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Roma : Ziganismus und Antiziganismus

Unbeschwertheit: Roma-Kinder in Berlin Bild: dpa

Debatten über Roma sind noch immer vermintes Gelände. Rasch fällt das Wort „Antiziganismus“. So auch auf einer Konferenz zur Bildungssituation der Roma in Bonn.

          Bis vor einigen Jahren ließ sich scheinbar noch alles fein säuberlich trennen. Die etwa zwölf Millionen Roma lebten vor allem in Südosteuropa, also lag dort auch die Verantwortung für ihre Misere. Doch so simpel ist es nicht mehr. Durch die Debatten über „Problemhäuser“ in Ruhrgebiets-Städten oder die steigende Zahl von Asylbewerbern ist die Diskussion über „Europas größte Minderheit“ in Nordwesteuropa angekommen - von „Einwanderung in die Sozialsysteme“ ist die Rede.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Ob eine Massenauswanderung aus den Sozialsystemen Bulgariens und Rumäniens tatsächlich in nennenswertem Maße bevorsteht, wenn vom 1. Januar 2014 an die Bürger dieser Länder, also auch die Roma, die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit in allen EU-Staaten genießen, ist indes zweifelhaft. Schon bevor 2011 für Polen und andere osteuropäische EU-Staaten die Freizügigkeit in Kraft trat, waren ähnliche Ängste artikuliert, zum Teil auch geschürt worden. Doch obwohl es sich damals um ein weitaus größeres Kontingent potentieller Zuwanderer handelte (Polen allein hat zehn Millionen Einwohner mehr als Bulgarien und Rumänien zusammen), kam es nicht zu einem Massenansturm. Sollte es nun anders sein? Um das zu verhindern, müsse die Lage der Roma in ihren Heimatländern verbessert, müsse vor allem ihr Zugang zum Bildungssystem verbessert werden, heißt es oft.

          Darum ging es bei einer von der Deutschen Welle und der Südosteuropa-Gesellschaft ausgerichteten zweitägigen Konferenz in Bonn: „Zur Bildungssituation von Roma in (und aus) Südosteuropa - Anspruch und Wirklichkeit“. Die Vorträge von internationalen Fachleuten bei dieser Konferenz waren größtenteils exzellent und lehrreich. Doch wurde auch deutlich, dass Debatten über Roma noch immer ein vermintes Gelände sind. Manch einer trägt die eigenen Ansichten mit nahezu religiöser Inbrunst vor, und rasch fällt das Stichwort vom „Antiziganismus“. Neben Wissenschaftlern, die sich dem Thema mit empirischen Kenntnissen und Interesse an der Wahrheitsfindung nähern, sind auch Glaubenskrieger am Werke. Mitunter werden durch die (vermeintliche) Dekonstruktion von Vorurteilen einfach nur neue etabliert.

          Klischees und Ungenauigkeiten

          Ein Beispiel lieferte in Bonn ein vor Klischees und Ungenauigkeiten strotzender Vortrag des Grünen-Politikers Romeo Franz, der bei den Bundestagswahlen Kandidat seiner Partei in Ludwigsburg war und im Erfolgsfall der erste Sinto im deutschen Parlament gewesen wäre. Im April war Franz mit seiner Parteichefin Claudia Roth für drei Tage in Bulgarien und Serbien gewesen, um sich über die Lage der Roma zu informieren. „Ich war das erste Mal dort und konnte mir einen Eindruck verschaffen, wie die Menschen dort leben“, sagte Franz. Doch was er dann vortrug, hatte mit der Wirklichkeit Serbiens und Bulgariens nur partiell zu tun. Tiefpunkt seiner Ausführungen war die alte Räuberlegende, Serben und Bulgaren würden Roma-Kinder als „braunes Gold“ bezeichnen, weil man ihnen die Organe entnehmen und sie an reiche Abnehmer verkaufen könne.

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