Home
http://www.faz.net/-gq5-7jics
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Rumänischer Offizier Pacepa Der Kronzeuge soll verstummen

Der rumänische Geheimdienstoffizier Pacepa floh 1978 nach Amerika. Ceauşescu setzte Killerkommandos auf ihn an. Bis heute hat Pacepa mächtige Feinde.

© AFP Ioan Pacepa drei Jahre vor seiner Flucht

Vor 35 Jahren verurteilte ein Gericht in Bukarest Ioan Mihai Pacepa wegen Hochverrats zum Tode, und der kommunistische Diktator Nicolae Ceauşescu setzte zwei Millionen Dollar für seine Ergreifung aus. Rumänische, libysche und palästinensische Killerkommandos schwärmten aus, um ihn in Amerika aufzuspüren. Am 28. Oktober feierte Pacepa seinen 85. Geburtstag.

Karl-Peter Schwarz Folgen:

Mit seiner Rehabilitierung in Rumänien, wo immer noch alte Seilschaften der Securitate an der Arbeit sind, rechnete er schon lange nicht mehr. Im September erreichte ihn jedoch ein Brief des Bukarester Instituts für die Untersuchung der kommunistischen Verbrechen, das der rumänischen Regierung untersteht. Das Institut lud ihn zu einer Serie von Konferenzen nach Rumänien ein. Pacepa, heißt es in dem Brief, habe maßgeblich „zur Entlarvung des verbrecherischen Wesens der kommunistischen Diktatur in Rumänien“ beigetragen. Dies sei sein „großer Tag“, schrieb Pacepa in einer E-Mail an seine Freunde. Er sei als erster Überläufer in der Zeit des Kalten Krieges offiziell rehabilitiert worden.

Generalleutnant Pacepa war der ranghöchste Geheimdienstoffizier des Ostblocks, der sich je in den Westen absetzte. Er war stellvertretender Direktor des rumänischen Auslandsgeheimdienstes DIE, Staatssekretär im Innenministerium und vor allem persönlicher Berater Ceauşescus. Es gab wenig, was er über den Aufbau, die Methoden und die Operationen des Geheimdienstes sowie dessen Verflechtungen mit dem KGB nicht wusste. Pacepa war nach einem Technikstudium 1951 für den Auslandsgeheimdienst rekrutiert worden. 1957 spionierte er unter dem Deckmantel eines Mitglieds der rumänischen Handelsmission in Frankfurt, wurde aber aufgrund drohender Enttarnung zurückberufen. In Bukarest übernahm er die Leitung der Industriespionage, die Ceauşescu besonders am Herzen lag.

Der Westen ließ sich gerne täuschen

1972 unterstellte Ceauşescu den Auslandsgeheimdienst direkt seiner Kontrolle und erhöhte die Zahl der Agenten von 1000 auf 3000. Aufgabe eines modernen Dienstes sei es, „den Kommunismus mit der politischen Hilfe, dem Geld und der Technologie des Westens aufzubauen“, sagte Ceauşescu zu Tito während eines Besuches auf der Adria-Insel Brioni. Um seine megalomanischen Industrialisierungspläne zu realisieren, gierte Ceauşescu nach westlichem Geld und westlicher Technologie. Tito riet ihm, „dem Westen freundlich zuzulächeln, das Maximum aus ihm herauszuholen und sich nicht vom Kapitalismus anstecken zu lassen“.

Pacepa weist immer wieder darauf hin, dass Moskau die Kontrolle über die abtrünnigen Satelliten Rumänien und Jugoslawien in Wirklichkeit nie gänzlich verlor. Im Gegenteil, die von Ceauşescu geschickt ins Licht gerückte Unabhängigkeit Rumäniens von der Sowjetunion sei das „trojanische Pferd“ gewesen, mit dem er im eigenen und im russischen Interesse den Westen täuschte.

Und der Westen ließ sich gerne täuschen, denn viele hofften damals, dass sich der Ostblock aufgrund der nationalen Autonomiebestrebungen der kommunistischen Länder von selbst desintegrieren würde. Am 24. Juli 1978 begleitete Pacepas Tochter Dana ihren Vater zum Flughafen. Sie konnte nicht ahnen, dass sie ihn viele Jahre lange nicht mehr sehen würde.

Elena Ceauşescu nahm die Zügel in die Hand

In seinem Koffer hatte der Generalleutnant einen Brief Ceauşescus an Helmut Schmidt. Ceauşescu wollte erreichen, dass Schmidt einem Joint Venture mit Rumänien bei Fokker zustimmt. Er werde, versprach der Diktator, garantiert keine technischen Details über senkrechtstartende Flugzeuge an Moskau weitergeben. Die rumänische Botschaft hatte bereits ein Treffen Pacepas mit Hans-Jürgen Wischnewski vereinbart, damals Staatsminister im Bundeskanzleramt. Doch dazu kam es nicht. Pacepa läutete am Tor der amerikanischen Botschaft in Bonn und beantragte politisches Asyl. Er verließ Deutschland an Bord einer Hercules der amerikanischen Luftwaffe, die ihn am 28. Juli nach Washington brachte.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fußballmuseum: Fundstück 4 Beschreibung eines möglichen Mordes

Verblitzen: Es war die Staatssicherheit der DDR, die diesen Begriff in die deutsche Sprache einführte. Das Wort zum Mord bezog sich auf den in den Westen geflohenen Fußballer Lutz Eigendorf, dessen Tod bis heute ungeklärt ist. Mehr Von Andreas Platthaus

16.08.2015, 09:30 Uhr | Feuilleton
Rumänien Ein Kater zum Chef

Boss", ein Kater im Anzug, ist das neue Gesicht einer kleinen Firma mit Sitz in Bukarest, die Geschenkartikel verkauft. In Rumänien ist Boss bereits ein Internet-Star. Mehr

20.06.2015, 10:55 Uhr | Gesellschaft
Zentralbanker der Welt Umzingelt in Jackson Hole

Jedes Jahr treffen sich die einflussreichsten Zentralbanker der Welt in Wyoming. Diesmal könnte es ungemütlich werden. Sie bekommen Konkurrenz von links und rechts. Mehr Von Winand von Petersdorff, Washington

27.08.2015, 03:53 Uhr | Wirtschaft
Bochum Seite 2 - Was ist Pott

Tief im Westen - Eine Webreportage in vier Kapiteln Mehr

25.06.2015, 02:58 Uhr | Politik
Westliche Einflussnahme Der Albtraum ukrainischer Politiker

Eigentlich prowestliche Politiker in der Ukraine werfen Deutschland und Frankreich vor, den Einfluss Moskaus in ihrem Land zu verewigen. So werde die reformierte Verfassung zur Waffe der Russen. Was ist da dran? Mehr Von Konrad Schuller, Kiew

17.08.2015, 06:32 Uhr | Politik

Veröffentlicht: 16.11.2013, 16:46 Uhr

Osteuropa darf sich nicht verkriechen

Von Thomas Gutschker

Der Flüchtlingsstrom zieht in eine Richtung – in den Norden. Der Osten Europas hat bisher nur wenige Menschen aufgenommen. Es wird Zeit für mehr Solidarität und ein faires Quotensystem für Flüchtlinge in der EU. Mehr 21