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Russland : Vertreibung aus Nächstenliebe

Schön hier: Der damalige Ministerpräsident Putin zu Besuch in der Gegend von Walaam im August 2011 Bild: Reuters

Auf der Insel Walaam im Nordwesten Russlands tobt ein Kampf mit ungleichen Mitteln. Unter Berufung auf Ordnung und Barmherzigkeit treibt ein Kloster die Umsiedlung der letzten Einwohner aufs Festland voran. Aber wen stören sie eigentlich?

          Über den Wassern ragt ein Turm empor. Er gehört zur Erlöser-Verklärungs-Kathedrale des Klosters auf der Insel Walaam im Ladogasee. Wenn Dunst über dem Wasser liegt, wenn es trübe ist, brechen kleinere Boote vom Festland nur mit Navigationsgerät hierher auf. Sonst könnten sie die Insel verfehlen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Walaam und sein Archipel aus vier Dutzend Inseln sind das Juwel des Ladogasees, des größten europäischen Sees nahe Russlands Grenze zu Finnland. Seine Fläche ist mehr als dreißig Mal größer als die des Bodensees. Fichtenwälder bedecken einen Großteil der Inseln, in Jahrtausenden glattgespülte Steine erheben sich aus dem Wasser. In ihrer Schönheit und Abgeschiedenheit sind Insel und Kloster ein Ort der Einkehr für Mönche, ziehen Pilger und Touristen an – und Russlands Reiche und Mächtige. Diese sorgen dafür, dass das Kloster, alte Kapellen und Skiten, Einsiedeleien für Mönche, in neuem Glanz erstrahlen und dass weitere gebaut werden, obwohl der Archipel unter Naturschutz steht. Mit jedem Jahr wird Walaam so mehr zum Paradebeispiel für den Paarlauf von Geist und Macht in Russland unter der Herrschaft Wladimir Putins.

          „Ich habe die Aufgabe, Sie von hier zu entfernen“

          Doch noch ist die Harmonie nicht vollkommen. Letzte Vertreter einer weltlichen Inselbevölkerung stören sie. Zähe Walaamer, die nicht weichen wollen, aller Mühen des Klosters zum Trotz, das seine Anstrengungen selbst als Akte von „Liebe“ und „Barmherzigkeit“ bezeichnet. Es ist ein ungleicher Kampf, in dem sich beide Seiten der Eroberung und Rechtsbeugung bezichtigen. Mit klarem Machtvorteil beim Kloster.

          An diesem Tag, an dem die Sonne Kreuze und Kuppeln glänzen lässt, wird die klösterliche Liebe durch zwei bullige junge Männer verkörpert. Am Hafen der Bucht unterhalb der Kathedrale steigen sie aus einem schwarzen Geländewagen, mit Sonnenbrillen, Zigaretten und in schwarzen Uniformen, auf denen „Sicherheitsdienst“ steht. Sie steuern auf drei Händler zu, zwei Männer und eine Frau, die auf Klapptischchen ihre Waren ausgebreitet haben: Karten der Insel, Frösche aus Halbedelstein, Vasen, Holzschnitzereien.

          Bis vor kurzem hatten die Händler Verkaufsbuden des Klosters gepachtet. Doch das Kloster ließ den Vertrag auslaufen und die Buden abreißen. Gerade planiert ein Baufahrzeug den Grund, auf dem sie standen. Patriarch Kirill, das Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche, hatte vor einem Jahr bei einem Besuch auf der Insel geklagt, früher seien Mönche und Pilger mit dem Gesang „Oh, wundervolle Insel Walaam“ empfangen und mit einer Andacht verabschiedet worden; heute würden Gäste dagegen von „privaten Unternehmern mit einem Angebot von Waren, die oftmals sogar unorthodoxen Charakter haben“ begrüßt. Die Händler versuchen nun, direkt am Kai Käufer zu finden. Der Hafen liegt nicht auf Klostergebiet, sondern auf öffentlichem Grund der Stadt Sortawala, der nächsten Stadt auf dem Festland. Dennoch fordern die Sicherheitsmänner die Händler auf zu verschwinden. Ausweisen wollen sie sich nicht. „Ich habe die Aufgabe, Sie von hier zu entfernen“, sagt einer nur.

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