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Russland und die Ukraine : Das sowjetische Erbe lockt

Russisches Kriegsschiff am Bosporus: Russland muss die Gasturbinen für die Schiffe importieren Bild: dpa

Kiew will „den Feind nicht mehr aufrüsten“ und stellt die Rüstungsexporte nach Russland ein. Moskau ist jedoch darauf angewiesen. Es geht um Interkontinentalraketen, Kampfhubschrauber und Kriegsschiffe.

          Was soll der russische Truppenaufmarsch an der Grenze zur Ukraine? Will Moskau nur politischen Druck ausüben, oder bereitet es eine Intervention vor wie auf der Krim? Auf diese Frage gibt es noch keine Antwort; sie hängt von Entscheidungen ab, über die Präsident Putin den Rest der Welt im Unklaren lässt. Aber eine andere Frage lässt sich durchaus klären: Welchen Gewinn könnte sich Moskau davon versprechen, wenn seine Truppen in der Ukraine einrücken?

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Natürlich könnte Moskau dann die Politik in der Ostukraine direkt bestimmen – sofern es die Lage unter Kontrolle bekäme. Die eroberten Gebiete würden Russland ein- oder angegliedert; die Grenze zu Europa verschöbe sich weiter nach Westen. Es gäbe aber auch handfeste wirtschaftliche Vorteile. Russland würde sich den kompletten Donbass einverleiben, das Stahl- und Kohlerevier im äußersten Osten, und die verarbeitenden Betriebe, die einen Gürtel um dieses Gebiet herum bilden.

          Zwei Sektoren sind für den Kreml von höchstem Interesse

          Dort schlägt das industrielle Herz der Ukraine, der Rest des Landes ist durch Landwirtschaft geprägt. Vor allem zwei Sektoren sind für den Kreml von höchstem Interesse: die Weltraum- und Rüstungsindustrie. Diese Sektoren waren schon in sowjetischer Zeit sehr stark. Jeder zweite Panzer und jede zweite Interkontinentalrakete wurden in der Ostukraine gebaut. Trägerraketen für Weltraumfracht und Satelliten stammten von dort. Auf den Werften am Schwarzen Meer im Süden entstanden vierzig Prozent aller Kriegsschiffe. Als die Sowjetunion zerfiel, fanden sich 14 Prozent der Rüstungsunternehmen auf ukrainischem Boden wieder.

          Damals waren das 700 Betriebe mit 1,4 Millionen Beschäftigten, sie erwirtschafteten ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts. Bis heute hat nur ein kleiner Teil der Unternehmen überlebt. Die meisten gehören dem Staat, sie wurden in der Holding Ukroboronprom zusammengefasst: gut hundert Betriebe, 120.000 Arbeitskräfte, 1,6 Milliarden Dollar Jahresumsatz. Das ist gerade einmal ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts; die gesamte Schwerindustrie im Donbass kommt auf einen Anteil von 16 Prozent.

          Bild: F.A.Z.-

          Allerdings sagen die nüchternen Zahlen nichts über die strategische Bedeutung des Rüstungssektors für Russland aus. In der Ostukraine sitzen hochspezialisierte Unternehmen, die Komponenten für russische Waffensysteme herstellen, diese warten und reparieren. Auf dem Rüstungssektor ist die Sowjetunion nie untergegangen, schließlich sind die Waffensysteme von damals weiter im Einsatz, Neuentwicklungen fußen auf sowjetischer Technik.

          Und vor allem gilt: Die Produktion ist wie früher auf mehrere Standorte verteilt – jetzt eben in mehreren Staaten. Das war immer das oberste Organisationsprinzip der Sowjetindustrie. Russland hat sich nach 1991 nicht sonderlich bemüht, daran etwas zu ändern. Nach dem Zerfall der Sowjetunion galt die fortdauernde Zusammenarbeit im Rüstungssektor als ein Garant guter Beziehungen mit den nunmehr unabhängigen Staaten.

          „Ja, wir werden ökonomische Verluste erleiden“

          Im Fall der Ukraine geht dieses Kalkül aber nicht mehr auf. Ende März hat die Übergangsregierung in Kiew entschieden, die militärische Zusammenarbeit mit Russland zu beenden. „Ja, wir werden ökonomische Verluste erleiden“, schrieb der neu eingesetzte Chef der Rüstungsholding Ukroboronprom in einem Zeitungsbeitrag, „aber wenigstens werden wir nicht mehr den Feind aufrüsten.“

          Es werde die neue Priorität der Unternehmen sein, sich auf die Bedürfnisse der ukrainischen Streitkräfte auszurichten; davon werde auch der Export profitieren. Noch ist ungewiss, wie konsequent Kiew diese Linie umsetzen kann. Viele Unternehmen hängen nicht nur von Aufträgen aus Russland ab, sie beziehen von dort auch Vorprodukte. Würde die Zusammenarbeit komplett eingestellt, wären Exportverträge mit anderen Staaten gefährdet. So berichteten etwa kroatische Medien, Wartungsarbeiten in der Ukraine würden sich verzögern. Es geht um mehrere MiG-21-Kampfflugzeuge und Mi-8-Transporthubschrauber, die in Sewastopol und Odessa überholt werden sollten.

          Im Westen wurde der von Kiew verfügte Handelsstopp kaum registriert. In Moskau meldete sich dagegen sofort der stellvertretende Ministerpräsident Dmitri Rogosin zu Wort, er ist für die Verteidigungsindustrie zuständig. Russland müsse seine Abhängigkeit von ausländischen Technologien und Lieferanten verringern, forderte Rogosin. Wenn es nur so einfach wäre!

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