http://www.faz.net/-gq5-776aj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 24.02.2013, 11:44 Uhr

Roma-Clans Elend als Geschäftsmodell

In vielen Roma-Clans gebieten schwerreiche Chefs über bettelarme Untergebene. Die Chefs nutzen die Not ihrer eigenen Leute aus, besonders die der Kinder, und tun alles dafür, dass das so bleibt.

von Yvonne Staat
© (c) Sotheby's / akg-images Klischee, helle Variante: „Zigeuner am Strand“ von Guillermo Gomez y Gil

Immer mehr Roma aus Bulgarien und Rumänien kommen nach Deutschland und treiben die Sozialausgaben der Kommunen in die Höhe - darum geht es in der Debatte über die Armutseinwanderung. Es ist richtig, dabei auf die extreme Armut der Roma in ihren Herkunftsländern hinzuweisen. Zu Zeiten des Kommunismus fanden sie noch Arbeit in den staatlichen Betrieben. Seit der Wende aber sind sie komplett aus der Gesellschaft ausgeschlossen, haben den Boden unter den Füßen verloren.

Die bittere Armut ist aber nur eine Facette des Problems. Eine andere wird oft verschwiegen: Die Roma, die in den Westen kommen, sind oft Teil eines lukrativen Geschäftsmodells. Die Hintermänner dieses Geschäfts sind selbst Roma. Sie stehen in der Hierarchie der Clans ganz oben. Sie sind die Clanchefs. Nicht alle nutzen die Not ihrer Leute aus, aber viele. Die, die es tun, leben nicht in extremer Armut, sondern in extremem Reichtum. In ihren Dörfern bauen sie sich Villen, in ihren Garagen stehen Mercedes.

“Darüber spricht aber kaum jemand. Weil keiner die Roma noch mehr in Verruf bringen will“, sagt der Sozialpädagoge Norbert Ceipek. In Wien leitet er die „Drehscheibe Augarten“, ein Krisenzentrum, das sich um ausländische Kinder und Jugendliche kümmert, die ohne Eltern aufgegriffen wurden. Die meisten der Kinder sind Roma. Sie sind in Wien, um zu betteln oder zu stehlen. Einst kamen jedes Jahr Hunderte, inzwischen sind es weniger. „Wir haben zusammen mit den Regierungen der Herkunftsländer ein System entwickelt, mit dem wir die Hintermänner schnell ermitteln können“, sagt Ceipek, der seit Jahren Daten über die Kinder sammelt. Wien ist deshalb kein interessantes Pflaster mehr. Die Kinder werden jetzt vor allem nach Deutschland geschickt.

Eine prunkvolle Villa inmitten von Hütten

Ceipek öffnet in seinem Computer eine Fotodatei, um zu erklären, was er mit „Hintermänner“ meint. Bilder eines Roma-Dorfes in Rumänien: Hütten, zusammengezimmert aus Brettern und Plastikplanen, Schotterwege voller Müll. Mittendrin eine prunkvolle mehrstöckige Villa. Sie gehört dem Clanchef. Ceipek erzählt, wie er, eskortiert von der rumänischen Polizei, in dieses Dorf fuhr und den Chef traf. „Der Mann hatte ein großes Bedürfnis, mir seinen Reichtum vorzuführen: die Goldketten, den Audi, den sündhaft teuren Mercedes. Am eindrucksvollsten aber war der Pferdestall. Die Pferde standen auf Marmorboden.“

Solche Clanchefs regieren ihre Dörfer wie einen Staat im Staat, mit eigenen Regeln und Gesetzen. „Die Polizisten, die mich in das Dorf begleiteten, ließen ihre Waffen auf der Wache zurück, weil der Clanchef das so wollte.“ Die Clanchefs bestimmen auch, wer von den Untergebenen arbeiten, wer heiraten und wer in die Schule gehen darf. „Ab einer gewissen Hierarchiestufe werden die Leute bewusst von Bildung ferngehalten“, sagt Ceipek. „Die meisten Roma in diesen Dörfern sind Analphabeten, so lassen sie sich besser manipulieren.“ Die Clanchefs achten darauf, dass das Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihnen und ihren Untergebenen für immer bestehen bleibt. Deshalb glaubt Ceipek auch nicht, dass wohlgemeinte EU-Projekte an der Situation etwas ändern können. „Die Chefs haben überall ihre Finger drin. Sie kontrollieren auch die Organisation vor Ort, die das EU-Projekt durchführt.“

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Architektur-Biennale in Venedig Sind unsere Städte am Ende?

Sie wurden verdächtigt, den kommenden Aufstand geschrieben zu haben, und als Terroristen verhaftet. Jetzt erklären die Aktivisten von Tarnac die Stadt für tot und bauen experimentelle Siedlungen auf dem Land. Mehr Von Niklas Maak

24.05.2016, 06:24 Uhr | Feuilleton
Syrien Dutzende Tote bei Luftangriff auf Klinik in Aleppo

Bei Luftangriffen auf ein Krankenhaus im Rebellengebiet der nordsyrischen Stadt Aleppo sind nach Informationen der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zahlreiche Menschen getötet worden. Unter den Opfern des Angriff in der Nacht zum Donnerstag seien auch drei Kinder und ein Kinderarzt, teilte die in Großbritannien ansässige oppositionsnahe Organisation mit. Mehr

29.04.2016, 16:15 Uhr | Politik
Flüchtlingslager als Attraktion Das Open Air von Idomeni

Das Flüchtlingslager in Idomeni ist zur Attraktion für Touristen und Sinnsucher geworden. Die Menschen kommen, helfen oder auch nicht. Und alle haben gute Absichten. Mehr Von Antje Stahl

23.05.2016, 10:26 Uhr | Feuilleton
Wien Erleichterung nach Van-der-Bellen-Sieg

Der ehemalige Grünen-Chef Alexander Van der Bellen ist in Österreich zum Bundespräsidenten gewählt worden. Er setzte sich knapp gegen Norbert Hofer von der rechtspopulistischen FPÖ durch. Der Ausgang der Bundespräsidentenwahl war mit Spannung verfolgt worden. Darin sähe van der Bellen ein gutes Zeichen, sagte er unmittelbar nach Bekanntwerden der Wahlergebnisse. Mehr

24.05.2016, 15:16 Uhr | Politik
Prozess in Darmstadt Mann gesteht Missbrauch im Kindergarten

Ein Mann hat in einer Kita Mädchen unsittlich berührt. Vor Gericht sagt der junge Mann: Ich weiß, dass es dumm war. Eltern schildern, welche Folgen die Taten für ihre Kinder haben. Mehr

13.05.2016, 14:37 Uhr | Rhein-Main

Anleitung zur Reparatur

Von Jasper von Altenbockum

Die SPD hält das Integrationsgesetz für ein neues Einwanderungsgesetz. Warum nur? Beim Thema Einwanderung geht es um eine ganz andere Frage. Mehr 164