Home
http://www.faz.net/-hox-776aj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Roma-Clans Elend als Geschäftsmodell

In vielen Roma-Clans gebieten schwerreiche Chefs über bettelarme Untergebene. Die Chefs nutzen die Not ihrer eigenen Leute aus, besonders die der Kinder, und tun alles dafür, dass das so bleibt.

© (c) Sotheby's / akg-images Vergrößern Klischee, helle Variante: „Zigeuner am Strand“ von Guillermo Gomez y Gil

Immer mehr Roma aus Bulgarien und Rumänien kommen nach Deutschland und treiben die Sozialausgaben der Kommunen in die Höhe - darum geht es in der Debatte über die Armutseinwanderung. Es ist richtig, dabei auf die extreme Armut der Roma in ihren Herkunftsländern hinzuweisen. Zu Zeiten des Kommunismus fanden sie noch Arbeit in den staatlichen Betrieben. Seit der Wende aber sind sie komplett aus der Gesellschaft ausgeschlossen, haben den Boden unter den Füßen verloren.

Die bittere Armut ist aber nur eine Facette des Problems. Eine andere wird oft verschwiegen: Die Roma, die in den Westen kommen, sind oft Teil eines lukrativen Geschäftsmodells. Die Hintermänner dieses Geschäfts sind selbst Roma. Sie stehen in der Hierarchie der Clans ganz oben. Sie sind die Clanchefs. Nicht alle nutzen die Not ihrer Leute aus, aber viele. Die, die es tun, leben nicht in extremer Armut, sondern in extremem Reichtum. In ihren Dörfern bauen sie sich Villen, in ihren Garagen stehen Mercedes.

“Darüber spricht aber kaum jemand. Weil keiner die Roma noch mehr in Verruf bringen will“, sagt der Sozialpädagoge Norbert Ceipek. In Wien leitet er die „Drehscheibe Augarten“, ein Krisenzentrum, das sich um ausländische Kinder und Jugendliche kümmert, die ohne Eltern aufgegriffen wurden. Die meisten der Kinder sind Roma. Sie sind in Wien, um zu betteln oder zu stehlen. Einst kamen jedes Jahr Hunderte, inzwischen sind es weniger. „Wir haben zusammen mit den Regierungen der Herkunftsländer ein System entwickelt, mit dem wir die Hintermänner schnell ermitteln können“, sagt Ceipek, der seit Jahren Daten über die Kinder sammelt. Wien ist deshalb kein interessantes Pflaster mehr. Die Kinder werden jetzt vor allem nach Deutschland geschickt.

Eine prunkvolle Villa inmitten von Hütten

Ceipek öffnet in seinem Computer eine Fotodatei, um zu erklären, was er mit „Hintermänner“ meint. Bilder eines Roma-Dorfes in Rumänien: Hütten, zusammengezimmert aus Brettern und Plastikplanen, Schotterwege voller Müll. Mittendrin eine prunkvolle mehrstöckige Villa. Sie gehört dem Clanchef. Ceipek erzählt, wie er, eskortiert von der rumänischen Polizei, in dieses Dorf fuhr und den Chef traf. „Der Mann hatte ein großes Bedürfnis, mir seinen Reichtum vorzuführen: die Goldketten, den Audi, den sündhaft teuren Mercedes. Am eindrucksvollsten aber war der Pferdestall. Die Pferde standen auf Marmorboden.“

Solche Clanchefs regieren ihre Dörfer wie einen Staat im Staat, mit eigenen Regeln und Gesetzen. „Die Polizisten, die mich in das Dorf begleiteten, ließen ihre Waffen auf der Wache zurück, weil der Clanchef das so wollte.“ Die Clanchefs bestimmen auch, wer von den Untergebenen arbeiten, wer heiraten und wer in die Schule gehen darf. „Ab einer gewissen Hierarchiestufe werden die Leute bewusst von Bildung ferngehalten“, sagt Ceipek. „Die meisten Roma in diesen Dörfern sind Analphabeten, so lassen sie sich besser manipulieren.“ Die Clanchefs achten darauf, dass das Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihnen und ihren Untergebenen für immer bestehen bleibt. Deshalb glaubt Ceipek auch nicht, dass wohlgemeinte EU-Projekte an der Situation etwas ändern können. „Die Chefs haben überall ihre Finger drin. Sie kontrollieren auch die Organisation vor Ort, die das EU-Projekt durchführt.“

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Muslime in Indien Ameisen, Allah und andere Götter

Die Hindunationalisten in Indien hetzen gegen Muslime. Doch freie Medien, eine starke Zivilgesellschaft und Demokratie weisen die Extremisten auf beiden Seiten in die Schranken. Mehr Von Friederike Böge, Muzaffarnagar/Deoband

22.10.2014, 14:33 Uhr | Politik
Türkische Polizei kämpft gegen Entführungen

In nur fünf Jahren musste die Polizei in der Türkei nach mehr als 14.000 Kindern fahnden. Die meisten werden zwar wiedergefunden, dennoch sind bis heute 1.500 Kinder verschwunden. Laut Polizei steckt oft der Handel mit Organen, Sklaven und Kindersoldaten dahinter. Mehr

19.06.2014, 12:52 Uhr | Gesellschaft
Sri Lanka 150 Tote nach Erdrutsch befürchtet

Nach starken Regenfällen hat ein Erdrutsch Teile eines Dorfs in Sri Lanka verwüstet. Hunderte Soldaten sind angereist, um sich an den Rettungsarbeiten zu beteiligen. Doch die Überlebenschancen der Vermissten sind schlecht. Mehr

29.10.2014, 08:16 Uhr | Gesellschaft
Roma-Bürgermeister krempelt Dorf um

Ungarische Medien sprechen vom "Wunder von Cserdi": In dem kleinen Dorf im Süden Ungarns, in dem viele Roma wohnen, herrschte vor wenigen Jahren eine Arbeitslosigkeit von fast 100 Prozent; die Kriminalitätsrate war hoch. Mittlerweile zeigt sich in Cserdi ein ganz anderes Bild - dank der unkonventionellen Methoden eines ungewöhnlichen Bürgermeisters. Mehr

19.09.2014, 15:05 Uhr | Gesellschaft
Radikalisierung unter Jugendlichen Nur kurz in die Bibliothek

Drei Teenager aus Denver wollen in den Dschihad reisen. Doch vor dem Weiterflug in die Türkei werden sie auf dem Frankfurter Flughafen von deutschen Behörden gestoppt. Mehr Von Jochen Stahnke

22.10.2014, 21:36 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 24.02.2013, 11:44 Uhr

Anarchie oder Diktatur

Von Rainer Hermann

Der „Arabische Frühling“ ist gescheitert. Der Nahe Osten ist entgegen aller Hoffnung weder demokratisch noch stabil. Die Möglichkeiten lauten nun Anarchie oder Diktatur. Mehr 3