Das wichtigste Talent der russischen Zivilisation ist der Widerstand. Ob Christen unter der Sowjetmacht den Glauben lebendig hielten, ob die Intelligenzia die europäische Kultur pflegte oder heute für einen Hungerlohn alte Sprachen lehrt: alles Wertvolle muss permanent erkämpft werden. Manche werden für ihren Widerstand bestraft. Und manche lassen sich selbst davon nicht demoralisieren - ihnen ist die Hochachtung der Russen gewiss. Das gilt auch für die beiden zu je zwei Jahren Haft verurteilten jungen Mütter aus der Punk-Gruppe „Pussy Riot“, Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina. Der Schriftsteller Dmitri Bykow hat im Scherz schon prophezeit, eine von beiden würde sicher einmal Kulturministerin.
Die 24 Jahre alte Philosophiestudentin Tolokonnikowa und die ein Jahr ältere Literaturstudentin Aljochina sitzen in Besserungskolonien in Mordowien und im Landkreis Perm ein, beides untervölkerte Regionen mit hoher Dichte an Strafvollzugsanstalten. Die Journalistin Jelena Masjuk, die zugleich Mitglied des Präsidentenrats für Menschenrechte und Entwicklung der Zivilgesellschaft ist, hat die beiden besucht und für die „Nowaja gaseta“ lange Gespräche mit ihnen geführt. Dabei zeichnen sich zwei gegensätzliche Charaktere und Widerstandsmuster ab. Die stolze Theoretikerin von „Pussy Riot“, Nadeschda Tolokonnikowa, die schon vor Gericht Bibelverse, Pythagoras und Sokrates zitierte, versucht, sich möglichst ohne Verluste dem Arbeitsalltag des Gefängnisses einzupassen, sie schirmt ihr Denken und Fühlen ab. Die impulsivere Maria Aljochina hingegen, die in Freiheit in einer christlich-orthodoxen Jugendorganisation behinderte Kinder betreute und die sich schon in Untersuchungshaft über Essens- und Schlafentzug beschwerte, versucht auch in der Strafkolonie, gegen Missstände vorzugehen. Damit macht sie sich neue Feinde. Beide verstehen sich zugleich emphatisch als Christinnen und betonen, dass sie keinerlei Groll gegen diejenigen hegen, die sie hinter Gitter gebracht haben.
Weibliche Hygiene als unerreichbarer Luxus
Das war in ihrem Fall die Richterin Marina Syrowa, obwohl diese, wie es bei russischen Strafprozessen üblich ist, zumal bei solchen mit politischem Gewicht, den Prozess nur formell führte. In Wahrheit war sie Erfüllungsgehilfin der Staatsanwaltschaft. Auch aus diesem Grund gibt es im Land so viele Richterinnen: weil Frauen eher bereit sind, sich unterzuordnen. Frau Syrowa sei so gesichtslos gewesen, dass sie sich gar nicht an sie erinnern könnten, sagen Tolokonnikowa und Aljochina unabhängig voneinander in den Interviews. Nadeschda Tolokonnikowa sitzt in der berüchtigten, „Mordowlag“ genannten Kolonie Nr. 14 ein, wo auch die Nationalistin Jewgenia Chasis inhaftiert ist, die wegen Beihilfe zum Mord zu 18 Jahren Haft verurteilt wurde. Chasis verbreitet übers Internet, die Zellengenossinnen in der Provinz hätten für die hochgemute „Pussy Riot“-Heldin aus der Hauptstadt nur wenig Sympathien.
Zu den prominenten Bewohnern von „Mordowlag“ gehörte unter anderen Swetlana Bachmina, die frühere Juristin in Chodorkowskijs „Yukos“-Konzern, die wegen Unterschlagung und Steuerhinterziehung mehr als vier Jahre hier verbrachte. Sie bekannte später, in der Strafkolonie sei sie als Erstes darüber erschrocken gewesen, dass Mehrfachmörder und Rauschgifthändler mit „Ökonomischen“ und Kleindieben unterschiedslos zusammengepfercht wurden. Sie wurde in der Haft schwanger und war schon darauf gefasst, auf der Krankenstation des Gefängnisses entbinden zu müssen. Doch wohl weil die Medien ständig über ihren Fall berichteten, brachte man sie noch rechtzeitig in eine Klinik nahe Moskau.
Bis vorigen Herbst saß außerdem Sara Murtasaliewa hier, jene tschetschenische Sprachstudentin, die in einem Verfahren mit untergeschobenen Beweismitteln wegen angeblicher Vorbereitung von Sprengstoffanschlägen in Moskau zu acht Jahren Haft verurteilt wurde. Murtasaliewa sagte nach ihrer Entlassung, weibliche Hygiene sei im Straflager ein unerreichbarer Luxus. Für Waschen, Anziehen und Kämmen habe man fünfzehn Minuten. Ins Schwitzbad komme man einmal pro Woche, und dabei drängelten sich fünfzig Personen unter viel zu wenig Duschbrausen. Psychisch sei der Druck im Frauengefängnis sogar schlimmer als bei den Männern. Denn während sich bei Männern eine klare Hierarchie etabliere, seien Frauen eher egalitär, insgesamt giftiger und könnten schon mal wild übereinander herfallen. Es sei schlimm, mit immer den gleichen Leuten auf engstem Raum zusammenzuleben, sagte Murtasaliewa. Sie habe erlebt, wie normale Gefangene deswegen wahnsinnig wurden oder sich die Venen öffneten. Am schlimmsten jedoch sei es gewesen, dass die Aufseher, die sie als Terroristin beschimpften, sie regelmäßig durchprügelten. Erst nachdem eine Kommission der Europäischen Union die Kolonie inspizierte, sollen die Verhältnisse besser geworden sein.
Eine völlige Verwilderung
Nadeschda Tolokonnikowa näht, wie alle Sträflinge in „Mordowlag“, von früh bis spät Uniformkleidung, derzeit Jackenfutter. Die Norm ist 320 Stück pro Tag, daher muss es flott gehen, was Tolokonnikowa, wie sie in den Interviews angibt, nicht immer leichtfällt. Das ärgere die Mithäftlinge, dabei habe ihre Brigade den Plan immer erfüllt, sagt Tolokonnikowa. Als Lohn bekommt sie nach Abzügen für Strom und Heizung, Essen sowie Gefängniskleidung, die dem Neuling auf Kredit gestellt wird, neun Euro im Monat. Später, wenn die Kleidung abbezahlt ist, kann es drei- bis viermal so viel werden.
Uniform und Schuhe sind aus synthetischem Material - im Winter, wo es bis minus dreißig Grad kalt wird, wärmen sie nicht. Doch Tolokonnikowa achtet auf das alles nicht. Durch Meditation halte sie sich innerlich fern von allem, sagt sie. Sich „abfrieren“ heißt der Gefängnisjargonausdruck dafür, der gleichzeitig eine völlige Verwilderung bedeutet. Spurlos geht dieser Prozess aber nicht an ihr vorbei: Diese Woche berichtete das dritte verurteilte Pussy-Riot-Mitglied, Jekaterina Samuzewitsch, die auf Bewährung frei gelassen wurde, dass Tolokonnikowa sich im Gefängniskrankenhaus befinde. Dort werde sie allerdings nur beobachtet. Sie soll schon früher Gesundheitsprobleme gehabt haben, insbesondere starke Kopfschmerzen.
Maria Aljochina befindet sich in der Permer Kolonie Nr. 28 in Einzelhaft, angeblich zur Strafe, weil sie einmal den Weckruf um halb sechs nicht gehört habe. Sie selbst glaubt, dass es einen anderen Grund dafür gibt: Sie solle nicht beobachten, wie die Lageraufsicht mit „fremden Händen“ Disziplin in der Zone herstellt. Die „fremden Hände“ sind Langzeitgefangene, die im Auftrag der Lageraufsicht Mithäftlinge denunzieren, weil sie angeblich zur Unzeit geschlafen hätten, eine Feile bei sich trügen oder einen Beschwerdebrief schreiben wollten. Die Denunzierten werden dann von der Aufsicht gezüchtigt - und die Kollaborateure im Gegenzug besser behandelt. Die altbewährte Methode ist seit vorigem Jahr offiziell verboten, wird jedoch weiter praktiziert. In der Häftlingsgruppe von Maria Aljochina spielt das Pärchen Nonna Iwanowa und Aljona Kotschur, die wegen Rauschgifthandel und Mordes einsitzen, Disziplinwächter. Dafür hoffen sie, frühzeitig entlassen zu werden.
Im „Mordowlag“ wird jetzt Slavoj Žižek gelesen
Maria Aljochina habe gleich begonnen, sich wichtig zu machen, sagen Iwanowa und Kotschur ebenfalls im Gespräch mit der Journalistin Jelena Masjuk. Sie habe Häftlingsrechte eingeklagt, faire Entlohnung verlangt und gewollt, dass alle mit „Sie“ angeredet würden - kurz: sie attackierte die bestehende Ordnung. Die Kollaborateurinnen bedrohten Aljochina. Die Aufsicht bestrafte dann sicherheitshalber beide Seiten. Iwanowa und Kotschur bekamen fünf Tage Einzelhaft. Ihre frühzeitige Entlassung ist nun unwahrscheinlich, daher hassen sie Aljochina jetzt umso mehr.
Diese wagte es als Einzige, dem Leiter der Gesellschaftlichen Beobachtungskommission für Perm, Sergej Issajew, zu schreiben, und der empfing sie sogar in der Kolonie. Auch bei ihm beschwerte sie sich, dass die Winterkleidung der Häftlinge viel zu dünn sei, dass sie keine Möglichkeit hätten, sich die Haare zu waschen. Doch anschließend landete sie ebenfalls in Isolationshaft, und zwar auf Dauer. Die Anstaltsleitung behauptet, ihr drohe Gefahr von Mitgefangenen, was Aljochina als absurd bezeichnet. Zu ihrer Bestürzung erklärte Kommissionsleiter Issajew gegenüber der Presse dann auch noch, Aljochina habe bei ihrem Treffen keinerlei Beschwerden über die Zustände in ihrer Kolonie vorgebracht.
Dennoch geben Aljochina und Tolokonnikowa sich guten Mutes. Aljochina findet ihr Permer Gefängnis sogar auf eigentümliche Weise schön. Es sei ein Ort, der an einen Godard-Film erinnere und viel von sich erzähle, sagt sie, beispielsweise von Häftlingen wie Warlam Schalamow und Wladimir Bukowski, die im Permer Gebiet gesessen hätten. Tolokonnikowa hat ihre mitgebrachten Bücher in die Gefängnisbibliothek gegeben und meldet, dass im „Mordowlag“ jetzt Slavoj Žižek gelesen werde. Ihre eigene Hauptlektüre ist derzeit die Bibel. Sie halte viel von der protestantischen Hinwendung zu den Quellen, sagt sie. Ihre eigene ungerechte Haftstrafe komme ihr umso weniger der Rede wert vor, beteuert sie, als sie jetzt oft daran denke, dass und wofür Jesus gestorben ist.
Zur Unterstützung
Ludgar Mankowski (Ludgar1965)
- 05.02.2013, 21:20 Uhr
Harte Lebensbedingungen?
Gerhard Katz (spital8katz)
- 04.02.2013, 19:54 Uhr
Kein schlimmer Unrecht in der Welt
Stefan Kugl (Kugll)
- 03.02.2013, 13:36 Uhr
Viele Maskenmädchen sind nicht des Geheimdiensthasen Tod
Lope de Aguirre (ZornGottes)
- 03.02.2013, 13:30 Uhr
eine psych. Klinik wäre zu empfehlen
konrad zuse (leonardo123)
- 03.02.2013, 13:16 Uhr
