Home
http://www.faz.net/-hox-7ac90
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Russland Die Macht und das Netz

 ·  Der Kreml ist offenbar daran interessiert, „VKontakte“, das russische Facebook, unter Kontrolle zu bringen. Putin-Unterstützer haben Anteile am Unternehmen erworben. Gründer Pawel Durow ist alarmiert.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (7)
© REUTERS Vergrößern Der Kreml will VKontakte, das russische Facebook, künftig kontrollieren

Viel Geld“ trifft sich auch dieses Mal wieder in Sankt Petersburg. Auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in Russlands „Hauptstadt des Nordens“ wird schließlich nicht nur darüber gesprochen, wie man die Wirtschaft weltweit wieder ankurbeln könnte, sondern es werden auch ganz konkrete Geschäfte angebahnt und abgeschlossen. Illustre Wirtschaftsführer unterzeichnen im Rampenlicht Verträge oder Absichtserklärungen, paradieren vor den Kameras in teuren Anzügen und schwitzen bei Podiumsdiskussionen, wenn die Kleiderordnung nicht gerade ausgesetzt wird. Pawel Durow, ein schmächtiger junger Mann, gehört zumindest, was das Äußere angeht, nicht in diese Kategorie; er trägt am liebsten schwarze Kapuzenshirts, und wenn es zu heiß wird, begnügt er sich mit schwarzem Hemd, schwarzen Jeans und schwarzen Schuhen. Vor allem hält er sich lieber im Hintergrund, was aber nicht heißt, dass er in Russlands Wirtschaft nichts zu sagen hätte, vor allem bei den neuen Medien. Jedenfalls noch.

Durow ist das, was man einen Freak nennt, aber einer, des es faustdick hinter den Ohren hat, Spürsinn für Geschäfte besitzt - und deshalb ist er heute mit 29 Jahren ein reicher Freak. Einer, der vor Jahren andere, arme Freaks damit nervte, dass er aus dem Bürofenster gefaltete Fünftausendrubelscheine als Papierflieger segeln ließ und sich darüber amüsierte, dass sich Passanten darum balgten. Durow, den sie nach dem Facebook-Gründer den „russischen Mark Zuckerberg“ nennen, hatte vor sieben Jahren während seines Anglistikstudiums in Sankt Petersburg mit Kommilitonen - Facebook war damals in Russland für Nutzer noch nicht zugänglich - sein eigenes soziales Netzwerk „VKontakte“ gebastelt. Heute hat „VKontakte“ 210 Millionen registrierte Nutzer, von denen etwa 100 Millionen immer wieder aktiv sind, davon jeden Tag etwa 47 Millionen. Damit ist „VKontakte“ das größte in Europa entwickelte soziale Netzwerk - und angeblich zwei Milliarden Dollar wert.

In Sankt Petersburg wurde Durow am Donnerstag nicht auf den großen Podien, sondern auf einem Abendempfang der Mobiltelefongesellschaft Megafon gesichtet. Vor kurzem hieß es noch, er sei aus Russland geflohen; in der Schweiz und in London soll er gewesen sein. Der Grund: Die russischen Behörden hatten Anfang April ein Strafermittlungsverfahren wegen eines leichten Verkehrsunfalls eingeleitet, bei dem ein Polizist zu schaden kam. Durow, der seinen Ruf als Exzentriker auch mit der Behauptung pflegt, dass er nie Auto fahre, sondern nur die U-Bahn benutze, sollte am Steuer eines weißen Firmen-Mercedes gesessen haben, der den Polizisten angefahren hatte. Durow wurde aber vorläufig nur als Zeuge vorgeladen. Da man wisse, wie das enden könne, habe er es vorgezogen zu verschwinden, hieß es, nachdem Mitte April die Büroräume von „VKontakte“ in Sankt Petersburg durchsucht und Computer mitgenommen worden waren.

Plattform für Proteste

Dass Durow wieder an der Newa aufgetaucht ist, könnte mehrere Gründe haben. Das Strafermittlungsverfahren wurde vor kurzem von der gleichen Behörde, die zuvor behauptet hatte, er habe am Steuer des Unfallwagens gesessen, wieder eingestellt, weil sich angeblich keine eindeutigen Beweise zur Überführung des Täters hätten finden lassen. Hinzu kommt, dass ein Deal, der „VKontakte“ betraf, gegen den sich „Generaldirektor“ Durow ausgesprochen hatte und der sehr zeitnah zu dem Vorgehen der Behörden gegen Durow und „VKontakte“ durchgedrückt wurde, in trockenen Tüchern ist. Es ging dabei um die geplante Beteiligung an dem Netzwerk durch die Kapitalgruppe United Capital Partners (UCP), die von den Mitbegründern Wjatscheslaw Mirilaschwili und Lew Lewijew 48 Prozent der Anteile an „VKontakte“ erwarben. Chef von UCP ist Ilja Schtscherbowitsch, der zugleich in den Aufsichtsräten mehrerer großer Staatsunternehmen sitzt, darunter des staatlichen Ölriesen Rosneft, den kein geringerer als Präsident Putins Initimus Igor Setschin führt. Letzteren vermuteten Analysten und der Biograf Durows, Nikolaj Kononow, denn auch sofort als Paten des Geschäfts im Hintergrund.

Für viele Beobachter lag das politische Motiv auf der Hand: Das Bestreben des Kremls, das Netzwerk unter Kontrolle zu bringen. Denn das war in der Vergangenheit nicht immer gelungen. So, als der Inlandsgeheimdienst FSB während der Proteste nach der zugunsten der Regierungspartei gefälschten Parlamentswahl vom Dezember 2011 von Durow vergeblich verlangte, Unterstützerforen für einen der Anführer der Protestler, den Blogger Aleksej Nawalnyj, zu schließen. Das Ermittlungskomitee (SK) hat keinen Zweifel gelassen, dass solches Verhalten untragbar sei; im Internet werde das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat untergraben, sagte SK-Sprecher Wladimir Markin jüngst drohend. In der Duma wird an Gesetzen zur verschärften Kontrolle der Netzwerke gearbeitet.

Durow kann zwar vorläufig noch schalten und walten, denn ihm selbst gehören zwölf Prozent von „VKontakte“ und für 40 Prozent der Anteile, die im Besitz der Gruppe „mail.ru“ sind, die wiederum von dem Industriellen Alischer Usmanow kontrolliert wird, übt Durow das Stimmrecht aus. Aber das dürfte sich ändern, wenn es „Setschins Leuten“ gelingt, noch mehr Anteile an dem Netzwerk aufzukaufen.

  Weitersagen Kommentieren (9) Merken Drucken

22.06.2013, 17:19 Uhr

Weitersagen
 

Die Verlierer

Von Volker Zastrow

Die Sozialdemokraten blasen seit Monaten die Backen auf: Der Mindestlohn! Die Frührente! Die Energiewende! Und doch schlägt sich das in den Umfragen nicht nieder. Denn die Partei kreist vor allem um sich selbst. Ein Kommentar. Mehr 80 73