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Rumänien : Die unvollendete Revolution

Rumänische Demonstranten vor der Zentrale der kommunistischen Partei in Bukarest am 22. Dezember 1989. Mehr als 1000 Rumänen wurden in den Kämpfen zwischen Demonstranten und Ceausecus Geheimdiensttruppen Securitate getötet. Bild: Reuters

Vor 25 Jahren stürzte der rumänische Diktator Ceauşescu. Die Revolution, die 1989 mit blutigen Kämpfen das Land in Chaos und Gewalt stürzte, blieb unvollendet. Die Kommunisten waren weiterhin an der Macht.

          In Rumänien ging das Jahr 1989 mit einem blutigen Umsturz zu Ende. Anderswo in Ostmittel- und Südosteuropa waren die Revolutionen auf Samt gebettet. Nur in Rumänien fuhren Panzer auf, schossen Soldaten auf die Menge, versank das Land in Chaos und Gewalt. Nach offiziellen Angaben wurden 1104 Menschen getötet und 3352 verletzt. Die meisten Opfer waren junge Männer im Alter von 17 bis 25 Jahren.

          Karl-Peter Schwarz

          Korrespondent für die Tschechische Republik, die Slowakei, Rumänien, Slowenien, Kroatien, Montenegro und Albanien mit Sitz in Wien.

          Am 22. Dezember 1989, kurz nach Mittag, flüchteten Nicolae und Elena Ceauşescu in einem Hubschrauber vom Dach des Gebäudes des Zentralkomitees, das von wütenden Demonstranten gestürmt wurde. Eine scheinbar aus dem Nichts aufgetauchte „Nationale Rettungsfront“ (FSN), die aus Kadern des alten Regimes, Sprösslingen der Nomenklatura sowie Offizieren der Armee und der Securitate bestand, übernahm die Macht. An die Stelle der Diktatur trat eine autokratische kollektive Führung mit Ion Iliescu an der Spitze, einem ehemaligen Sekretär des Zentralkomitees, den Ceauşescu einst als „Abweichler“ gefeuert hatte. Das rumänische Fernsehen, bis zur Flucht des Diktators sein willfähriges Propagandainstrument, wurde der Kontrolle der FSN unterstellt und begann die laufenden Ereignisse direkt zu übertragen. Das Fernsehen war nun die wichtigste Waffe in den Händen neuen Machthaber, es machte sie den Rumänen bekannt und verlieh ihrem Putsch den Anschein von Legitimität.

          In der Reality Show, die rund um die Uhr gesendet wurde, verwischten sich die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Nur eine Minderheit der Rumänen nahm an den revolutionären Ereignissen teil, die meisten erlebten sie vor dem Fernsehgerät. Die Reality Show verbreitete Proklamationen und Gerüchte, schürte die Massenpanik, warnte vor fiktiven „Terroristen“ und mahnte die Nation zu Einheit und Geschlossenheit. Sie trug am meisten zu dem Chaos bei, das nun einsetzte. Aus Furcht vor den nicht existierenden Terroristen schossen Soldaten und bewaffnete Zivilisten aufeinander. Die meisten Opfer, 942 Tote und 2251 Verletzte, gab es erst nach der Flucht Ceauşescus. Umstritten ist, ob die Putschisten in diesem Chaos Urheber oder Getriebene waren. Politisch profitiert haben sie von ihm allemal.

          Wie bei der Französischen und Russischen Revolution

          Anders als die Umwälzungen in Polen, in Ungarn oder in der Tschechoslowakei entsprach die rumänische Revolution den großen alten Erzählungen der Französischen und der Russischen Revolution. Ein hungerndes, frierendes Volk erhob sich gegen einen im Luxus prassenden Diktator und seine Familie, die jeden Bezug zur Wirklichkeit verloren und sich nur noch mit korrupten Speichelleckern, Kriminellen und Hofnarren umgaben. Auf Ceauşescu, den eitlen „Conducator“, der sich als Insignie seiner Macht sogar ein Zepter zugelegt hatte, passte das Urteil, das Karl Marx einst über Louis Napoléon fällte: Er war ein Hanswurst, der seine eigene Komödie mit der Weltgeschichte verwechselte und seiner Anschauung der Welt zum Opfer fiel. Was sich im Dezember 1989 in Rumänien ereignete, drängt den Vergleich mit 1789 und der Oktoberrevolution geradezu auf: Die Erstürmung des Gebäudes des Zentralkomitees erinnerte an jene der Bastille und des Winterpalais, die Flucht Nicolae und Elena Ceauşescus mit einem Hubschrauber aus Bukarest an die heimliche Kutschenfahrt nach Varennes, ihre Erschießung in einem Kasernenhof an das Ende des Königspaares unter der Guillotine und an das Massaker an der Zarenfamilie in Jekaterinburg.

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