http://www.faz.net/-gq5-7ac90
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 22.06.2013, 17:19 Uhr

Russland Die Macht und das Netz

Der Kreml ist offenbar daran interessiert, „VKontakte“, das russische Facebook, unter Kontrolle zu bringen. Putin-Unterstützer haben Anteile am Unternehmen erworben. Gründer Pawel Durow ist alarmiert.

von , Moskau
© REUTERS Der Kreml will VKontakte, das russische Facebook, künftig kontrollieren

Viel Geld“ trifft sich auch dieses Mal wieder in Sankt Petersburg. Auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in Russlands „Hauptstadt des Nordens“ wird schließlich nicht nur darüber gesprochen, wie man die Wirtschaft weltweit wieder ankurbeln könnte, sondern es werden auch ganz konkrete Geschäfte angebahnt und abgeschlossen. Illustre Wirtschaftsführer unterzeichnen im Rampenlicht Verträge oder Absichtserklärungen, paradieren vor den Kameras in teuren Anzügen und schwitzen bei Podiumsdiskussionen, wenn die Kleiderordnung nicht gerade ausgesetzt wird. Pawel Durow, ein schmächtiger junger Mann, gehört zumindest, was das Äußere angeht, nicht in diese Kategorie; er trägt am liebsten schwarze Kapuzenshirts, und wenn es zu heiß wird, begnügt er sich mit schwarzem Hemd, schwarzen Jeans und schwarzen Schuhen. Vor allem hält er sich lieber im Hintergrund, was aber nicht heißt, dass er in Russlands Wirtschaft nichts zu sagen hätte, vor allem bei den neuen Medien. Jedenfalls noch.

Durow ist das, was man einen Freak nennt, aber einer, des es faustdick hinter den Ohren hat, Spürsinn für Geschäfte besitzt - und deshalb ist er heute mit 29 Jahren ein reicher Freak. Einer, der vor Jahren andere, arme Freaks damit nervte, dass er aus dem Bürofenster gefaltete Fünftausendrubelscheine als Papierflieger segeln ließ und sich darüber amüsierte, dass sich Passanten darum balgten. Durow, den sie nach dem Facebook-Gründer den „russischen Mark Zuckerberg“ nennen, hatte vor sieben Jahren während seines Anglistikstudiums in Sankt Petersburg mit Kommilitonen - Facebook war damals in Russland für Nutzer noch nicht zugänglich - sein eigenes soziales Netzwerk „VKontakte“ gebastelt. Heute hat „VKontakte“ 210 Millionen registrierte Nutzer, von denen etwa 100 Millionen immer wieder aktiv sind, davon jeden Tag etwa 47 Millionen. Damit ist „VKontakte“ das größte in Europa entwickelte soziale Netzwerk - und angeblich zwei Milliarden Dollar wert.

In Sankt Petersburg wurde Durow am Donnerstag nicht auf den großen Podien, sondern auf einem Abendempfang der Mobiltelefongesellschaft Megafon gesichtet. Vor kurzem hieß es noch, er sei aus Russland geflohen; in der Schweiz und in London soll er gewesen sein. Der Grund: Die russischen Behörden hatten Anfang April ein Strafermittlungsverfahren wegen eines leichten Verkehrsunfalls eingeleitet, bei dem ein Polizist zu schaden kam. Durow, der seinen Ruf als Exzentriker auch mit der Behauptung pflegt, dass er nie Auto fahre, sondern nur die U-Bahn benutze, sollte am Steuer eines weißen Firmen-Mercedes gesessen haben, der den Polizisten angefahren hatte. Durow wurde aber vorläufig nur als Zeuge vorgeladen. Da man wisse, wie das enden könne, habe er es vorgezogen zu verschwinden, hieß es, nachdem Mitte April die Büroräume von „VKontakte“ in Sankt Petersburg durchsucht und Computer mitgenommen worden waren.

Plattform für Proteste

Dass Durow wieder an der Newa aufgetaucht ist, könnte mehrere Gründe haben. Das Strafermittlungsverfahren wurde vor kurzem von der gleichen Behörde, die zuvor behauptet hatte, er habe am Steuer des Unfallwagens gesessen, wieder eingestellt, weil sich angeblich keine eindeutigen Beweise zur Überführung des Täters hätten finden lassen. Hinzu kommt, dass ein Deal, der „VKontakte“ betraf, gegen den sich „Generaldirektor“ Durow ausgesprochen hatte und der sehr zeitnah zu dem Vorgehen der Behörden gegen Durow und „VKontakte“ durchgedrückt wurde, in trockenen Tüchern ist. Es ging dabei um die geplante Beteiligung an dem Netzwerk durch die Kapitalgruppe United Capital Partners (UCP), die von den Mitbegründern Wjatscheslaw Mirilaschwili und Lew Lewijew 48 Prozent der Anteile an „VKontakte“ erwarben. Chef von UCP ist Ilja Schtscherbowitsch, der zugleich in den Aufsichtsräten mehrerer großer Staatsunternehmen sitzt, darunter des staatlichen Ölriesen Rosneft, den kein geringerer als Präsident Putins Initimus Igor Setschin führt. Letzteren vermuteten Analysten und der Biograf Durows, Nikolaj Kononow, denn auch sofort als Paten des Geschäfts im Hintergrund.

Mehr zum Thema

Für viele Beobachter lag das politische Motiv auf der Hand: Das Bestreben des Kremls, das Netzwerk unter Kontrolle zu bringen. Denn das war in der Vergangenheit nicht immer gelungen. So, als der Inlandsgeheimdienst FSB während der Proteste nach der zugunsten der Regierungspartei gefälschten Parlamentswahl vom Dezember 2011 von Durow vergeblich verlangte, Unterstützerforen für einen der Anführer der Protestler, den Blogger Aleksej Nawalnyj, zu schließen. Das Ermittlungskomitee (SK) hat keinen Zweifel gelassen, dass solches Verhalten untragbar sei; im Internet werde das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat untergraben, sagte SK-Sprecher Wladimir Markin jüngst drohend. In der Duma wird an Gesetzen zur verschärften Kontrolle der Netzwerke gearbeitet.

Durow kann zwar vorläufig noch schalten und walten, denn ihm selbst gehören zwölf Prozent von „VKontakte“ und für 40 Prozent der Anteile, die im Besitz der Gruppe „mail.ru“ sind, die wiederum von dem Industriellen Alischer Usmanow kontrolliert wird, übt Durow das Stimmrecht aus. Aber das dürfte sich ändern, wenn es „Setschins Leuten“ gelingt, noch mehr Anteile an dem Netzwerk aufzukaufen.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Russlands Sport Doping, Lüge, Verrat

Jetzt geht es um alles: Details wie aus einem Thriller sollen Russlands Betrug bei Olympia in Sotschi beschreiben. Der Kreml schäumt, doch die Strategie des Sportministers droht zu scheitern. Mehr Von Christoph Becker

16.05.2016, 15:43 Uhr | Sport
Nach Vertreibung des IS Orchester spielt in den Ruinen von Palmyra

Das russische Mariinsky Theater aus St. Petersburg hat ein Überraschungskonzert in den Ruinen von Palmyra gegeben. Vor gut einem Monat waren IS-Milizen aus der antiken syrischen Stadt vertrieben worden. Mehr

06.05.2016, 13:53 Uhr | Feuilleton
Trending Topics manipuliert? Facebook verzichtet auf die Presse

Facebook verspricht, die Trending Topics seiner Nutzer besser zu ermitteln. Man verzichtet darauf, Trends mit Nachrichtenseiten abzugleichen. Ob Manipulationen ausgeschlossen sind, bleibt die Frage. Mehr

25.05.2016, 16:43 Uhr | Feuilleton
Internationale Kritik In Russland erscheint Schoko-Eis Obamka”

Ein Eis am Stiel sorgt in Russland für Diskussionen. Seit Mai ist das Schoko-Eis im Handel. Der Name: Kleiner Obama - auf russisch Obamka. Viele Russen finden das unangebracht. Mehr

20.05.2016, 08:58 Uhr | Gesellschaft
Weitere Nachrichten Amerikas Börsenaufsicht prüft Hypothekengeschäfte der Deutschen Bank

Die Börsenaufsicht SEC prüft Hypothekengeschäfte der Deutschen Bank. Zudem werden die Libor-Klagen gegen diese und andere Banken abermals verhandelt. Mehr

24.05.2016, 06:41 Uhr | Wirtschaft

Kleine Linke-Welt

Von Matthias Wyssuwa

Das mit der AfD hat für die Linke auch eine gute Seite. Der Aufstieg der Rechtspopulisten passt nämlich exzellent in ihre große Erzählung. Damit macht sie es sich einfach. Mehr 10 43