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Roma-Clans : Elend als Geschäftsmodell

  • -Aktualisiert am

Klischee, helle Variante: „Zigeuner am Strand“ von Guillermo Gomez y Gil Bild: (c) Sotheby's / akg-images

In vielen Roma-Clans gebieten schwerreiche Chefs über bettelarme Untergebene. Die Chefs nutzen die Not ihrer eigenen Leute aus, besonders die der Kinder, und tun alles dafür, dass das so bleibt.

          Immer mehr Roma aus Bulgarien und Rumänien kommen nach Deutschland und treiben die Sozialausgaben der Kommunen in die Höhe - darum geht es in der Debatte über die Armutseinwanderung. Es ist richtig, dabei auf die extreme Armut der Roma in ihren Herkunftsländern hinzuweisen. Zu Zeiten des Kommunismus fanden sie noch Arbeit in den staatlichen Betrieben. Seit der Wende aber sind sie komplett aus der Gesellschaft ausgeschlossen, haben den Boden unter den Füßen verloren.

          Die bittere Armut ist aber nur eine Facette des Problems. Eine andere wird oft verschwiegen: Die Roma, die in den Westen kommen, sind oft Teil eines lukrativen Geschäftsmodells. Die Hintermänner dieses Geschäfts sind selbst Roma. Sie stehen in der Hierarchie der Clans ganz oben. Sie sind die Clanchefs. Nicht alle nutzen die Not ihrer Leute aus, aber viele. Die, die es tun, leben nicht in extremer Armut, sondern in extremem Reichtum. In ihren Dörfern bauen sie sich Villen, in ihren Garagen stehen Mercedes.

          “Darüber spricht aber kaum jemand. Weil keiner die Roma noch mehr in Verruf bringen will“, sagt der Sozialpädagoge Norbert Ceipek. In Wien leitet er die „Drehscheibe Augarten“, ein Krisenzentrum, das sich um ausländische Kinder und Jugendliche kümmert, die ohne Eltern aufgegriffen wurden. Die meisten der Kinder sind Roma. Sie sind in Wien, um zu betteln oder zu stehlen. Einst kamen jedes Jahr Hunderte, inzwischen sind es weniger. „Wir haben zusammen mit den Regierungen der Herkunftsländer ein System entwickelt, mit dem wir die Hintermänner schnell ermitteln können“, sagt Ceipek, der seit Jahren Daten über die Kinder sammelt. Wien ist deshalb kein interessantes Pflaster mehr. Die Kinder werden jetzt vor allem nach Deutschland geschickt.

          Eine prunkvolle Villa inmitten von Hütten

          Ceipek öffnet in seinem Computer eine Fotodatei, um zu erklären, was er mit „Hintermänner“ meint. Bilder eines Roma-Dorfes in Rumänien: Hütten, zusammengezimmert aus Brettern und Plastikplanen, Schotterwege voller Müll. Mittendrin eine prunkvolle mehrstöckige Villa. Sie gehört dem Clanchef. Ceipek erzählt, wie er, eskortiert von der rumänischen Polizei, in dieses Dorf fuhr und den Chef traf. „Der Mann hatte ein großes Bedürfnis, mir seinen Reichtum vorzuführen: die Goldketten, den Audi, den sündhaft teuren Mercedes. Am eindrucksvollsten aber war der Pferdestall. Die Pferde standen auf Marmorboden.“

          Solche Clanchefs regieren ihre Dörfer wie einen Staat im Staat, mit eigenen Regeln und Gesetzen. „Die Polizisten, die mich in das Dorf begleiteten, ließen ihre Waffen auf der Wache zurück, weil der Clanchef das so wollte.“ Die Clanchefs bestimmen auch, wer von den Untergebenen arbeiten, wer heiraten und wer in die Schule gehen darf. „Ab einer gewissen Hierarchiestufe werden die Leute bewusst von Bildung ferngehalten“, sagt Ceipek. „Die meisten Roma in diesen Dörfern sind Analphabeten, so lassen sie sich besser manipulieren.“ Die Clanchefs achten darauf, dass das Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihnen und ihren Untergebenen für immer bestehen bleibt. Deshalb glaubt Ceipek auch nicht, dass wohlgemeinte EU-Projekte an der Situation etwas ändern können. „Die Chefs haben überall ihre Finger drin. Sie kontrollieren auch die Organisation vor Ort, die das EU-Projekt durchführt.“

          Die Abhängigkeiten schaffen auch die Grundlage für das Geschäftsmodell Kinderhandel, mit dem die Clanchefs Millionen von Euro verdienen. Norbert Ceipek weiß wie kaum ein anderer über dieses Geschäftsmodell Bescheid. Er wird von der OSZE, von der Schweizer Bundespolizei, von Lichtenstein, Deutschland oder Frankreich zu Vorträgen und Schulungen eingeladen. Er sagt: „Mich interessiert nur die Frage, wie ich die Kinder besser schützen kann.“ Ceipek spricht offen. Er ist nicht diplomatisch, weil Diplomatie seiner Meinung nach nur die Hintermänner schützt.

          Ein Kind, das Geld verdiene, genieße hohen Respekt

          Eigentlich funktioniert das Geschäft ganz einfach: Der Clanchef lässt seine Kuriere ständig in seinen Dörfern patrouillieren. Die Kuriere treten gönnerhaft auf, einer Familie bringen sie zum Beispiel Hustensaft für das kranke Kind mit. Ein paar Tage später klopfen sie wieder an: „Wir haben euch vor einiger Zeit mit dem Hustensaft geholfen. Jetzt braucht der Chef dringend Geld. Kannst du uns den Hustensaft zurückzahlen?“ Aber der Vater hat kein Geld. „Dann leih uns wenigstens für ein paar Monate drei deiner Kinder aus.“ Der Vater willigt ein, obwohl er ahnt, was seinen Kindern blüht. Er ist froh, dass er drei Mäuler weniger zu stopfen hat. Und er hat Angst, aus der Gemeinschaft ausgestoßen zu werden, sollte er sich weigern.

          „Für einen Roma ist sein Clan überlebenswichtig“, sagt Ceipek. Die Kuriere klopfen an diesem Tag vielleicht bei fünf Familien an, haben am Schluss vielleicht 15 Kinder, die meisten nicht älter als 13 Jahre, weil mit 14 in Deutschland und Österreich die Strafmündigkeit beginnt. Die Kinder: Schon früh, noch bevor sie in den Westen müssen, bekommen viele von ihren Eltern zu hören: „Warum willst du in die Schule gehen? Wir waren auch nicht in der Schule, wir haben mit zwölf schon Geld verdient.“ Ein Kind, das Geld verdiene, genieße bei den Roma höchsten Respekt, sagt Ceipek. Er erzählt von einem Mädchen, das unter der Woche in Wien betteln musste und am Wochenende an zwei Türken vermietet wurde.

          Die Türken verkauften es wiederum stundenweise an Freier weiter. „Das Kind saß hier bei mir im Büro“, sagt Ceipek. „Es sagte mir: ,Mein Papa verdient 120 Euro im Monat, ich 150 an einem Wochenende. Ich werde das bestimmt wieder machen.’ Das Mädchen fühlte sich nicht als Opfer. Ein Teil in dem Kind war zerstört, aber ein anderer Teil war sehr stolz.“ Viele Kinder, die von der Polizei in Ceipeks Krisenzentrum gebracht werden, laufen am nächsten Tag wieder weg.

          Die Kinder fahren meistens in Dreier- oder Fünfergruppen mit den Fernbuslinien nach Westeuropa. Jede Gruppe wird von einer Frau begleitet. Ceipek nennt diese Frauen „Aufpasserinnen“. Bevor die Gruppen losfahren, organisieren Mittelsmänner am Zielort die Unterkunft. Auch die Mittelsmänner sind Roma und gehören wie die Kuriere und Aufpasserinnen zum engsten Kreis des Clanchefs.

          Die Unterkunft ist nicht viel mehr als ein erbärmliches Loch. Oft ein einziges Zimmer mit ein paar Matratzen am Boden in einem Massenquartier. Vor einigen Wochen wurde so ein Massenquartier mitten in Wien von der Polizei geräumt. Rund 150 Menschen lebten dort, Roma, die ihr Geld als Tagelöhner, Bettler oder Zeitschriftenverkäufer verdienten. Das Haus ist bereits wieder bewohnt. Auch in anderen deutschen und österreichischen Städten gibt es Brachen und Abbruchhäuser, bei denen es ganz ähnlich abläuft.

          Die Aufpasserin lässt ihre Gruppe nie aus den Augen. Tagsüber sitzt sie in einem Café oder auf einer Parkbank, während die Kinder in der Nähe betteln oder stehlen. Wird eines der Kinder von der Polizei aufgegriffen, erscheint Minuten später die Aufpasserin mit einer notariell beglaubigten Urkunde, die sie als rechtmäßige Aufsichtsperson ausweist. „Sie zieht eine Riesenshow ab“, sagt Ceipek. „Sie weint und entschuldigt sich hundert Mal für das böse Kind. Irgendwann lassen die Polizisten das Kind wieder laufen.“ Abends kassiert die Aufpasserin von den Kindern das Geld, nachts schläft sie neben ihnen auf einer Matratze. Am Ende des Monats übergibt die Aufpasserin das Geld an die Mittelsmänner.

          „Und das ist nur das Geschäft mit den Kindern“

          “Jedes Kind muss pro Tag 350 Euro abliefern“, sagt Ceipek. „Man kann sich dann ausrechnen, wie viel ein einziger Clanchef im Jahr verdient, wenn vielleicht 70 oder mehr Kinder für ihn in verschiedenen Städten unterwegs sind. Und das ist nur das Geschäft mit den Kindern.“ Kinder, die flink und erfolgreich sind, werden von der Aufpasserin und den Mittelsmännern gelobt und gehätschelt, sie fühlen sich stark und überlegen. Wenn ein Kind das Soll nicht erfüllt, bekommt die Aufpasserin Stress, weil sie dann den Mittelsmännern am Monatsende nicht die festgesetzte Summe übergeben kann.

          Das Kind wird dann für ein paar Tage an Freier weitervermietet, um dazuzuverdienen. „Ich hatte einmal ein Mädchen bei mir, das für längere Zeit an zwei Serben verkauft wurde“, sagt Ceipek. „Die zwei wohnten in einer heruntergekommenen Wohnung. Das Mädchen musste für sie kochen und putzen. Und nachts schlief es im selben Schlafzimmer wie die Serben, sie musste auf dem nackten Fußboden liegen. Wenn einer der Männer mit dem Finger schnippte, musste sie zu ihm ins Bett steigen.“

          Bevor die drei Monate um sind, die man als Fremder ohne Anmeldung in Österreich oder Deutschland verbringen darf, fährt die Aufpasserin mit ihrer Gruppe zurück ins Dorf. Die Kinder besuchen für ein paar Tage ihre Eltern. Dann müssen sie wieder in den Westen, meist in eine andere Stadt, zusammen mit anderen Kindern und einer anderen Aufpasserin. „Wer einmal in dem Kreislauf drin ist, kommt nicht mehr raus“, so Ceipek. Der Clanchef findet Wege, die Eltern der Kinder in immer neue Schulden zu verwickeln. Wenn die Mädchen älter sind, 15 oder 16, werden sie an einen anderen Clan weiterverkauft. Der neue Clan zahlt eine hohe Summe, dafür erwartet er von den Mädchen, dass sie viele Kinder gebären. „Die Mädchen müssen Kinder buchstäblich produzieren“, sagt Ceipek. Nur so bleibt das Geschäftsmodell am Laufen.

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