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Ukraine-Konflikt : Putins Schlachtplan

Wladimir Putin im August bei einem Besuch der Schwarzmeerflotte in Sotschi Bild: dpa

Die Invasion der Ukraine ist seit Anfang 2013 geplant worden. Russland wollte von Guerrillakämpfern lernen, erprobte neue Formen der Kriegsführung. Und der Westen bekam davon nichts mit.

          Als russische Truppen Ende Februar die ukrainische Halbinsel Krim eroberten, war die westliche Welt schockiert und empört. Niemand hatte damit gerechnet. Der Angriff wirkte wie eine improvisierte und spontane Reaktion Präsident Putins auf die Flucht seines Verbündeten Viktor Janukowitsch aus Kiew. Heute, ein halbes Jahr später, muss diese Deutung korrigiert werden. Tatsächlich war die russische Invasion von langer Hand geplant, vorbereitet und geübt worden. Sie begann auch nicht erst nach dem Sturz Janukowitschs, sondern war schon vorher angelaufen. Dafür gibt es etliche Belege.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Besonders wichtig ist eine Rede des russischen Generalstabschefs Walerij Gerassimow Ende Januar 2013. Gerassimow sprach vor der Jahresversammlung der Russischen Akademie für Militärwissenschaft. Es war sein erster programmatischer Auftritt nach drei Monaten im Amt. Die Rede wurde angekündigt als Beitrag über die „neue Rolle des Generalstabs“. Tatsächlich sprach der Armeegeneral aber über eine neue Form der Kriegsführung.

          Im 21. Jahrhundert, so sagte Gerassimow damals, lösten sich die Grenzen zwischen Krieg und Frieden auf. Kriege würden nicht mehr erklärt, und sie verliefen nach einem „ungewohnten Muster“. Es zeige sich, dass ein „blühender Staat in wenigen Monaten oder sogar Tagen in eine Arena für erbitterte bewaffnete Auseinandersetzungen verwandelt werden kann, dass er Opfer einer ausländischen Intervention werden kann und in Chaos, einer humanitären Notlage und Bürgerkrieg versinkt“.

          Der offene Einsatz von Truppen ist der letzten Phase vorbehalten

          Gerassimow führte diese neue Form des Krieges auf die „Farbenrevolutionen“ in Nordafrika und im Nahen Osten zurück. Tatsächlich dürfte ihm die „orange Revolution“ in der Ukraine im Sinn gewesen sein. Nach russischer Lesart haben die Amerikaner 2004 Massenunruhen im Nachbarland herbeigeführt und einem ihnen wohlgesinnten Präsidenten an die Macht verholfen. Der Generalstabschef hätte das verurteilen können. Stattdessen wagte er etwas Revolutionäres: Er fordert seine Zuhörer auf, von Siegern Siegen zu lernen. „Die Regeln des Krieges haben sich verändert“, sagte er. Politische Ziele seien nicht mehr allein mit konventioneller Feuerkraft zu erreichen, sondern durch den „breit gestreuten Einsatz von Desinformationen, von politischen, ökonomischen, humanitären und anderen nichtmilitärischen Maßnahmen, die in Verbindung mit dem Protestpotential der Bevölkerung zum Einsatz kommen“. Kurz gesagt, plädiert Gerassimow dafür, dass die imperiale Macht Russland sich Methoden von Guerrillakämpfern aneignet. Der russische Begriff dafür ist „nichtlineare Kriegsführung“, die Nato spricht von hybrider, also gemischter Kriegsführung.

          Militärische Maßnahmen seien zwar erforderlich, sagte der Generalstabschef weiter, aber sie müssten einen „verdeckten Charakter“ haben: Dazu gehörten Angriffe auf Informationssysteme und der Einsatz von Spezialtruppen. „Der offene Einsatz von Truppen – oftmals unter dem Deckmantel von Friedenserhaltung und Krisenbewältigung – kommt erst zu einem späten Zeitpunkt in Betracht, vor allem, um in einem Konflikt endgültig zu gewinnen“, so Gerassimow. Entscheidend dafür seien „Geschwindigkeit, schnelle Bewegungen, der kluge Einsatz von Fallschirmjägern und das Einkreisen feindlicher Kräfte“, wie es die russischen Truppen schon in Afghanistan praktiziert hätten.

          Großmanöver „Westen“

          Der Armeegeneral wies darauf hin, dass 2009 mit Gesetzesänderungen der Einsatz von Truppen außerhalb der russischen Grenzen erleichtert worden sei. Sie ermöglichen nämlich militärische Operationen zum „Schutz von Russen im Ausland“. Moskau rechtfertigte damit im Nachhinein seine Intervention im georgischen Bürgerkrieg. Gerassimow verlangte nun zusätzlich, dass die „Verfahren zum Überschreiten von Staatsgrenzen vereinfacht werden“.

          Gerassimows Ausführungen waren allgemein, die Ukraine kam darin nicht vor. Vielleicht fielen sie deshalb niemandem im Westen auf. Die Rede war frei zugänglich, sie wurde sowohl auf der Website der Akademie für Militärwissenschaft veröffentlicht als auch von einer russischen Fachzeitschrift. Westliche Sicherheitsfachleute diskutieren jedoch erst darüber, seit der Beitrag Ende Juni ins Englische übersetzt und über das Internet verbreitet wurde. Sie betrachten den Beitrag nun als Vorbereitung auf die Eroberung der Krim.

          Unabhängige Fachleute und Nato-Auswerter sind sich darüber einig, dass diese Invasion nur mit professioneller Planung und Vorbereitung möglich war. Ihr Blick fällt vor allem auf ein gigantisches Manöver im September vergangenen Jahres. Es hieß Zapad (Westen) 2013 und fand in der Exklave Kaliningrad, dem einstigen Königsberg, sowie an der russischen Westgrenze zum Baltikum und in Weißrussland statt. Nach offizieller Darstellung wurde die gemeinsame Verteidigung russischer und weißrussischer Einheiten gegen einen Angriff „illegaler bewaffneter Gruppen“ auf Weißrussland geübt. Beide Staaten meldeten 12.900 Soldaten für die Übung an, sie blieb damit knapp unterhalb der Schwelle, von der an westliche Beobachter hätten zugelassen werden müssen. Die Nato beschwerte sich früh darüber, dass das Ausmaß der Übung viel größer gewesen sei – in Wirklichkeit wohl eher 70.000 Soldaten.

          Eroberung des gesamten Baltikums war das Ziel

          Stephen Blank, langjähriger Professor am US Army War College und einer der besten Kenner des russischen Militärs, schrieb kurz nach der Übung in einer Analyse, dass die „illegalen bewaffneten Gruppen“ gemäß dem Manöverplan aus Litauen stammten. Ihre Aufgabe habe darin bestanden, „in Weißrussland Operationen gegen den Staat durchzuführen und dabei ihren unterdrückten ethnischen Landsleuten zu Hilfe zu eilen“. In Wahrheit gibt es keine litauische Minderheit in Weißrussland. „Jene russischen Einheiten, die gemäß dem Manöverdrehbuch die Angreifer spielten, haben einen Einsatz geübt, wie wir ihn später auf der Krim und heute im Osten der Ukraine erleben“, sagt Blank heute. Und das ist keine Theorie. Denn es handelte sich sogar um dieselben Bataillone.

          Das Manöver ist noch aus einem zweiten Grund von Bedeutung: Der Gegenschlag der Verteidiger war nach heutiger Einschätzung der Nato auf die Eroberung des gesamten Baltikums angelegt. Zu den Manöverelementen gehörten eine große Landeoperation von der Ostsee her, Kämpfe im städtischen Umfeld sowie Angriffe von Land mit Infanterie, Panzern und Kurzstreckenraketen, die nuklear bestückt werden können. Präsident Putin lobte den Verlauf des Manövers. Die Truppen hätten ihre hohe Einsatzbereitschaft bewiesen und gezeigt, dass sie das Gefecht im Verbund der Waffengattungen beherrschten.

          Chronologie der Krim-Invasion

          Es ist nicht klar, wann Putin entschieden hat, die neue Form der Kriegsführung auf der Krim anzuwenden. Nach amerikanischen Berichten wurde das Weiße Haus erstmals im Dezember 2013 vor einer Invasion der ukrainischen Halbinsel gewarnt. Die Nachrichtendienste hatten beobachtet, wie Spezialkräfte über Monate hinweg in kleinen Gruppen dorthin verlegt worden waren. Sie fanden Unterschlupf in den Einrichtungen der russischen Schwarzmeerflotte, die in Sewastopol und Umgebung stationiert war. Im selben Monat äußerte sich Putin erstmals besorgt über das Schicksal seiner „Landsleute“ auf der Krim. Ein Abgeordneter des Regionalparlaments rief die russischen Streitkräfte zu Hilfe. Im Februar sollte Janukowitsch nach ukrainischen Berichten ein Dokument unterzeichnen, mit dem er Russland formal um militärische Hilfe bat – was der ukrainische Präsident jedoch ablehnte.

          Unmittelbar nach Janukowitschs Flucht aus Kiew am 22. Februar meldete die russische Marine, dass ein Landungsschiff mit Marineinfanteristen und Schützenpanzern nach Sewastopol verlegt worden sei. Auf einer zentralen Verkehrsachse der Krim wurden Panzersperren gesichtet. Und an der russischen Schwarzmeerküste nahe der Halbinsel trafen Fallschirmjäger aus Moskau ein.

          Die Invasion der Krim hatte begonnen. Während der Westen noch darüber grübelte, wie Putin auf die Revolution in Kiew reagieren würde, schuf der russische Präsident Tatsachen.

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