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Vergewaltigungen in Rotherham : Die beschwiegene ethnische Dimension

In Rotherham soll ein Vergewaltigerring sein Unwesen getrieben haben. Bild: dpa

In Sheffield wird einem Ring von Vergewaltigern der Prozess gemacht. Ihnen werden schlimmste Straftaten gegen 14 Mädchen vorgeworfen. Die Zahl der tatsächlichen Opfer soll viel höher liegen.

          Vor dem „Sheffield Crown Court“ hat ein Prozess gegen acht Angeklagte begonnen, die im nahegelegenen Rotherham junge Mädchen sexuell missbraucht und vergewaltigt haben sollen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Gegenstand des Verfahrens sind Straftaten gegen 14 Minderjährige, was ein Licht auf die Schwierigkeiten, vielleicht auch auf den Nachdruck der Ermittlungen wirft. Denn insgesamt, so führten zwei unabhängige Gutachten aus, wurden in den Jahren 1997 bis 2013 mehr als 1400 Mädchen in dem Ort vergewaltigt. Die Täter, so die Gutachten, stammen überwiegend aus dem Milieu pakistanischer Einwanderer, was den Skandal politisch aufgeladen hat. Umso bemerkenswerter scheint es, dass die Briten dem Prozess in Sheffield bislang keine Aufmerksamkeit schenken.

          Schon im November stritten die Angeklagten alles ab, was ihnen zur Last gelegt wird. Sie wurden bis zum Hauptverfahren auf freien Fuß gesetzt. Neben den sechs Männern im Alter von 36 bis 58 sitzen seit Montag auch zwei Frauen ohne Migrationshintergrund auf der Anklagebank, denen Kuppelei und Beihilfe zur Vergewaltigung vorgeworfen wird.

          Zu Prozessbeginn wurden zunächst Verfahrensfragen geklärt und eine Jury gebildet.  Die für Mittwoch von der Staatsanwaltschaft geplante Verlesung der Klageschrift wurde verschoben.

          Es ist nicht das erste Verfahren dieser Art. 2010 waren fünf Männer aus Rotherham verurteilt worden, die Mädchen über Jahre hinweg als Sexgeiseln gehalten hatten. Gemessen am Ausmaß der Verbrechen und der langen Zeit, die sie bei den Behörden aktenkundig gewesen waren, nehmen sich die Erfolge der Strafverfolgung jedoch gering aus.

          Schon seit 2001 wissen die Stadtoberen Bescheid. Damals hatte die Regierung in London im Rahmen eines „Verbrechensbekämpfungsprogramms“ Studien in ausgewählten Regionen erstellen lassen, darunter Rotherham. Dieses erste Gutachten hatte bereits viele Missstände aufgedeckt: Stadtbedienstete, die klare Hinweise missachteten, Polizisten, die Vergewaltigungsopfer einschüchterten statt deren Anzeigen aufzunehmen und die auf Razzien minderjährige Mädchen festnahmen und nicht deren Zuhälter. Die Gutachterin berichtete später, die Stadtoberen hätten auf ihre Ergebnisse „mit Widerstand und Feindseligkeit“ reagiert. Selbst der Polizeichef habe ihr bedeutet, „so etwas nie wieder zu tun“.

          Erst nachdem die Zeitung „The Times“ über den Fall berichtete und die Arbeit der Zuhälterringe und das Versagen der Behörden recherchierte, wurde über den Skandal breiter diskutiert. Im August 2014 legte die Wissenschaftlerin und Sozialarbeiterin Alexis Jay ein ausführliches Gutachten vor, das die Briten aufrüttelte. Unter Rückgriff auf zahlreiche Zeugenaussagen sprach sie von einem „Kollektivversagen“ von Politik, Polizei und Sozialbehörden. Bei den Opfern – die jüngsten waren elf Jahre alt – handelt es sich überwiegend um Töchter aus zerrütteten Familien, manche mit psychischen Problemen.

          Betroffene Eltern wurden eingesperrt

          Berichte über die Zustände in Rotherham seien von den Behörden „unterdrückt oder ignoriert“ worden, hieß es in dem Jay-Bericht. Er bestätigte, dass Sozialarbeiter, die die Lage der Sexualopfer an die Polizei und das Jugendamt weitergemeldet hatten, von Vorgesetzten zurechtgewiesen und beruflich herabgestuft worden waren. Opfer, die sich bei der Polizei gemeldet hatten, seien „mit Verachtung“ behandelt, Eltern betroffener Mädchen von der Polizei abgewiesen oder sogar eingesperrt worden.

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          Jays Bericht hielt fest, „dass die Mehrheit der Kinderschänder in Großbritannien weiße Männer sind“, bevor er darauf zu sprechen kam, dass die Täter in Rotherham mehrheitlich pakistanischer Herkunft sind, während ihre Opfer überwiegend weiße Mädchen waren. Führende Lokalpolitiker und Polizisten hätten die „ethnische Dimension heruntergespielt“, wurde festgestellt. „Einige Stadtangestellte beschrieben ihre Nervosität, die ethnischen Wurzeln der Täter zu identifizieren, weil sie befürchteten, für rassistisch gehalten zu werden“, hieß es in dem Bericht. „Andere erinnerten sich an klare Weisungen, so zu handeln.“

          Der gesamte Stadtrat trat zurück

          Der Bericht zitierte Lokalpolitiker, die befürchteten, mit der Bekanntgabe der Herkunft der Täter rechtsradikale Gruppierungen zu stärken. Zu Wort kamen auch junge Leute, die die Lage im von der Labour Party regierten Rotherham in den vergangenen Jahren so wahrnahmen, „dass die Polizei nichts gegen asiatische Jugendliche zu tun wagt, aus Angst vor Rassismusvorwürfen“. Im Februar dieses Jahres legte eine weitere Gutachterin, Louise Casey, nach. Sie beklagte unter anderem eine „Kultur unangebrachter politischer Korrektheit“ und wendete den Skandal ins Politische: Ranghohe Repräsentanten der Stadt hätten die Verbrechen „geleugnet“ und seien „ihrer Aufgabe nicht gewachsen“.

          In Zeitungen wurde sogar der Verdacht geäußert, dass einige der Stadträte persönlich verwickelt seien. Die Regierung in London sprach gar vom „kompletten Versagen“ einer „dysfunktionalen“ Lokalverwaltung und schickte – nach dem Rücktritt des gesamten Stadtrats – eine kommissarische Vertretung nach Rotherham. Soweit kam es andernorts noch nicht, aber nach einem Bericht der BBC vom Februar sind in mindestens zehn weiteren Städten Zuhälter- und Vergewaltigerbanden verhaftet worden, die nach ähnlichem Muster verfuhren.

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