May eine umfassende Untersuchung an.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Gerüchte über einen Pädophilenring mit Verbindungen nach Westminster kursieren seit Jahrzehnten. Immer wieder hatten Journalisten und Parlamentarier Spuren aufgezeigt, zum Teil auch Vorwürfe erhoben. Aber es bedurfte der öffentlichen Sensibilisierung – hervorgerufen durch eine Serie aufsehenerregender Missbrauchsfälle –, um den Verdachtsmomenten ernsthaft nachzugehen. Am Freitag musste das Innenministerium eingestehen, dass mehr als hundert Akten, die entsprechende Hinweise enthalten hatten, verschwunden sind – „vermutlich vernichtet, verloren oder unauffindbar“.

          Vermisst wird unter anderem ein Dossier, das der konservative Abgeordnete Geoffrey Dickens in mehrjähriger Kleinarbeit recherchiert und 1983 dem damaligen Innenminister, seinem Parteifreund Leon Brittan, persönlich ausgehändigt hatte. Es enthielt Aussagen von Opfern und die Namen der Täter. Dickens hatte erwartet, dass der Übergabe ein politischer Sturm folgen würde. Das berichtet jedenfalls sein Sohn Barry. Aber nichts geschah, weder 1983, noch in den Jahren danach. 1995 starb Geoffrey Dickens.

          Keiner der prominenten Beteiligten wurde verhört

          Einige Personen, die in seinem Bericht genannt worden sein sollen, wurden Jahrzehnte später überführt. Zu diesen zählte der liberaldemokratische Abgeordnete Cyril Smith. Im Herbst 2012, zwei Jahre nach seinem Tod, hatte die Staatsanwaltschaft, angestoßen durch ein Enthüllungsbuch des Labour-Abgeordneten Simon Danczuk, Ermittlungen aufgenommen. Man hätte Smith schon nach den ersten Hinweisen vor 40 Jahren anklagen müssen, gab die Behörde damals zu. Inzwischen sind die Erinnerungsplaketten in Smith’ Wahlkreis abmontiert worden.

          Smith war einer der bekanntesten Politiker der siebziger Jahre. Andere, die Dickens enttarnt hatte, bewegten sich noch näher am Machtzentrum, darunter ein Spitzendiplomat und ein Mitarbeiter der Premierministerin Margaret Thatcher. Sie alle sollen Ende der siebziger Jahre bis 1982 im Londoner „Elm Guest House“ verkehrt haben, wo offenbar kleine Jungs aus einem benachbarten Heim missbraucht wurden und zwei von ihnen verschwunden sind. Die Polizei hat die Ermittlungen wieder aufgenommen, nachdem Untersuchungen Anfang der achtziger Jahre nur mit der Festnahme der Betreiberin geendet waren. Keiner der prominenten Gäste musste ein Verhör über sich ergehen lassen. Die Betreiberin wurde später tot aufgefunden.

          Es war wichtiger, das System zu schützen

          Einen der Männer hatte Dickens im Unterhaus sogar beim Namen genannt. Danach sei er mit dem Tode bedroht worden, sagte er später. Von Drohungen spricht nun, dreißig Jahre später, auch der Abgeordnete Danzcuk. Ein amtierender Tory-Minister habe ihn „unter Druck“ gesetzt, den Namen Brittan nicht fallen zu lassen, als er in der vergangenen Woche vor einem Parlamentsausschuss aussagte.

          Weiteres Öl ins Feuer goss Lord Tebbit, der Margaret Thatcher zur selben Zeit gedient hatte wie Brittan. Auf die Frage, ob man es womöglich mit einer staatlichen Vertuschungsaktion zu tun habe, sagte Tebbit: „Das kann gut sein“ – und erklärte dies mit den Gepflogenheiten einer anderen Zeit: „Damals dachten die meisten Leute, dass das Establishment, das System geschützt werden müsse, und dass es, wenn mal ein paar Sachen schieflaufen, wichtiger ist, das System zu schützen als zu tief in die Sachen einzusteigen.“

          Als Brittan, der inzwischen 74 Jahre alt ist, auf Dickens’ Dossier angesprochen wurde, sagte er zunächst, er könne sich nicht erinnern. Am Montag gab er dann über einen Anwalt zu Protokoll, dass er den Vorgang an „die entsprechenden Beamten“ in seinem Haus weitergeleitet habe. In derselben Stellungnahme gestand er ein, dass ihn die Polizei wegen „schwerer Anschuldigungen“ befragt habe. Laut Zeitungsberichten soll es um eine Vergewaltigung aus dem Jahr 1967 gehen.

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